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Archiv für Mai 2013

Martin Grubinger im Staatenhaus – Eine Zeugenaussage

6. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Wie betäubt stehe ich auf dem Platz vor dem Staatenhaus. Um mich herum versammeln sich einige Menschen, denen es ähnlich geht. Was ist geschehen da drinnen? In Gedanken lasse ich die vergangenen 45 Minuten Revue passieren…

 

Im Saal haben vorfreudige Besucher Platz genommen. Ich selbst finde noch einen freien in der dritten Reihe. Bedenklich weit vorn, wenn man sich die riesigen Percussionsinstrumente auf der Bühne anschaut, die auf auf ihren Einsatz warten. Eine Basstrommel ist mit ihrer Unterseite genau auf mich ausgerichtet. Hoffentlich wird ihr Spieler sie nicht überstrapazieren.

 

Applaus hebt an. Drei schwarz gekleidete Männer betreten die Bühne. Der dynamischste von ihnen greift zum Mikrofon und spricht ein paar Sätze. Es ist Martin Grubinger, der Star des heutigen Abends. Zu seinen Seiten gehen Leonhard Schmidinger und Rainer Furthner in Position. Dann greift auch Martin zu den Schlegeln. Los geht‘s.

 

Meine Hoffnung, der Spieler würde die Basstrommeln nur mäßig beanspruchen, wird  schon im ersten Augenblick zerstört. Ein Mann aus Martin Grubingers Ensemble streichelt seine Instrumente nicht. Seine Schläge auf die Trommel rasen direkt auf mich zu. Mein Herz bleibt stehen. Mein Brustkorb bebt.

 

Xenakis hat dieses Stück eigentlich für drei Djembén komponiert. Auf dieser afrikanischen Trommel lassen sich zwar viele Klangfarben erzeugen, aber sie ist deutlich weniger laut. Wahrscheinlich war das der Grund, warum Martin das Stück umarrangiert hat. Auf dem großen Schlagwerk klingt „Okho“ einfach bombastischer.

 

Dem Martin scheint das zu gefallen. Wild grimassierend haut er auf seine Instrumente. Voller Wucht lässt er seine Schläge auf die Felle niederfahren. Zähnefletschend wirbelt er im Rausch der Rhythmen um seine Geräte. Nach nur wenigen Minuten steht ihm sein Einsatz ins Gesicht geschrieben. Dicke Schweißtropfen treten auf seine Stirn. Die anderen beiden erfüllen souverän ihren Teil. Martin leitet sie an. Aus seinem Blick spricht das Alpha-Tier.

 

Nach einem letzten schmetternden Trommelwirbel bricht „Okho“ abrupt ab. Schon das Ende? Nein, Schmidinger, kratzt mit seinem Stock auf einem Tomtom. Wieder setzen die auf Trommler an ihren größten Instrumenten an. Ein paar letzte, gewaltige Schläge, dann tosender Applaus. Das Trio kommt zum Rand der Bühne und verbeugt sich brav. Sie gehen zusammen ab, verschwinden durch eine Tür und kommen zurück mit einer ganzen Horde schwarz gekleideter Schlagzeuger. Warum sind es so viele? In mir wächst eine dunkle Vorahnung. Die Drummer verteilen sich im Saal. Wir sind umzingelt.

 

Wolfgang Rihm hat mit „Tutuguri VI“ gleichsam den Schlachtplan für diesen Abend entworfen. „Tutuguri“ ist ein Werk, das den Zuhörer an seine Grenzen führt. Wenn Trommelwirbel durch den Saal wüten, wenn scheppernde Tamtams die Luft zerfetzen, wenn die Instrumente zornig grollen, dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dem Klanggewitter hin zu geben. Zwar wandern schon zu Beginn des Stückes erste Finger zu den Ohren. Aber soll man wirklich eine halbe Stunde so aushalten? Keine Chance. Der Saal zittert vor Energie.

