Blog

Archiv für Mai 2012

Hinterlassene Spuren

15. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

John Cage und seine besondere Beziehung zu Köln widmet sich ein Programmpunkt des
Acht Brücken Festivals – die Ausstellung „Spurensuche in Köln“ im Foyer der Kölner
Philharmonie. Sie rekonstruiert seine erste Begegnung mit Deutschland und der
Musikkultur, erinnert an seine zahlreichen Besuche, sein Wirken und künstlerisches
Schaffen und sein Kontakt zu Musikern. Neben Köln finden auch andere Städte und
Stationen in Deutschland Erwähnung. Doch vor allem in Köln entstanden Werke wie zum
Beispiel 1979 „Roaratorio“, das ohne Mithilfe von Kölner Künstlern und Musikern völlig
anders ausgesehen hätte.
Cages erster Auftritt in Deutschland am 17. Oktober 1954 war in Donauschingen,
zwei Tage später traf er in Köln ein. Seine „Neue Klaviermusik aus Amerika“ erregte
Aufsehen, denn es waren Klänge zu hören, die manche Zuhörer verstörten. Andere waren
fasziniert von seinen revolutionären Ideen. 1958 gab Cage Kurse bei den bis heute so
wichtigen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt. Seine Ansichten und Ideen, die
vorherrschenden Klang-Struktur-Normen komplett in Frage zu stellen, lösten einen
Skandal aus. Im Fachpublikum gab es Befürworter und Kritiker seiner Theorien und
revolutionären Denkansätze. Zahlreiche Künstler machten Cages Stücke in Deutschland
bekannter. In vielen fand Cage Freunde, sie wurden zu Inspirationsquellen. Der
koreanische Videokünstler Nam June Paik (1932 bis 2006) bekommt in der Ausstellung
Platz, um über seine Zeit mit Cage und die Folgen auf sein eigenes künstlerisches
Schaffen zu berichten. Aber auch Cage äußert über den Koreaner: „Paik’s Arbeit ist
faszinierend und ziemlich oft auch furchterregend. Ich würde es mir jetzt zweimal
überlegen, bevor ich an seiner Performance teilnehme.“ So zeigt die Ausstellung auch
immer wieder einzigartige Momente, die nur von Zeitzeugen rekonstruiert werden können.
Zahlreiche Anekdoten, Privatfotos und handgeschriebene Manuskripte erzeugen eine sehr
private und persönliche Atmosphäre. Ohne Menschen wie Stefan Fricke, der die
Ausstellung realisierte, aber auch Gisela Gronemeyer und Reinhard Oehlschägel –
Gründer der Kölner Zeitschrift „Musiktexte. Zeitschrift für Neue Musik“ – wäre so eine
intime Ausstellung gar nicht möglich gewesen.
Vor allem visuell hat die Ausstellung einiges zu bieten: Notenblätter für „Concert for
piano and orchestra“ von 1957/58 hängen sorgfältig eingerahmt an der Wand. Die
Partituren erinnern eher an eine Landkarte, an Südseeinseln, die von einem einsam
Gestrandeten aufgezeichnet wurden. Trotz der Liebe zum Detail und all den persönlichen
Ausstellungsstücken kommt das Wesentliche absolut zu kurz: Die Musik. Denn macht
nicht vor allem die Musik, das kompositorische Erbe, welches in Köln und anderen Teilen
Deutschlands entstanden ist, das eigentliche Schaffen von John Cage aus? Die
Ausstellung bietet zwar Ansätze, zum Beispiel eine Hörstation, aber es fehlen
Klangexperimente, „Musik zum Anfassen“. So wird man größtenteils mit
Anschauungsmaterial und Partituren bedient, doch die Quintessenz Cages – die Musik –
sie fehlt.
Erik Klügling

Alles kann, nichts muss – Organisierte Freiheit zum Auftakt der ACHT BRÜCKEN am 29. April 2012

