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Kritik John Cage: „A collection of rocks“ / Montag, 30.04.2012, Kunstmuseum Kolumba

10. Mai 2012     |    Kommentare geschlossen

„Wie denkt es sich ohne Worte in Bildern, in Musik, in der Architektur?“ Die kleine Ausstellungsbroschüre des Kölner Kunstmuseums „Kolumba“ brachte den treffenden Gedanken zur Klanginstallation vom Montag gleich selbst ins Spiel. Mit John Cages „A Collection of Rocks“, einer Komposition von 1984, wurden die verschachtelten Räume und luftigen Galerien zur begehbaren Klangskulptur. Cage ließ sich von der Steinsammlung in seinem New Yorker Hausgarten inspirieren. Er schrieb den Steinen unterschiedliche Charaktereigenschaften zu, die ihn besonders faszinierten, zum Beispiel Bewegungslosigkeit und Ruhe. Die Steine gaben der Komposition schließlich ihren Namen „A Collection of Rocks“.
In Zusammenarbeit mit der Kölner Gesellschaft für Neue Musik (KGNM) postierten die künstlerischen Leiter John McAlpine und Albrecht Zummach das „Projektensemble 12“ in allen Räumen, Gängen und Ecken der zweiten Museumsetage. Die 22 Instrumental- und Musikerpaare, Profis und Laien, wechselten im Lauf der Aufführung zudem mehrfach ihre Positionen. Sie erzeugten aufeinander abgestimmte Haltetöne, die sich im Raum immer wieder neu mischten. Einen Dirigenten gab es nicht, stattdessen konnten sich die Musiker mittels einer Stoppuhr koordinieren.
Beim Hinaufsteigen nähert sich langsam aber stetig ein sphärisches Schwingen. Oben angelangt, taucht man ein in eine meditative Welt. Die Musiker vertiefen sich in ihren eigenen Klang – die Gesichter zwischen Konzentration und Trance. Die Zuhörer schreiten durch die unterschiedlich entstehenden Klangwolken in den Räumen. Manche betrachten die ausladenden Pinselstriche an der Wand, andere lassen mit geschlossenen Augen das Werden und Vergehen unterschiedlicher Klänge auf sich wirken. Setzen die Musiker zu neuen Tönen an, offenbart sich das Innenleben von Musik: Langsam öffnet sich die Klangblüte und erstrahlt in der vollen anmutigen Kraft der hohen Frauen-, Violin- und Klarinettenstimmen. Mal erinnerte der Klang an Renaissance-Madrigale, mal an die Reinheit des elektronischen Sinustons. Je länger er anhielt, je mehr er sich mit den anderen umgebenden Klängen vermischte, desto stärker änderte sich auch die Klangpalette bis hin zum bedächtigen Verwelken, mit dem ein Klangraum in den nächsten überging.
Das Publikum lauschte aufmerksam in jeden Winkel, genoss die akustischen Wellen vor den weißgrauen Betonwänden oder ließ die klanglichen Dimensionen beim Betrachten der Schreibmaschinensammlung auf sich wirken. Die in Abständen wiederkehrenden Tonwechsel der Stimmen und Instrumente bewirkten während der halbstündigen Präsentation immer wieder neue akustische Farben. Diese klangliche Unterlegung kann bei den zahlreichen modernen Exponaten wie Zeichnungen, Künstlerbüchern oder großformatigen Gemälden unvoreingenommene Zugangswege erschließen. Insofern war die Begegnung der Ausstellung „denken“ mit Cages Musik sehr fruchtbar – auch, wenn bei dieser Musik gerade nicht das Denken und die tiefere Sinnsuche im Mittelpunkt stehen soll. Doch genau dieser interessante Reibungspunkt zweier Kunstauffassungen regt den Besucher zum weiteren Nachdenken an. Die Musik wird zur klingenden Skulptur – ähnlich wie Cage
das in seinem New Yorker Garten empfand, der vom Verkehrslärm der 6th Avenue umgeben war. Nicht Straßenlärm, sondern langanhaltender Beifall und angeregtes Stimmengewirr löste die musikalischen Sphären auf.
Torsten Fischer


 
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