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Gehörte Bilder – Literatursalon am 1.Mai 2012

8. Mai 2012     |    Kommentare geschlossen

„Ich sehe Musik, ich höre Bilder und ich rieche Literatur“. Mary Bauermeister, bildende Künstlerin, liebt Widersprüche und Provokation. Im Rahmen einer Lesung im überfüllten Zelt des „Acht-Brücken“-Festivals erinnerte sie sich lebendig und geistreich an die Gäste in ihrem legendär gewordenen „Atelier Bauermeister“. Dort fanden in den 1960er Jahren eine Reihe unkonventioneller und Aufsehen erregender Konzerte und Veranstaltungen statt. John Cage, Vater der Neuen Musik, und der Videokünstler Nam June Paik waren dort regelmäßig zu Gast. Mary Bauermeister erzählte, wie sich die Künstler gegenseitig beeinflussten und versuchten sich von der Kunst des jeweils Anderen inspirieren zu lassen. Mary Bauermeisters Anekdoten begeisterten das Publikum, das sich in die Gesellschaft des Künstlerkreises zurückversetzt fühlte. Moderatorin Regina Wyrwoll, hatte Mühe Mary Bauermeisters Redefluss zu kanalisieren.
Die Lesung präsentierte die poetische Seite zweier Künstler, die weniger für ihre literarische Kunst bekannt sind. Die ausgewählten Texte von John Cage und Nam June Paik verstärkten das Bild, das bereits Mary Bauermeister mit ihren Erzählungen geschaffen hat. Besonders Paiks „Autobiografie im Unterleib“ – der ungeborene Künstler mit seiner schwangeren Mutter – sorgte für eine heitere Stimmung im Publikum. Moon Suk, koreanische Sängerin und Schauspielerin verlieh der Lesung mit ihrem Akzent und ihrem naiv ironischen Vortragsstil eine besondere Note.
Die Erzählfreude, mit der Mary Bauermeister das Publikum begeistern konnte, wurde ihr bei der Lesung aus John Cages „Vortrag über Nichts“ allerdings zum Verhängnis. Dieser Vortrag ist je Seite in vier Taktbereiche in jeder Zeile unterteilt sowie in mehrere, jeweils aus zwölf Zeilen bestehende Einheiten. Längere Leerstellen zwischen einzelnen Wörtern und Zeilen markieren Stille, welche auch so vom Redner ausgeführt werden soll. Dies gelang Mary Bauermeister nicht, da sie die im Vortrag angesprochenen Anekdoten immer wieder zu kommentieren versuchte und keine Stille entstehen ließ. Denn es ging Cage nicht um den Inhalt des „Vortrags über nichts“, den er nach denselben Kompositionsprinzipien gestaltet hat wie seine Musik. Er redete nicht über Form, sondern in der Form. Der künstlerische Vortrag des Textes stand für Mary Bauermeister aber nicht im Vordergrund. Bei aller Kritik: Zusammen mit Moon Suk ließ sie eine Atmosphäre entstehen in der das Ambiente des Ateliers förmlich spürbar wurde.
Anja Krupa


 
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