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

„Kölle Alaaf“: Die Verschmelzung des Kölner Karnevalsgrußes mit dem Hauptmotiv aus
Beethovens 5. Sinfonie wirkte programmatisch für das gestrige Konzert auf dem
Roncalliplatz. An diesem waren alle Ensembles des Collegium musicum der Kölner
Universität – vier Chöre, Sinfonie-, Kammerorchester und Big Band – beteiligt, die ein
selbsterarbeitetes, EurOratorios betiteltes Werk sowie eine Version von John Cages
Variations I (1958) aufführten. Darin wird eine offene Form primär mittels einer grafischen
Notation erreicht. Daneben gibt es zusätzliche Erläuterungen zur Besetzung: „Für eine
beliebige Zahl von Instrumenten und Interpreten.“ Cages Anweisung wurde unter der
künstlerischen Leitung von Michael Ostrzyga nicht nur hinsichtlich der Anzahl, sondern auch
des Instrumentariums wörtlich genommen. So kamen ebenfalls Garten- und Küchengeräte
zum Einsatz.
Im Zusammenspiel musikalischer Schnipsel aus klassisch-romantischen Kompositionen,
Jazz, Filmmusik und Volksliedern schufen die Mitglieder des Collegium musicum ein
akustisches Kaleidoskop. Die Zuhörer lauschten gebannt. Aufmerksam verfolgte das von den
Interpreten umkreiste Publikum die Übergänge zwischen den Stücken und den Ensembles.
Frei nach dem Motto ,anything goes‘ wurden sowohl Zeit- als auch Genregrenzen
aufgehoben: Eine Unterhaltung zwischen Mozart, Haydn und Verdi wurde plötzlich von
Darth Vader unterbrochen. Während die Beatles mit Benny Goodman im musikalischen
Wohnzimmer saßen, klopfte Bach an. Sogar der Decke Pitter schaltete sich alle fünfzehn
Minuten kommentierend ein.
Die Idee von organisierter Freiheit wurde gestern Nachmittag von allen Beteiligten mit
großem Engagement, Konzentration und Spielfreude umgesetzt. Wie die Violinistin Wiebke
Spieker erklärte, waren die einzelnen Musikausschnitte gut einstudiert worden, um während
der Aufführung ein Höchstmaß an Spontaneität zu gewährleisten. Dafür sorgte Ostrzyga, der
– mit den anderen Dirigenten über Mikrophon und Kopfhörer verbunden – den Ablauf
koordinierte. Das letzte Wort hatte allerdings Hundegebell, das aus der Ferne erklang. So frei
organisiert darf das Festival ACHT BRÜCKEN. MUSIK FÜR KÖLN 2012 gerne sein.
Gerardo Scheige

Alles kann, nichts muss – Organisierte Freiheit zum Auftakt der ACHT BRÜCKEN am 29. April 2012

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

„Kölle Alaaf“: Die Verschmelzung des Kölner Karnevalsgrußes mit dem Hauptmotiv aus
Beethovens 5. Sinfonie wirkte programmatisch für das gestrige Konzert auf dem
Roncalliplatz. An diesem waren alle Ensembles des Collegium musicum der Kölner
Universität – vier Chöre, Sinfonie-, Kammerorchester und Big Band – beteiligt, die ein
selbsterarbeitetes, EurOratorios betiteltes Werk sowie eine Version von John Cages
Variations I (1958) aufführten. Darin wird eine offene Form primär mittels einer grafischen
Notation erreicht. Daneben gibt es zusätzliche Erläuterungen zur Besetzung: „Für eine
beliebige Zahl von Instrumenten und Interpreten.“ Cages Anweisung wurde unter der
künstlerischen Leitung von Michael Ostrzyga nicht nur hinsichtlich der Anzahl, sondern auch
des Instrumentariums wörtlich genommen. So kamen ebenfalls Garten- und Küchengeräte
zum Einsatz.
Im Zusammenspiel musikalischer Schnipsel aus klassisch-romantischen Kompositionen,
Jazz, Filmmusik und Volksliedern schufen die Mitglieder des Collegium musicum ein
akustisches Kaleidoskop. Die Zuhörer lauschten gebannt. Aufmerksam verfolgte das von den
Interpreten umkreiste Publikum die Übergänge zwischen den Stücken und den Ensembles.
Frei nach dem Motto ,anything goes‘ wurden sowohl Zeit- als auch Genregrenzen
aufgehoben: Eine Unterhaltung zwischen Mozart, Haydn und Verdi wurde plötzlich von
Darth Vader unterbrochen. Während die Beatles mit Benny Goodman im musikalischen
Wohnzimmer saßen, klopfte Bach an. Sogar der Decke Pitter schaltete sich alle fünfzehn
Minuten kommentierend ein.
Die Idee von organisierter Freiheit wurde gestern Nachmittag von allen Beteiligten mit
großem Engagement, Konzentration und Spielfreude umgesetzt. Wie die Violinistin Wiebke
Spieker erklärte, waren die einzelnen Musikausschnitte gut einstudiert worden, um während
der Aufführung ein Höchstmaß an Spontaneität zu gewährleisten. Dafür sorgte Ostrzyga, der
– mit den anderen Dirigenten über Mikrophon und Kopfhörer verbunden – den Ablauf
koordinierte. Das letzte Wort hatte allerdings Hundegebell, das aus der Ferne erklang. So frei
organisiert darf das Festival ACHT BRÜCKEN. MUSIK FÜR KÖLN 2012 gerne sein.
Gerardo Scheige

