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Mehr Mut bitte! – Kritik ensemble mosaik / Mittwoch, 02.05.2012, Museum für Angewandte Kunst Köln

10. Mai 2012     |    Kommentare geschlossen

Wenn Neue Musik etwas hervorragend auszudrücken vermag, dann sind es feine Stimmungsbilder – Naturszenerien zum Beispiel. Tierische Gebärden oder ein fiebriges Flimmern am Wüstenhorizont: All das bot das kammermusikalisch besetzte „ensemble mosaik“ Mittwochabend im Kölner Museum für Angewandte Kunst – ein vielseitiges Programm aus Elektronik und Live-Performance. Unter dem präzisen Dirigat von Manuel Nawri wurde der Name zum Programm: Mosaikartig präsentierte das Kammerensemble aktuelle Werke junger US-amerikanischer Komponisten.
Einige Stücke ließen Bilder entstehen, deren Stärke in ihrer schlaglichtartigen Präzision lag. Anfangs schaute man in Aaron Einbonds „Le Cabinet des Signes“ (2010) über den tropischen Regenwald. Aus fernen Tälern hallten Tierstimmen in die Stille – unter der wabernden Oberfläche von Streichern, Bläsern und Schlagzeug hektisches Menschenstimmengewirr elektronisch verzerrt. Aus vielen kleinen instrumentalen Schnipseln entstand eine Geräuschkulisse, die den Regenwald imitierte. Fiebrig und stets unruhig war hingegen „gauze II“ (2009/10) von Mark Barden. In der Ferne schien eine flimmernde Fata-Morgana auf: Flöte, Klarinette und Saxophon waren so zaghaft, dass man sie kaum noch vernehmen konnte. Es drohte Unheil, ein gepresstes Atmen verstärkte noch diesen Eindruck. Das Streicher-Vibrato stand unter hoher Spannung, bevor sich aus trockenen perkussiven Versatzstücken und Straßenlärm erneut der Wüstenhorizont erhob.
Einen ganz anderen Ansatzpunkt wählte Evan Johnson. Über das gesamte Konzertprogramm verteilt erklang seine dreiteilige Komposition „L´art de toucher le clavecin 3“ (2011) – nach der gleichnamigen Verzierungsschule des barocken Cembalovirtuosen Francois Couperin. Nur: Wo war Couperin? Die maßgeblich auf das Schlagzeug transkribierte Ornamentik ergab ein zerbrechliches musikalisches Gebilde. Die Komposition tastete sich mit verhaltenem Schlagwerk an das Vorbild heran. Schade nur, dass Evan Johnson die barocke Verzierungslehre nicht offener und selbstbewusster angegangen ist. Durch die reduzierte Form und Besetzung dieser Hommage ließ sich eine Programmstruktur nicht erkennen. Einer Einfahrt in die Hölle kam das 2008 entstandene „in a hall of mirrors waiting to die“ von Clinton McCallum gleich. Neben dem kraftvollen präparierten Klavier, auf dem der Pianist dissonante Läufe und Cluster virtuos herumschleuderte, hielt das Saxophon einen schrillen Ton in der Höhe fest. Heftige Ausbrüche markierten diese Musik wellenartig. Das Bruchstückhafte setzte sich schließlich in der Uraufführung von „Soniq Voyeur II“ (2012) fest, das instrumentale Rudimente von Streichern, Bläsern, Klavier und Schlagzeug nebeneinander stellte. Es war, als liefe man durch ein Stahlwerk – mit dem Ächzen der Arbeiter und herabsausender Hämmer im Hintergrund. Viele starke Bilder – das können die jungen US-Komponisten in den Köpfen der Zuhörer erzeugen. Doch ist es wie im Internet: Viel ist nicht gleich gut. Die Musik ging über bereits erprobte kompositorische Techniken nicht hinaus.
Torsten Fischer


 
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