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Neue Musik in den USA

10. Mai 2012     |    Kommentare geschlossen

Ganz lässig schlendert John Cage in einer Sommerjacke, die linke Hand in der Jackentasche verborgen, den Fußweg entlang – ein Visionär im Alltag. Die USA, Vision und Neue Musik bilden eine thematische Dreieinigkeit. Genau in deren Mitte steht John Cage, einer, der Musik anders dachte. Selbst das Titelbild des diesjährigen Kölner Acht Brücken-Festivalprogramms, worauf man den Flaneur Cage sieht, kann sich der Symbolkraft nicht entziehen, die unvermeidbar aufkommt: das Beiläufige des Alltags, das Unbestimmte einer willkürlichen Szenerie.
Visionen hatten die Europäer, die die Vereinigten Staaten als ein Land unbegrenzter Möglichkeiten wähnten – auch als eine neue musikalische Welt. Die Musik der Einwanderer, Dvoraks symphonischer Verweis auf die indianische Musikkultur, die Anlehnung an europäische Stil- und Kompositionsformen: All dies hinterließ erste Spuren im kunstmusikalisch noch wenig angetasteten weiten Land. So ganz verzichten auf das Europäische konnten die US-Musiker nicht, sodass noch Ende des 19. Jahrhunderts die US-amerikanische Musik mit deutlichen europäischen Untertönen erklang. Dennoch stagnierte die amerikanische Musik zu Beginn des Ersten Weltkriegs und blieb unselbständig, weil sie gerade den europäischen Vorbildern noch stark ähnelte. Ganz anders dann die Visionen der 1950er Jahre, eine völlig neue Musik begründen zu wollen – eine Musik, deren Grundverständnis neue ästhetische Welten aufschloss. Dazwischen lagen knapp 60 Jahre, in denen der musikalische Austausch mit Europa eine erhebliche Bedeutung für die amerikanische Identitätssuche in der Musikkultur besaß.
Mit Klangexperimenten und forschem Stilmix trieben die US-Musiker die Musik in ästhetische Grenzbereiche. Gleichzeitig nutzten sie die Gestaltungselemente der Unterhaltungsmusik als Steinbruch für die urbane Massenkultur. Um das Jahr 1940 beherbergten die USA nahezu die gesamte Garde der europäischen Komponisten Neuer Musik wie Bartók, Hindemith und Schönberg. Die erste Generation der amerikanischen Moderne arbeitet zu dieser Zeit bereits an eigenen, neuartigen kompositorischen Ansätzen wie beispielsweise der Theorie des „dissonanten Kontrapunkts“. In einem Land, in dem es keine kontinuierliche Überlieferungskultur wie auf der anderen Seite des Atlantiks gibt, eint das Neue, das Experimentelle mehr noch als anderswo. Eine einheitliche, übergreifende amerikanische Volksmusik ist jedenfalls nicht traditionsbildend und identitätsstiftend. Aufgrund der Ausdehnung des Landes findet sich auch hier eine große Heterogenität in musikalischem Material und Ausdrucksformen. So stellen die USA im 20. Jahrhundert das europäische Musikdenken nicht nur einmal aus eigener Kraft in Frage, sondern lassen stets neue musikalische Ästhetiken zu. Zentral ist in den USA dabei die Vereinbarkeit von Neuerung und Vermittlung – die Musik sollte von einem Großteil des Publikums verstanden werden, was der Neuen Musik Europas nur selten gelang. Hierin liegt auch die Stärke der Neuen Musik der USA, die „Ernst“ und „Unterhaltung“ geschickt miteinander kombinierte und dennoch ihren progressiven Drang beibehielt.
Studios für Elektonische Musik waren in den USA ebenso Experimentierfelder der neuen Musikszene für Tonbandaufnahmen und Live-Elektronik – gefördert allerdings durch private oder universitäre Initiativen. Die Minimal Music schließlich ist ein in diesem Umfeld entstandenes künstlerisches Produkt, für das Steve Reich ein erstes Beispiel von der Westküste lieferte. In seinem Tonbandstück „It´s gonna rain“ erklingen langanhaltende, zeitlich leicht versetzte Patterns über maschinell-starrem Metrum. Das musikalische Environment, die Klanginstallation, sind charakteristische amerikanische Beiträge zur Neuen Musik. Die inszenierte Geräuschkulisse bricht mit der herkömmlichen „Musikdarbietungssituation“. Cage hingegen schlendert weiter, vorbei am emsigen Treiben um den Kölner Dom – er lässt die eine Klangwelt hinter sich und ist auf dem Weg in eine neue, etwas schlaksig, aber zielgerichtet. Eine Vision geht spazieren.
Torsten Fischer


 
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