Mehr Mut bitte! – Kritik ensemble mosaik / Mittwoch, 02.05.2012, Museum für Angewandte Kunst Köln

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

Wenn Neue Musik etwas hervorragend auszudrücken vermag, dann sind es feine Stimmungsbilder – Naturszenerien zum Beispiel. Tierische Gebärden oder ein fiebriges Flimmern am Wüstenhorizont: All das bot das kammermusikalisch besetzte „ensemble mosaik“ Mittwochabend im Kölner Museum für Angewandte Kunst – ein vielseitiges Programm aus Elektronik und Live-Performance. Unter dem präzisen Dirigat von Manuel Nawri wurde der Name zum Programm: Mosaikartig präsentierte das Kammerensemble aktuelle Werke junger US-amerikanischer Komponisten.
Einige Stücke ließen Bilder entstehen, deren Stärke in ihrer schlaglichtartigen Präzision lag. Anfangs schaute man in Aaron Einbonds „Le Cabinet des Signes“ (2010) über den tropischen Regenwald. Aus fernen Tälern hallten Tierstimmen in die Stille – unter der wabernden Oberfläche von Streichern, Bläsern und Schlagzeug hektisches Menschenstimmengewirr elektronisch verzerrt. Aus vielen kleinen instrumentalen Schnipseln entstand eine Geräuschkulisse, die den Regenwald imitierte. Fiebrig und stets unruhig war hingegen „gauze II“ (2009/10) von Mark Barden. In der Ferne schien eine flimmernde Fata-Morgana auf: Flöte, Klarinette und Saxophon waren so zaghaft, dass man sie kaum noch vernehmen konnte. Es drohte Unheil, ein gepresstes Atmen verstärkte noch diesen Eindruck. Das Streicher-Vibrato stand unter hoher Spannung, bevor sich aus trockenen perkussiven Versatzstücken und Straßenlärm erneut der Wüstenhorizont erhob.
Einen ganz anderen Ansatzpunkt wählte Evan Johnson. Über das gesamte Konzertprogramm verteilt erklang seine dreiteilige Komposition „L´art de toucher le clavecin 3“ (2011) – nach der gleichnamigen Verzierungsschule des barocken Cembalovirtuosen Francois Couperin. Nur: Wo war Couperin? Die maßgeblich auf das Schlagzeug transkribierte Ornamentik ergab ein zerbrechliches musikalisches Gebilde. Die Komposition tastete sich mit verhaltenem Schlagwerk an das Vorbild heran. Schade nur, dass Evan Johnson die barocke Verzierungslehre nicht offener und selbstbewusster angegangen ist. Durch die reduzierte Form und Besetzung dieser Hommage ließ sich eine Programmstruktur nicht erkennen. Einer Einfahrt in die Hölle kam das 2008 entstandene „in a hall of mirrors waiting to die“ von Clinton McCallum gleich. Neben dem kraftvollen präparierten Klavier, auf dem der Pianist dissonante Läufe und Cluster virtuos herumschleuderte, hielt das Saxophon einen schrillen Ton in der Höhe fest. Heftige Ausbrüche markierten diese Musik wellenartig. Das Bruchstückhafte setzte sich schließlich in der Uraufführung von „Soniq Voyeur II“ (2012) fest, das instrumentale Rudimente von Streichern, Bläsern, Klavier und Schlagzeug nebeneinander stellte. Es war, als liefe man durch ein Stahlwerk – mit dem Ächzen der Arbeiter und herabsausender Hämmer im Hintergrund. Viele starke Bilder – das können die jungen US-Komponisten in den Köpfen der Zuhörer erzeugen. Doch ist es wie im Internet: Viel ist nicht gleich gut. Die Musik ging über bereits erprobte kompositorische Techniken nicht hinaus.
Torsten Fischer

