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Hinterlassene Spuren

15. Mai 2012     |    Kommentare geschlossen

John Cage und seine besondere Beziehung zu Köln widmet sich ein Programmpunkt des
Acht Brücken Festivals – die Ausstellung „Spurensuche in Köln“ im Foyer der Kölner
Philharmonie. Sie rekonstruiert seine erste Begegnung mit Deutschland und der
Musikkultur, erinnert an seine zahlreichen Besuche, sein Wirken und künstlerisches
Schaffen und sein Kontakt zu Musikern. Neben Köln finden auch andere Städte und
Stationen in Deutschland Erwähnung. Doch vor allem in Köln entstanden Werke wie zum
Beispiel 1979 „Roaratorio“, das ohne Mithilfe von Kölner Künstlern und Musikern völlig
anders ausgesehen hätte.
Cages erster Auftritt in Deutschland am 17. Oktober 1954 war in Donauschingen,
zwei Tage später traf er in Köln ein. Seine „Neue Klaviermusik aus Amerika“ erregte
Aufsehen, denn es waren Klänge zu hören, die manche Zuhörer verstörten. Andere waren
fasziniert von seinen revolutionären Ideen. 1958 gab Cage Kurse bei den bis heute so
wichtigen Ferienkursen für neue Musik in Darmstadt. Seine Ansichten und Ideen, die
vorherrschenden Klang-Struktur-Normen komplett in Frage zu stellen, lösten einen
Skandal aus. Im Fachpublikum gab es Befürworter und Kritiker seiner Theorien und
revolutionären Denkansätze. Zahlreiche Künstler machten Cages Stücke in Deutschland
bekannter. In vielen fand Cage Freunde, sie wurden zu Inspirationsquellen. Der
koreanische Videokünstler Nam June Paik (1932 bis 2006) bekommt in der Ausstellung
Platz, um über seine Zeit mit Cage und die Folgen auf sein eigenes künstlerisches
Schaffen zu berichten. Aber auch Cage äußert über den Koreaner: „Paik’s Arbeit ist
faszinierend und ziemlich oft auch furchterregend. Ich würde es mir jetzt zweimal
überlegen, bevor ich an seiner Performance teilnehme.“ So zeigt die Ausstellung auch
immer wieder einzigartige Momente, die nur von Zeitzeugen rekonstruiert werden können.
Zahlreiche Anekdoten, Privatfotos und handgeschriebene Manuskripte erzeugen eine sehr
private und persönliche Atmosphäre. Ohne Menschen wie Stefan Fricke, der die
Ausstellung realisierte, aber auch Gisela Gronemeyer und Reinhard Oehlschägel –
Gründer der Kölner Zeitschrift „Musiktexte. Zeitschrift für Neue Musik“ – wäre so eine
intime Ausstellung gar nicht möglich gewesen.
Vor allem visuell hat die Ausstellung einiges zu bieten: Notenblätter für „Concert for
piano and orchestra“ von 1957/58 hängen sorgfältig eingerahmt an der Wand. Die
Partituren erinnern eher an eine Landkarte, an Südseeinseln, die von einem einsam
Gestrandeten aufgezeichnet wurden. Trotz der Liebe zum Detail und all den persönlichen
Ausstellungsstücken kommt das Wesentliche absolut zu kurz: Die Musik. Denn macht
nicht vor allem die Musik, das kompositorische Erbe, welches in Köln und anderen Teilen
Deutschlands entstanden ist, das eigentliche Schaffen von John Cage aus? Die
Ausstellung bietet zwar Ansätze, zum Beispiel eine Hörstation, aber es fehlen
Klangexperimente, „Musik zum Anfassen“. So wird man größtenteils mit
Anschauungsmaterial und Partituren bedient, doch die Quintessenz Cages – die Musik –
sie fehlt.
Erik Klügling


 
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