 

Auch Martin kommt in diesem Stück an seine Grenzen. Seine körperlicher Hingabe ist für alle sichtbar. Mittlerweile läuft ihm das Wasser in Strömen von der Stirn. Sein Gesicht leuchtet rot, er hechelt. Ich frage mich, ob wir uns nicht eher um Martin sorgen sollten als um unsere Gehörgänge. Aber er hält durch. Wie ein Marathonläufer holt er alles aus sich heraus. Das gehört zu seiner Show. Darin ist er gut.

 

Das gewaltige Spektakel lässt keine Pause zum Verschnaufen. Immer weiter donnern die urgewaltigen Schläge in unseren Ohren. Doch plötzlich hören wir etwas, das wir nicht erwartet hätten. Ein unsichtbarer Chor erhebt seine flehenden Stimmen. Sanft und zerbrechlich schweben sie durch den Saal. Verzweifelt singen sie gegen die übermächtigen Trommeln an. Aber die kennen kein Mitleid. Mit ihrem Dröhnen weisen sie den Chor in seine Grenzen. Wir leiden mit diesen unglücklichen Stimmen, sind doch auch wir Gefangene dieses unerbittlichen Ensembles. Erbarmen! Wir ergeben uns! Doch Grubinger setzt noch einen drauf. Mit aller Wucht schlägt er auf seine Basstrommel. Vorbei? Nein, weiter rumort der Saal. Die Gruppe hämmert monoton auf ihre Geräte. Unser Peiniger atmet schwer.

 

Ich hatte schon die Hoffnung verloren, die Truppe würde uns je wieder frei lassen, als sie mit einem Lächeln auf den Lippen ihre Stöcke sinken ließen. Sie kamen auf der Bühne zusammen und verbeugten sich wie feine Herren (und feine Damen). Dass sie uns gerade zu willfährigen Opfern einer exzessiven Trommelorgie gemacht hatten, war ihnen offensichtlich egal. Erleichtert und tief beeindruckt verließen wir den Saal. Nun stehe ich vor dem Staatenhaus und atme kühle Abendluft ein. Gleich wird uns das Ensemble um Martin Grubinger Xenakis‘ tragische „Kassandra“ und die wunderschöne „Persephassa“ vorstellen. Ich weiß, dass diese Stücke auf eine andere Art zu fesseln wissen, als „Okho“ und „Tutuguri“. Darum wage ich mich auf ein Neues in den Raum, in dem gerade ein Verbrechen stattfand.

Felicitas Förster

 

Mach mal Pause

3. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Ruhig bewegt sich das vornehm gekleidete Publikum in Richtung der Saaleingänge. Gemächlich strömt die schwarze Masse durch weit geöffnete Türen, Eingang oben links, Block A, Block B, Block C. Xenakis steht auf dem Plan, dazu eine Uraufführung des Komponisten HP Platz. Langsam leert sich das Foyer. Erste Türen schließen sich. Das Personal, herausgeputzt in tiefem Meeresblau, atmet durch: Auch ein Philharmoniemitarbeiter hat mal Pause. Zwei junge Herren stehen hinter der Garderobe, ihrem Arbeitsplatz. Sie führen ein angeregtes Gespräch. Wild gestikuliert der eine, gebannt starrt ihn der andere an. „Hurz!“ schleudert dieser ihm plötzlich entgegen. Kurz schauen sich die beiden an, dann brechen sie in schallendes Gelächter aus. Auch Ernsthaftigkeit macht mal Pause. Sogar bei Neuer Musik.