Mehr Mut bitte! – Kritik ensemble mosaik / Mittwoch, 02.05.2012, Museum für Angewandte Kunst Köln

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

Wenn Neue Musik etwas hervorragend auszudrücken vermag, dann sind es feine Stimmungsbilder – Naturszenerien zum Beispiel. Tierische Gebärden oder ein fiebriges Flimmern am Wüstenhorizont: All das bot das kammermusikalisch besetzte „ensemble mosaik“ Mittwochabend im Kölner Museum für Angewandte Kunst – ein vielseitiges Programm aus Elektronik und Live-Performance. Unter dem präzisen Dirigat von Manuel Nawri wurde der Name zum Programm: Mosaikartig präsentierte das Kammerensemble aktuelle Werke junger US-amerikanischer Komponisten.
Einige Stücke ließen Bilder entstehen, deren Stärke in ihrer schlaglichtartigen Präzision lag. Anfangs schaute man in Aaron Einbonds „Le Cabinet des Signes“ (2010) über den tropischen Regenwald. Aus fernen Tälern hallten Tierstimmen in die Stille – unter der wabernden Oberfläche von Streichern, Bläsern und Schlagzeug hektisches Menschenstimmengewirr elektronisch verzerrt. Aus vielen kleinen instrumentalen Schnipseln entstand eine Geräuschkulisse, die den Regenwald imitierte. Fiebrig und stets unruhig war hingegen „gauze II“ (2009/10) von Mark Barden. In der Ferne schien eine flimmernde Fata-Morgana auf: Flöte, Klarinette und Saxophon waren so zaghaft, dass man sie kaum noch vernehmen konnte. Es drohte Unheil, ein gepresstes Atmen verstärkte noch diesen Eindruck. Das Streicher-Vibrato stand unter hoher Spannung, bevor sich aus trockenen perkussiven Versatzstücken und Straßenlärm erneut der Wüstenhorizont erhob.
Einen ganz anderen Ansatzpunkt wählte Evan Johnson. Über das gesamte Konzertprogramm verteilt erklang seine dreiteilige Komposition „L´art de toucher le clavecin 3“ (2011) – nach der gleichnamigen Verzierungsschule des barocken Cembalovirtuosen Francois Couperin. Nur: Wo war Couperin? Die maßgeblich auf das Schlagzeug transkribierte Ornamentik ergab ein zerbrechliches musikalisches Gebilde. Die Komposition tastete sich mit verhaltenem Schlagwerk an das Vorbild heran. Schade nur, dass Evan Johnson die barocke Verzierungslehre nicht offener und selbstbewusster angegangen ist. Durch die reduzierte Form und Besetzung dieser Hommage ließ sich eine Programmstruktur nicht erkennen. Einer Einfahrt in die Hölle kam das 2008 entstandene „in a hall of mirrors waiting to die“ von Clinton McCallum gleich. Neben dem kraftvollen präparierten Klavier, auf dem der Pianist dissonante Läufe und Cluster virtuos herumschleuderte, hielt das Saxophon einen schrillen Ton in der Höhe fest. Heftige Ausbrüche markierten diese Musik wellenartig. Das Bruchstückhafte setzte sich schließlich in der Uraufführung von „Soniq Voyeur II“ (2012) fest, das instrumentale Rudimente von Streichern, Bläsern, Klavier und Schlagzeug nebeneinander stellte. Es war, als liefe man durch ein Stahlwerk – mit dem Ächzen der Arbeiter und herabsausender Hämmer im Hintergrund. Viele starke Bilder – das können die jungen US-Komponisten in den Köpfen der Zuhörer erzeugen. Doch ist es wie im Internet: Viel ist nicht gleich gut. Die Musik ging über bereits erprobte kompositorische Techniken nicht hinaus.
Torsten Fischer

Kritik John Cage: „A collection of rocks“ / Montag, 30.04.2012, Kunstmuseum Kolumba

