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Universen im Nachbarschaftsstreit

3. Mai 2013     |    Kommentare geschlossen

Es ist der Einsatz verschiedener Formen von Elektronik, der die Stücke des Mittwochabends mit dem Ensemble Resonanz in der Kölner Philharmonie miteinander verbindet. Während Xenakis in „Aroura“ das von ihm erfundene UPIC-System anwendet, welches grafische Skizzen in Klänge transformieren kann, bedient sich York Höller in seinem Streichquartett „Antiphon“ eines Vierkanaltonbands, von welchem Aufnahmen eines Streichquartetts ertönen und mit dem Live-Ensemble in einen kämpferischen Dialog treten. Robert HP Platz, der Dirigent des Abends und Komponist der Uraufführung von „Branenwelten 5“, führt wiederum eine völlig neue Art der Klangverstärkung ein: Mithilfe sogenannter Transducer innerhalb des Instrumentenkorpus werden Signale an den Computer geleitet, der elektronische Impulse zurücksendet und damit das Instrument selbst zu seinem eigenen Lautsprecher werden lässt.

Mit seinen sechs „Branenwelten“ bezieht sich Platz auf künstlerische Weise auf eine kosmologische Theorie, nach der es viele Universen gibt, die – zusammen genommen – ein großes Multiversum bilden. Die Stücke können alleinstehend oder beliebig in Kombination gespielt werden. In der Uraufführung von „Branenwelten 5“steht Johannes Fischer alleine auf der Bühne an einem Holzwürfel, der unsichtbar mit elektronischen Hilfsmitteln ausgestattet ist. Das Pathos, mit dem der Musiker bedächtig über die Oberflächen seiner Kiste streicht, mit präzisen Schlägen das Holz bearbeitet, verschafft dem Stück seine Wirkung.. Der Transducer verrichtet im Inneren seine Arbeit und auch die Live-Elektronik gibt interessante Impulse.Nach der Pause erklang diese Uraufführung ein zweites Mal innerhalb der Simultanfassung von Branenwelten 1 für Streichensemble5 und 6 für Klavier (mit dem souveränen Nicolas Hodges). Auch in diesem Ausschnitt wurde deutlich, wie präzise Robert HP Platz die Polyphonie seiner Einzelwerke aufeinander abgestimmt hat: Mal verknäueln sich die Kosmen wild ineinander, dann wieder treten sie in den Hintergrund, um den anderen den Vorrang zu lassen. Diese von Anspannung und Entspannung geleitete Konzeption erschließt sich erst im Zusammenspiel.

Wie Robert HP Platz 2001 in einem Nachruf auf Iannis Xenakis formulierte, drohten dessen Kompositionen, in deren Nachbarschaft die übrigen Werke des Abends eingebettet waren, den Effekt ausüben, gelegentlich die Stücke anderer Künstler „in Grund und Boden zu trommeln“. Auch die neuen Werke dieses Abends sind dieser Gefahr nicht ganz entgangen. Insbesondere in den Werken von Xenakis kamen die Konzentration, das körperliche Spiel und die Präzision des fabelhaften Ensemble Resonanz stark zur Geltung.

Leonie Jordan

 


 
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