Blog
back

Blumenkohl ist besser als Eis

29. April 2014     |    Kommentare geschlossen

Louwrens Langevoort ist als Intendant der Kölner Philharmonie für das ACHT BRÜCKEN Festival verantwortlich. Christopher Warmuth hat mit ihm gesprochen, über Maschinenmenschen, Eventkultur und Blumenkohl.

 

Intendant Louwrens Langevoort

Intendant Louwrens Langevoort

 

CW: Was macht ACHT BRÜCKEN aus?

LL: Neugier, wir wollen Neugier vom Publikum, das kommt. Innovation, denn wir bringen Neues, aber wir bringen auch Tradition. Unendlichkeit – Musik geht immer weiter. Das Festival geht zwar nur bis zum 11. Mai, aber das, was das Publikum mitnimmt aus diesen Veranstaltungen, das wird auch danach in ihren Köpfen weitergehen, das wird sie beschäftigen. Das ist das Beste.

CW: ACHT BRÜCKEN. Musik für Köln, ist der komplette Titel des Festivals. Musik für Köln – also nicht für den Rest der Welt?

LL: Erstmal Köln – und der Rest der Welt kann auch noch kommen. Nein, der Untertitel zeigt erst einmal, wo wir unseren Sitz haben, also in Köln. Man hat uns bei unserem letzten Festival manchmal vorgeworfen, dass wir etwas machen, was zwar in Köln stattfindet, aber globalisiert ist. Mit dem Titel „Musik für Köln“ wollen wir natürlich auch sehr bewusst die Kölner Musiker, freie Szene und andere, einbeziehen. Es gibt in dieser Stadt ein enormes Reservoir, einen Humus, wie man so schön sagt, von Neue-Musik-Machern. Die haben ihre Tradition, haben ihre Erfindung schon gemacht. Jetzt geht es darum, dass wir Hand in Hand gehen in diesem Festival: Dasjenige, was Köln selber bietet, bekommt eine zentrale Stellung, aber wir stellen das gleich mit dem, was international dazu kommt. Jeder soll die Möglichkeit haben, zu vergleichen, was die Linien in einem internationalen Ensemble sind, das aus Paris oder aus New York, aus Amsterdam oder Wien kommt, oder von dem was hier auf diesem Boden entsteht.

CW: Das Thema dieses Jahr ist das Gegensatzpaar „Mensch und Maschine“. Kann der Mensch auch Maschine sein?

LL: Ich glaube dass viele Leute, wenn man sie nach ihren tagtäglichen Schwierigkeiten im Job fragt, meinen, sie sind eine Maschine geworden. Vielleicht ist dann die Möglichkeit, dass die Musik, die das Festival ihnen gibt, ein anderes Licht in ihre eigene Existenz bringt, dass sie darüber nachdenken und vielleicht das Maschinelle von sich selber verlieren. Dass man das Maschinelle von sich löst, mit einem freien Kopf denkt und sich fragt: Was bin ich eigentlich?

CW: In vielen Konzerten wird ein zeitgenössisches Werk oft mit einem Klassiker der Musikgeschichte kombiniert. Das ist ungefähr so als wenn man Kindern erst den Blumenkohl und dann erst das Eis servieren würde…

LL: …aber Blumenkohl ist doch viel besser als Eis.

CW: Also ich stelle es mir sehr anstrengend vor, nur moderne Konzerte zu hören. Gibt es Versuche, das zu mindern?

LL: Diesen Weg, etwas schon Bekanntes zu hören, gibt es hier nicht. Wenn Sie Strauss hören, dann sind Sie auf sicherem Terrain, wenn Sie Ligeti hören, dann ist das schon schwieriger, glitschiger. Aber schmeißen Sie jetzt Ihre Traditionen, Ihre Vergangenheit über Bord und stellen Sie sich vor, Sie wären ein Baby von zwölf Monaten und gehen in ein Konzert, haben noch nie irgendwo etwas gehört. Alles ist dann für mich neu, da stelle ich mich erstmal ein: Was höre ich jetzt eigentlich? Ohne, dass ich die Tradition kenne. Sind diese Klänge, die für mich präsentiert werden, für mich vertretbar? Kann ich damit etwas anfangen oder nicht?

CW: Woran liegt es, dass im klassischen Bereich hauptsächlich „alte“ Musik gespielt wird und kaum moderne oder zeitgenössische Musik?

LL: Ab einem gewissen Moment ist das Konzertrepertoire in die Vergangenheit gegangen, man hat sich auf postromantische Werke „eingepegelt“. Wenn Sie die Rezeptionsgeschichte von neuen Opern oder neuen Musikwerken in den Zwanzigern oder Anfang der Dreißiger Jahre anschauen: ein Stück wie Wozzeck wurde überall gespielt! Das kann eine neue Oper überhaupt nicht mehr haben, die können froh sein, wenn sie einmal nachgespielt wird. Woran liegt das? Weil kein Mensch mehr das Risiko auf sich nimmt, ein neues Stück nochmal zu machen, weil jeder irgendwo diesen „Jus primae noctis“ haben möchte, ich möchte es „unbefleckt“ haben. Es muss neu sein, es gilt nur die Uraufführung. Dabei wird fast nie geprüft, ob dieses Stück richtig repertoiretauglich ist und vielleicht ein anderes Publikum auch nochmal interessieren kann.

Und es ist die Eventkultur, die wir alle haben. Wir gehen ja nicht nur ins Konzert, wir gehen zu einem Event. Und das Event fängt schon an mit einem Glas Sekt oder Champagner vorher, einer Einführung von jemand, „der’s wissen muss“, und dann geht man ins Konzert. Und nach dem Konzert „chilled“ man es „out“, geht in eine Lounge. Fragen Sie jetzt mal einen Konzertbesucher, was er richtig empfunden hat, ob er überhaupt noch weiß, welche Musik er gehört hat.

CW: Alles in allem: Warum sollte man ACHT BRÜCKEN dieses Jahr auf keinen Fall verpassen?

LL: Aus Liebe zu sich selbst.

Adele Jakumeit


 


 
Email
Print