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

„Wie denkt es sich ohne Worte in Bildern, in Musik, in der Architektur?“ Die kleine Ausstellungsbroschüre des Kölner Kunstmuseums „Kolumba“ brachte den treffenden Gedanken zur Klanginstallation vom Montag gleich selbst ins Spiel. Mit John Cages „A Collection of Rocks“, einer Komposition von 1984, wurden die verschachtelten Räume und luftigen Galerien zur begehbaren Klangskulptur. Cage ließ sich von der Steinsammlung in seinem New Yorker Hausgarten inspirieren. Er schrieb den Steinen unterschiedliche Charaktereigenschaften zu, die ihn besonders faszinierten, zum Beispiel Bewegungslosigkeit und Ruhe. Die Steine gaben der Komposition schließlich ihren Namen „A Collection of Rocks“.
In Zusammenarbeit mit der Kölner Gesellschaft für Neue Musik (KGNM) postierten die künstlerischen Leiter John McAlpine und Albrecht Zummach das „Projektensemble 12“ in allen Räumen, Gängen und Ecken der zweiten Museumsetage. Die 22 Instrumental- und Musikerpaare, Profis und Laien, wechselten im Lauf der Aufführung zudem mehrfach ihre Positionen. Sie erzeugten aufeinander abgestimmte Haltetöne, die sich im Raum immer wieder neu mischten. Einen Dirigenten gab es nicht, stattdessen konnten sich die Musiker mittels einer Stoppuhr koordinieren.
Beim Hinaufsteigen nähert sich langsam aber stetig ein sphärisches Schwingen. Oben angelangt, taucht man ein in eine meditative Welt. Die Musiker vertiefen sich in ihren eigenen Klang – die Gesichter zwischen Konzentration und Trance. Die Zuhörer schreiten durch die unterschiedlich entstehenden Klangwolken in den Räumen. Manche betrachten die ausladenden Pinselstriche an der Wand, andere lassen mit geschlossenen Augen das Werden und Vergehen unterschiedlicher Klänge auf sich wirken. Setzen die Musiker zu neuen Tönen an, offenbart sich das Innenleben von Musik: Langsam öffnet sich die Klangblüte und erstrahlt in der vollen anmutigen Kraft der hohen Frauen-, Violin- und Klarinettenstimmen. Mal erinnerte der Klang an Renaissance-Madrigale, mal an die Reinheit des elektronischen Sinustons. Je länger er anhielt, je mehr er sich mit den anderen umgebenden Klängen vermischte, desto stärker änderte sich auch die Klangpalette bis hin zum bedächtigen Verwelken, mit dem ein Klangraum in den nächsten überging.
Das Publikum lauschte aufmerksam in jeden Winkel, genoss die akustischen Wellen vor den weißgrauen Betonwänden oder ließ die klanglichen Dimensionen beim Betrachten der Schreibmaschinensammlung auf sich wirken. Die in Abständen wiederkehrenden Tonwechsel der Stimmen und Instrumente bewirkten während der halbstündigen Präsentation immer wieder neue akustische Farben. Diese klangliche Unterlegung kann bei den zahlreichen modernen Exponaten wie Zeichnungen, Künstlerbüchern oder großformatigen Gemälden unvoreingenommene Zugangswege erschließen. Insofern war die Begegnung der Ausstellung „denken“ mit Cages Musik sehr fruchtbar – auch, wenn bei dieser Musik gerade nicht das Denken und die tiefere Sinnsuche im Mittelpunkt stehen soll. Doch genau dieser interessante Reibungspunkt zweier Kunstauffassungen regt den Besucher zum weiteren Nachdenken an. Die Musik wird zur klingenden Skulptur – ähnlich wie Cage
das in seinem New Yorker Garten empfand, der vom Verkehrslärm der 6th Avenue umgeben war. Nicht Straßenlärm, sondern langanhaltender Beifall und angeregtes Stimmengewirr löste die musikalischen Sphären auf.
Torsten Fischer