Felicitas Förster

 

Universen im Nachbarschaftsstreit

3. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Es ist der Einsatz verschiedener Formen von Elektronik, der die Stücke des Mittwochabends mit dem Ensemble Resonanz in der Kölner Philharmonie miteinander verbindet. Während Xenakis in „Aroura“ das von ihm erfundene UPIC-System anwendet, welches grafische Skizzen in Klänge transformieren kann, bedient sich York Höller in seinem Streichquartett „Antiphon“ eines Vierkanaltonbands, von welchem Aufnahmen eines Streichquartetts ertönen und mit dem Live-Ensemble in einen kämpferischen Dialog treten. Robert HP Platz, der Dirigent des Abends und Komponist der Uraufführung von „Branenwelten 5“, führt wiederum eine völlig neue Art der Klangverstärkung ein: Mithilfe sogenannter Transducer innerhalb des Instrumentenkorpus werden Signale an den Computer geleitet, der elektronische Impulse zurücksendet und damit das Instrument selbst zu seinem eigenen Lautsprecher werden lässt.

Mit seinen sechs „Branenwelten“ bezieht sich Platz auf künstlerische Weise auf eine kosmologische Theorie, nach der es viele Universen gibt, die – zusammen genommen – ein großes Multiversum bilden. Die Stücke können alleinstehend oder beliebig in Kombination gespielt werden. In der Uraufführung von „Branenwelten 5“steht Johannes Fischer alleine auf der Bühne an einem Holzwürfel, der unsichtbar mit elektronischen Hilfsmitteln ausgestattet ist. Das Pathos, mit dem der Musiker bedächtig über die Oberflächen seiner Kiste streicht, mit präzisen Schlägen das Holz bearbeitet, verschafft dem Stück seine Wirkung.. Der Transducer verrichtet im Inneren seine Arbeit und auch die Live-Elektronik gibt interessante Impulse.Nach der Pause erklang diese Uraufführung ein zweites Mal innerhalb der Simultanfassung von Branenwelten 1 für Streichensemble5 und 6 für Klavier (mit dem souveränen Nicolas Hodges). Auch in diesem Ausschnitt wurde deutlich, wie präzise Robert HP Platz die Polyphonie seiner Einzelwerke aufeinander abgestimmt hat: Mal verknäueln sich die Kosmen wild ineinander, dann wieder treten sie in den Hintergrund, um den anderen den Vorrang zu lassen. Diese von Anspannung und Entspannung geleitete Konzeption erschließt sich erst im Zusammenspiel.

Wie Robert HP Platz 2001 in einem Nachruf auf Iannis Xenakis formulierte, drohten dessen Kompositionen, in deren Nachbarschaft die übrigen Werke des Abends eingebettet waren, den Effekt ausüben, gelegentlich die Stücke anderer Künstler „in Grund und Boden zu trommeln“. Auch die neuen Werke dieses Abends sind dieser Gefahr nicht ganz entgangen. Insbesondere in den Werken von Xenakis kamen die Konzentration, das körperliche Spiel und die Präzision des fabelhaften Ensemble Resonanz stark zur Geltung.

Leonie Jordan

 

Der Komponist als DJ

2. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Beim Kölner Festival ACHT BRÜCKEN wird das Requiem für einen jungen Dichter des Kölner Komponisten Bernd Alois Zimmermann aufgeführt. Ein Werk, das dazu einlädt, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen.

Wie passt der Beatles-Song „Hey Jude“ zu einem klassischen Orchester? Was hat eine politische Rede von Adolf Hitler mit Musik zu tun? Und was hat ein Gebet des Papstes mit Jazzmusik gemeinsam? Bei Zimmermanns Requiem für einen jungen Dichter von 1969 handelt es sich nicht um „reine“ Musik, wie sie aus den klassischen Requien von Wolfgang Amadeus Mozart, Johannes Brahms oder Giuseppe Verdi bekannt ist. Chorstimmen vermischen sich mit Samples aus Lautsprechern und gesprochene Texte mit dröhnendem Orchesterklang. Musikalische Fragmente und Zitate aus entlegenen Kontexten klebte Zimmermann zu drastischen Collagen. Was aber passiert, wenn man Bruchstücke zusammenfügt, die eigentlich nicht für einander bestimmt sind? Genau darin liegt das Spannende für den Zuhörer.

