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Radiogeschichte(n) aus Köln

13. Mai 2011     |    Kommentare geschlossen

Die Schreibschule im Hörfunkstudio beim WDR

Radioarbeit ist heute körperliche Arbeit, ein fast plastisches Gestalten. Wer den Tonleuten am WDR bei der Arbeit zusieht, erkennt, dass das Herstellen eines kleinen Beitrags tatsächlich eine bildende Kunst im wörtlichen Sinn sein kann. Da werden die Nahtstellen an den Übergängen zwischen Musik und Sprache verputzt, Unebenheiten von O-Tönen geglättet und aus mehreren Spuren ausgewogene Kompositionen entwickelt. Der Techniker lässt seine Hände geschmeidig und so schnell über die Audio-Workstation gleiten, dass die einzelnen Aktionen kaum noch wahrnehmbar sind. Vorsichtig führt er einen Regler der 0-dB-Marke entgegen, nimmt ihn dann wieder zurück. Auf dem Bildschirm entsteht eine Kurve, so weich, als sei sie von einem japanischen Kalligraphen gezogen.

Klang und Geräusch, das Material von Rundfunkprosa und Radiokunst, sind im digitalen Zeitalter keine flüchtigen Formen mehr. Das Medium hält sie fest, das Interface gibt sie dem Soundarbeiter an die Hand. Er kann heute damit arbeiten wie mit greifbarer Materie. Das war in der neunzig Jahre währenden Geschichte des Radios nicht immer so. Zu Beginn war der Rundfunk nur im Live-Modus machbar, er konnte eine Art Tor öffnen zwischen dem Funkhaus und der Welt. Erst die Schellackplatte, später das Tonband ermöglichten Aufnahme und Wiedergabe.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Denn es war ebenfalls in Köln, im Funkhaus des damaligen NWDR, wo Heinz Schütz zu einem der ersten Klanggestalter im heutigen Sinn wurde. Schütz arbeitete 1952 als Tontechniker im gerade neu gegründeten Studio für Elektronische Musik. Eigentlich sollte er traditionell ausgebildeten Komponisten dabei helfen, mit ihnen fremden Geräten und einem elektronischen Spielinstrument namens Melochord ihre Werke zu realisieren.

Schütz aber begann an der Sache Gefallen zu finden und experimentierte selbst mit der Manipulation von Tonbändern. Zeitzeugen erinnerten sich später daran, wie er auf der Suche nach interessanten Klängen mit kräftigen Körperbewegungen Bandstücke über den Tonkopf zog und wie er versuchte, das Material mittels Schieberegler musikalisch modelliert und zu Klangkomplexen übereinander geschichtet wieder auf Band zu verewigen. In Heinrich Bölls „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ kann man nachlesen, dass die Radioleute sich seinerzeit noch damit begnügten, Tonbandschnipsel zu Wort- oder Musikstrecken zusammenzukleben. Aus der heutigen Rundfunkpraxis ist das beinah unmittelbare Arbeiten mit dem Klang nicht mehr wegzudenken. Wir sprechen hier also von nichts Geringerem als der Geburt des modernen Radios aus dem Geist der Elektronischen Musik. AK

Herbert Eimert und Karlheinz Stockhausen im Kölner Studio für Elektronische Musik


 
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