Neue Musik in den USA

10. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

Ganz lässig schlendert John Cage in einer Sommerjacke, die linke Hand in der Jackentasche verborgen, den Fußweg entlang – ein Visionär im Alltag. Die USA, Vision und Neue Musik bilden eine thematische Dreieinigkeit. Genau in deren Mitte steht John Cage, einer, der Musik anders dachte. Selbst das Titelbild des diesjährigen Kölner Acht Brücken-Festivalprogramms, worauf man den Flaneur Cage sieht, kann sich der Symbolkraft nicht entziehen, die unvermeidbar aufkommt: das Beiläufige des Alltags, das Unbestimmte einer willkürlichen Szenerie.
Visionen hatten die Europäer, die die Vereinigten Staaten als ein Land unbegrenzter Möglichkeiten wähnten – auch als eine neue musikalische Welt. Die Musik der Einwanderer, Dvoraks symphonischer Verweis auf die indianische Musikkultur, die Anlehnung an europäische Stil- und Kompositionsformen: All dies hinterließ erste Spuren im kunstmusikalisch noch wenig angetasteten weiten Land. So ganz verzichten auf das Europäische konnten die US-Musiker nicht, sodass noch Ende des 19. Jahrhunderts die US-amerikanische Musik mit deutlichen europäischen Untertönen erklang. Dennoch stagnierte die amerikanische Musik zu Beginn des Ersten Weltkriegs und blieb unselbständig, weil sie gerade den europäischen Vorbildern noch stark ähnelte. Ganz anders dann die Visionen der 1950er Jahre, eine völlig neue Musik begründen zu wollen – eine Musik, deren Grundverständnis neue ästhetische Welten aufschloss. Dazwischen lagen knapp 60 Jahre, in denen der musikalische Austausch mit Europa eine erhebliche Bedeutung für die amerikanische Identitätssuche in der Musikkultur besaß.
Mit Klangexperimenten und forschem Stilmix trieben die US-Musiker die Musik in ästhetische Grenzbereiche. Gleichzeitig nutzten sie die Gestaltungselemente der Unterhaltungsmusik als Steinbruch für die urbane Massenkultur. Um das Jahr 1940 beherbergten die USA nahezu die gesamte Garde der europäischen Komponisten Neuer Musik wie Bartók, Hindemith und Schönberg. Die erste Generation der amerikanischen Moderne arbeitet zu dieser Zeit bereits an eigenen, neuartigen kompositorischen Ansätzen wie beispielsweise der Theorie des „dissonanten Kontrapunkts“. In einem Land, in dem es keine kontinuierliche Überlieferungskultur wie auf der anderen Seite des Atlantiks gibt, eint das Neue, das Experimentelle mehr noch als anderswo. Eine einheitliche, übergreifende amerikanische Volksmusik ist jedenfalls nicht traditionsbildend und identitätsstiftend. Aufgrund der Ausdehnung des Landes findet sich auch hier eine große Heterogenität in musikalischem Material und Ausdrucksformen. So stellen die USA im 20. Jahrhundert das europäische Musikdenken nicht nur einmal aus eigener Kraft in Frage, sondern lassen stets neue musikalische Ästhetiken zu. Zentral ist in den USA dabei die Vereinbarkeit von Neuerung und Vermittlung – die Musik sollte von einem Großteil des Publikums verstanden werden, was der Neuen Musik Europas nur selten gelang. Hierin liegt auch die Stärke der Neuen Musik der USA, die „Ernst“ und „Unterhaltung“ geschickt miteinander kombinierte und dennoch ihren progressiven Drang beibehielt.
Studios für Elektonische Musik waren in den USA ebenso Experimentierfelder der neuen Musikszene für Tonbandaufnahmen und Live-Elektronik – gefördert allerdings durch private oder universitäre Initiativen. Die Minimal Music schließlich ist ein in diesem Umfeld entstandenes künstlerisches Produkt, für das Steve Reich ein erstes Beispiel von der Westküste lieferte. In seinem Tonbandstück „It´s gonna rain“ erklingen langanhaltende, zeitlich leicht versetzte Patterns über maschinell-starrem Metrum. Das musikalische Environment, die Klanginstallation, sind charakteristische amerikanische Beiträge zur Neuen Musik. Die inszenierte Geräuschkulisse bricht mit der herkömmlichen „Musikdarbietungssituation“. Cage hingegen schlendert weiter, vorbei am emsigen Treiben um den Kölner Dom – er lässt die eine Klangwelt hinter sich und ist auf dem Weg in eine neue, etwas schlaksig, aber zielgerichtet. Eine Vision geht spazieren.
Torsten Fischer