Zimmermann selbst nannte diese Vorgehensweise „pluralistisches Komponieren“, weil verschiedene Elemente, Perspektiven und Zeitstränge zugleich ablaufen: Als gäbe es einen mächtigen DJ, der unterschiedliche Platten auflegt, sie miteinander mixt und an seinem Mischpult die Überlagerungen steuern kann. Texte von berühmten Dichtern, aber auch politische Reden von großen Staatsmännern, Ansprachen des Papstes, Romanfragmente und kulturphilosophische Schriften hat Zimmermann zu einer Zeitreise durch mehrere Jahrhunderte verknüpft.

Sonntag, den 05. Mai 2013

Einführung 18:30 Uhr – Konzert 20:00 Uhr
Kölner Philharmonie
mehr Infos unter:
http://www.achtbruecken.de/programm/109220/

 

Wer noch mehr über das Werk wissen möchte, ist herzlich eingeladen zu der Einführungsveranstaltung um 18:30 Uhr im Foyer. Hier werden noch viele andere Besonderheiten erklärt und einige Schülergruppen, die sich in den letzten Wochen in einem Projekt mit diesem Werk beschäftigt haben, stellen ihre Ergebnisse vor – diese Ideen werden sicherlich genauso vielseitig sein wie die Ideen von Zimmermann, die anschließend im Konzert zu entdecken sind.

Julian Kämper

Requiem mit Beethoven und Beatles

2. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Requiem für einen jungen Dichter… eine Totenmesse für eine bestimmte Person? Oder doch eher ein selbst gesetztes Mahnmal eines depressiven Komponisten? Vielleicht auch ein Spiegel historischer Ereignisse? Die Sicht der Dinge einer ganzen Generation? Dieses Werk kann Vieles gewesen sein. Eines ist es aber auf jeden Fall: Gewaltig. 250 Mitwirkende, unter anderem drei Chöre, Sinfonieorchester, Jazz-Band und mehrere solistisch agierende Künstler fordert Zimmermann für sein Werk. Über verschiedene Lautsprecher werden Textzitate, originale Tonbandaufnahmen oder Geräusche explodierender Bomben und vorbei rasender Düsenjäger eingespielt, im Orchester treffen Beethoven und die Beatles auf Tristan und Isolde. Zimmermann sah dieses Werk als einen Appell an die Menschheit, ein „Aufmerksam-machen“ auf die Unmenschlichkeit der Menschen. Eine Art Leitsatz bildet dabei das Zitat von Konrad Mayer: „worauf hoffen? Es gibt nichts was zu erreichen wäre, außer dem Tod.“

Lena Voss

Requiem mit Beethoven und Beatles

2. Mai 2013   |   Kommentare geschlossen

Requiem für einen jungen Dichter… eine Totenmesse für eine bestimmte Person? Oder doch eher ein selbst gesetztes Mahnmal eines depressiven Komponisten? Vielleicht auch ein Spiegel historischer Ereignisse? Die Sicht der Dinge einer ganzen Generation? Dieses Werk kann Vieles gewesen sein. Eines ist es aber auf jeden Fall: Gewaltig. 250 Mitwirkende, unter anderem drei Chöre, Sinfonieorchester, Jazz-Band und mehrere solistisch agierende Künstler fordert Zimmermann für sein Werk. Über verschiedene Lautsprecher werden Textzitate, originale Tonbandaufnahmen oder Geräusche explodierender Bomben und vorbei rasender Düsenjäger eingespielt, im Orchester treffen Beethoven und die Beatles auf Tristan und Isolde. Zimmermann sah dieses Werk als einen Appell an die Menschheit, ein „Aufmerksam-machen“ auf die Unmenschlichkeit der Menschen. Eine Art Leitsatz bildet dabei das Zitat von Konrad Mayer: „worauf hoffen? Es gibt nichts was zu erreichen wäre, außer dem Tod.“

Lena Voss