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Ist John Cage heute noch aktuell?

30. April 2012     |    Kommentare geschlossen

Es ist eher eine Provokation, denn Musik: Bei der Uraufführung (1952) von John Cages wohl
bekanntestem Werk setzte sich der Interpret an das Klavier und drückte nicht eine Taste
herunter. Wie lange er sitzen und schweigen sollte, hatte Cage nicht vorgegeben. Und nur weil
die Uraufführung 4’33“ gedauert hat, entstand dieser griffige Titel: 4’33“. Das Stück reflektiert
zentrale Punkte des Musikverständnisses von John Cage. Er tritt hinter seine Komposition
zurück, nimmt keinen Einfluss auf die Aufführung – selbst die Zahl der Aufführenden ist
beliebig – und überlässt alles dem Zufall des Moments. Die Zuhörer sollen nicht die Musik
auf der Bühne hören, sondern all die anderen Geräusche im Raum und außerhalb des Raums.
So stehen mit einem Mal die zufälligen Umweltgeräusche und der Fluss der Welt im
Vordergrund. Um das zu erkennen, muss der Zuhörer aber eine Offenheit für dieses andere
Hörerlebnis mitbringen und er muss bereit sein sich von der zwanghaften Vorstellung zu
lösen, dass alles einen Sinn hat; ansonsten sieht er in 4’33“ bloß den besten Witz der
Musikgeschichte.
Cage zerstört mit diesem musiklosen Stück die Erwartung der Hörer und sorgt für Irritation –
auch heute noch. 4’33“ steht sehr selten auf dem Spielplan. Das liegt wohl daran, dass sich
Publikum und Veranstalter ungern durch Cages Werk einen Spiegel vorhalten lassen. Das
Stück legt den Fokus auf den Zuhörer anstatt auf den Interpreten und gibt so dem Zufall eine
ungewohnt wichtige Rolle im Konzertsaal. Für viele Hörer ist das kaum zu ertragen. Zudem
ist Cages Lehre von der Leere gegenüber dem Dargebotenen eine neuartige Herausforderung
für den Zuschauer. Die Leere und die Offenheit sind dabei der Schlüssel zu einem
unvoreingenommenen Kulturzugang. Dafür brauchen wir John Cage noch heute.
Susann El Kassar


 
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