Gehörte Bilder – Literatursalon am 1.Mai 2012

8. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

„Ich sehe Musik, ich höre Bilder und ich rieche Literatur“. Mary Bauermeister, bildende Künstlerin, liebt Widersprüche und Provokation. Im Rahmen einer Lesung im überfüllten Zelt des „Acht-Brücken“-Festivals erinnerte sie sich lebendig und geistreich an die Gäste in ihrem legendär gewordenen „Atelier Bauermeister“. Dort fanden in den 1960er Jahren eine Reihe unkonventioneller und Aufsehen erregender Konzerte und Veranstaltungen statt. John Cage, Vater der Neuen Musik, und der Videokünstler Nam June Paik waren dort regelmäßig zu Gast. Mary Bauermeister erzählte, wie sich die Künstler gegenseitig beeinflussten und versuchten sich von der Kunst des jeweils Anderen inspirieren zu lassen. Mary Bauermeisters Anekdoten begeisterten das Publikum, das sich in die Gesellschaft des Künstlerkreises zurückversetzt fühlte. Moderatorin Regina Wyrwoll, hatte Mühe Mary Bauermeisters Redefluss zu kanalisieren.
Die Lesung präsentierte die poetische Seite zweier Künstler, die weniger für ihre literarische Kunst bekannt sind. Die ausgewählten Texte von John Cage und Nam June Paik verstärkten das Bild, das bereits Mary Bauermeister mit ihren Erzählungen geschaffen hat. Besonders Paiks „Autobiografie im Unterleib“ – der ungeborene Künstler mit seiner schwangeren Mutter – sorgte für eine heitere Stimmung im Publikum. Moon Suk, koreanische Sängerin und Schauspielerin verlieh der Lesung mit ihrem Akzent und ihrem naiv ironischen Vortragsstil eine besondere Note.
Die Erzählfreude, mit der Mary Bauermeister das Publikum begeistern konnte, wurde ihr bei der Lesung aus John Cages „Vortrag über Nichts“ allerdings zum Verhängnis. Dieser Vortrag ist je Seite in vier Taktbereiche in jeder Zeile unterteilt sowie in mehrere, jeweils aus zwölf Zeilen bestehende Einheiten. Längere Leerstellen zwischen einzelnen Wörtern und Zeilen markieren Stille, welche auch so vom Redner ausgeführt werden soll. Dies gelang Mary Bauermeister nicht, da sie die im Vortrag angesprochenen Anekdoten immer wieder zu kommentieren versuchte und keine Stille entstehen ließ. Denn es ging Cage nicht um den Inhalt des „Vortrags über nichts“, den er nach denselben Kompositionsprinzipien gestaltet hat wie seine Musik. Er redete nicht über Form, sondern in der Form. Der künstlerische Vortrag des Textes stand für Mary Bauermeister aber nicht im Vordergrund. Bei aller Kritik: Zusammen mit Moon Suk ließ sie eine Atmosphäre entstehen in der das Ambiente des Ateliers förmlich spürbar wurde.
Anja Krupa

John Cage in Köln – Ausstellung im Philharmonie-Foyer

8. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

John Cage ging mit großen Schritten durch sein Leben, immer auf der Suche nach Innovation. Köln war wiederholt eine wichtige Station für ihn. Welche Spuren hat er hier hinterlassen? Die Ausstellung „‚Musik hat damit zu tun, dass man sich ändert‘ – John Cage in Köln“ im Foyer der Kölner Philharmonie geht dieser Frage nach und ist im Rahmenprogramm des diesjährigen „Acht Brücken-Festivals“ zu sehen. Die Ausstellung lädt zum Flanieren ein, ob als Einstimmung vor einem bevorstehenden Cage-Konzert oder als kleine Abwechslung in der Konzertpause. Besucher finden hier Fotos, Skizzen, Partituren, Bücher und Zitate vor.
Was verbindet John Cage mit Köln? Schon 1954 hielt sich Cage erstmals in Köln auf, vier Jahre später folgte hier sogar die Uraufführung seines Klavierkonzertes. Teile der Partitur dieses Konzertes hängen gerahmt an der Wand. Noten, die aussehen wie Tintenkleckse oder tanzende Notenköpfe hinterlassen den Eindruck von gemalten Skizzen, wirren Notenanordnungen und Grafiken. Mit der Frage, wie ein solches Werk klingen könnte, bleibt der Besucher zurück.
Die Ausstellung möchte eine Hommage an John Cage und an Köln sein. Aber warum wird Köln dann nicht zu Zeiten Cages dargestellt? Die ausgestellten Fotos, die sich mit den Darstellungen der Partitur abwechseln, zeigen das aktuelle Köln, unter anderem die in den letzten Jahren errichteten Kranhäuser im Rheinauhafen. Offen bleibt, was diese Gebäude konkret mit John Cage und seiner Zeit in dieser Stadt zu tun haben.
In den Vitrinen sind Dokumente und Bilder der Menschen zu sehen, die Cage inspirierten und mit denen er in Köln verkehrte. Dazu gehören vor allem die Künstlerin Mary Bauermeister und der Medienkünstler Nam June Paik, die im Köln der 1960er Jahre die Fluxus-Bewegung prägten. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Zitaten und Büchern von und über Cage zu sehen. Natürlich dürfen hier das chinesische Orakelbuch „I Ging“ und John Cages zentrale Schrift „Silence“ – in verschiedenen Ausgaben – nicht fehlen. Am interessantesten ist jedoch die wilde Anordnung diverser Zitate Cages, die selbst an eine Komposition erinnert und optisch anregend wirkt. Ebenfalls aufschlussreich ist die Partitur zu seinem Stück „4’33“. Es besteht aus drei Sätzen ohne Noten, die sich jeweils auf die Spielanweisung „Tacet“ beschränken. So leer wie die Seiten in Cages Partitur sind, so leer bleibt der Besucher zurück. Man hätte eine detaillierte und chronologische Beschreibung der Stationen John Cages in Köln erwartet. Die Ausstellung zeigt einzelne Fußabdrücke Cages, lässt jedoch eine Betrachtung seiner hinterlassenen Spur vermissen.
Anja Kruppa

