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Die erste Brücke ist geschlagen. Zum Eröffnungskonzert des Festivals ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln

11. Mai 2011     |    Kommentare geschlossen

Die Brücke als ein Ort des Überschreitens, ein Ort, der zu neuem, unbekanntem Terrain führt, ein Ort, der jedenfalls neugierig macht auf das, was einen dahinter erwartet. Dieser Leitgedanke liegt dem erstmalig ausgetragenen Neue Musik Festival ACHT BRÜCKEN |  Musik für Köln zugrunde, das am Sonntag in der Kölner Philharmonie eröffnet wurde. Eine Brücke zur neuen Musik zu bauen, dieses Gebiet zu erwandern, zu erforschen, im besten Sinne zu erleben: dazu hat das Publikum nun eine ganze Woche lang in zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten die Gelegenheit.

Zum Auftakt hatte man keinen geringeren als Pierre Boulez engagiert, eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten der zeitgenössischen Musik, der zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra (MCO) und dem Geiger Michael Barenboim ein exquisites Programm gestaltete. Boulez ist im Laufe des Festivals auch ein Programmschwerpunkt gewidmet, dabei werden Kompositionen aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden zu hören sein. Das Eröffnungskonzert allerdings legte man etwas „traditioneller“ an, vielleicht auch, um das Publikum erst langsam an die Musik des 20. bzw. 21 Jahrhunderts heranzuführen. Maurice Ravels Ma mére l´oye stand am Anfang dieses Abends in der vollbesetzten Philharmonie. Eine Sammlung von kindlich anmutenden Stücken, denen Märchen von Charles Perrault zugrunde liegen und die in ihrer tonmalerisch-verträumten Weise viele Anklänge an die Romantik aufweisen. Auffallend schlicht, bisweilen distanziert, gingen Pierre Boulez und das MCO an die Sache heran. Das ganze Stück über war eine gewisse Zurückhaltung in der Interpretation zu spüren, die Grundstimmung blieb gedämpft, dynamische Steigerungen kontrolliert. Gleichzeitig aber kam eine wunderbare Poesie zum Tragen, und Klangfarben wurden in ihrer ganzen Vielfalt ausgebreitet. Erstaunlich, zu welchem pianissimo das MCO fähig ist, die einzelnen Stimmen aber nichts an Klarheit und Struktur einbüßen. Hervorragende Soli wie von Klarinette, Oboe oder Flöte sowie der samtige Streicherklang zeichnen dieses Orchester aus. Von der Eleganz und Atmosphärik eines Ravel zur Sprödheit und Komplexität eines späten Schönberg: dessen selten gespieltes Violinkonzert op. 36 ist gewiss kein Werk, dass sich dem Zuhörer leicht erschließt, oder gar eingängig ist. Die schroffe Klangsprache, der sperrige Gestus verlangen dem Hörer einiges ab. Mit Michael Barenboim war ein Solist am Werk, der sich völlig uneitel in den Dienst der Sache stellte und den Solopart höchst konzentriert umsetzte. Eine perfekte Technik, ein runder, voller Ton, aber auch eine gewisse stoische Grundhaltung kennzeichnen sein Spiel. Was die Komposition angeht, ist es keineswegs so, dass diese nur mit trocken oder abstrakt zu beschreiben wäre. Im Verlauf des Stücks, speziell im zweiten Satz, wurde einem auch das hohe Maß an Expressivität bewusst, die dieser Komposition innewohnt. Ein stärkeres Herausarbeiten dieser Expressivität hätte man sich von Michael Barenboim gewünscht, aber auch von Pierre Boulez selbst. Bei aller Wertschätzung für Boulez: etwas mehr ansteckende Leidenschaft und etwas weniger kühler Minimalismus in seinem Dirigat würden der Interpretation nicht schaden. Dennoch: ein spannendes Werk, das sich zum Höhepunkt des Abends entwickelte.

Nach der Pause stand dann ein weiteres Werk der klassischen Moderne auf dem Programm: die Ballettmusik Pétrouchka von Igor Strawinsky. Die Geschichte der Marionette Pétrouchka wurde von Boulez und dem MCO mit viel Klangsinn und rhytmisch pointiert umgesetzt. Eine starke Betonung lag auf dem volksliedhaften, musikantischen Element. Die Stimmungswechsel zwischen den einzelnen Abschnitten und Bildern, die sarkastischen und verfremdeten Einwürfe der unterschiedlichen Instrumente, all das wurde höchst überzeugend präsentiert. Hervorzuheben sind auch die solistischen Leistungen, allen voran der virtuose Klavierpart oder die mit großem Klang und improvisatorischem Gestus aufspielende Klarinette.

Eines steht nach diesem Konzert schon fest: die Voraussetzungen für ein Gelingen dieses Festivals sind gegeben. Ein hochkonzentriertes Publikum, das mitverantwortlich war für die besonders spannungsreiche Energie an diesem Abend, interessante Künstler und ein ebensolches Programm, das in dieser Woche noch vieles zu bieten hat, sprechen für sich. Das Ziel, Köln zur Musikstadt Nr.1 zu machen, wie es der Staatssekretär für Kultur in Köln, Klaus Schäfer, in seiner Eingangsansprache formuliert hat, ist seit Sonntag jedenfalls ein gutes Stück näher gerückt.

Philipp Weismann, München


 
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