Neue Musik in den USA

8. Mai 2012   |   Kommentare geschlossen

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts existierte in den USA keine eigenständige klassische Musik. Bei den Opern oder Konzerten, die damals aufgeführt wurden, handelte es sich um europäische Importe. In den USA dominierten zu jener Zeit diverse folkloristische Stile, aus denen sich später der für die USA so typische Jazz entwickelte.
Doch wie kam es zur Neuen Musik in den USA? Nach dem ersten Weltkrieg begann eine Umorientierung im amerikanischen Musikleben. Vorbild für die Entwicklung einer eigenständigen Musik war die französische, nicht die bisweilen wichtigere Referenz der deutschen Musik. Dies mag damit zusammenhängen, dass es eine ganze Komponisten-Generation zum Studium nach Paris zog, zur einflussreichen Komponistin Nadia Boulanger. Aaron Copland und Philip Glass waren zwei ihrer bekanntesten Schüler.
Auf diese Weise wanderten zentraler zeitgenössischer Ideen von Europa nach Amerika. Innovative Darstellungsformen prägten die Neue Musik in den USA: graphische Notation, Improvisation und Zufall, dazu neue Aufführungsarten wie das Happening. Viele Komponisten beriefen sich auf Charles Ives, der als Vater der modernen amerikanischen Musik gilt. In seinen Collagen verarbeitet er folkloristisches Material als Ausdrucksmedium US-amerikanischer Geschichte und Lebensart. Der Schönberg-Schüler John Cage experimentierte mit elektronischer Musik und Naturklängen. Seine Auseinandersetzung mit dem Zufall und seine neue Kompositions-Ästhetik „Indeterminacy“ (Unbestimmtheit) kontrastieren mit dem seriellen Musikverständnis der europäischen Komponisten, die sämtliche Eigenschaften der Musik auf Zahlen- oder Proportionsreihen aufzubauen versuchten. Als weiterer Gegenpol zur seriellen Musik etablierte sich die Minimal Music – ein Kompositionsverfahren, das auf der variativen Wiederholung kurzer und einfacher musikalischer Struktur- und Formteile beruht. Die Hauptvertreter waren Steve Reich, Terry Riley, Phillip Glass und La Monte Young.
Man muss anerkennen, dass sich die USA mit ihrer Neuen Musik Europa zumindest ebenbürtig zeigte. Schon Mitte des 20. Jahrhunderts wurde deutlich, dass die Musikgeschichte von Amerika aus mitgeschrieben würde. So bemerkte 1947 Aaron Copland: „Die künftige Geschichte der europäischen Musik ist von nun an mit der Musik in Amerika aufs engste verbunden. Dies macht es mehr denn je zur Pflicht, alles zu hüten und zu bewahren, was Amerika der zeitgenössischen Musik zu bieten hat.“
Anja Krupa

older entries