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Archiv für Mai 2014

Neunte Brücke verabschiedet sich

15. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Abschlussfoto 1

Meine Neunte Brücke – Projekt Chaos

15. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Zur Krönung des Ganzen schließt das ACHT BRÜCKEN Festival mit der Crème de la Crème: Boulez, Ligeti, Debussy. Als Nerven zerfressendes, hochorganisiertes Chaos entpuppt sich der Boulez – ohne Pausen zum Atmen – und lässt es mir schleierhaft erscheinen, wie die Soloquerflöten es überhaupt schaffen konnten, während des gesamten Stücks „…explosante-fixe…“ irgendwann Luft zu holen. Ein älterer Herr hinter mir scheint meine Meinung zu teilen. Offensichtlich hat er mir genau dies versucht deutlich zu machen, in dem er zwischen meinem Kopf und dem des netten Herren rechts von mir, seinen schwarzen Stiefel entgegenstreckt: mein persönlicher Höhepunkt des Stücks.

Anna Dammers

Impulse Afrikas

14. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Eine Quelle akustisch-motorischer Genüsse nannte Ligeti die Musik Afrikas, was sich für den Festivalzuhörer an diesem Abend bewahrheitet. Mitreißende Trommeln, eine facettenreiche Stimme. Niemand hält es auf den Sitzen als Dobet Gnahoré mit ihrer Band auf der Bühne performt. Gespannte Erwartung auf etwas Unbekanntes liegt in der Luft, die Philharmonie ist in schwaches Licht getaucht. Schlagzeuger, Sängerin, Bassist, Gitarrist, Balafon-Spieler, Tänzer und drei Trommler betreten nach und nach die Bühne. Trommelklänge gleich einer galoppierenden Tierherde in der Steppe erfassen den Zuschauer. Bald fühlt er sich mitgenommen, klatscht und singt mit und wird Teil des afrikanischen Pulses, des menschlichen Pulses. Nach eineinhalb Wochen mit der Auseinandersetzung von Mensch und Maschine fällt es dem Zuschauer leicht, sich dem Impuls des natürlichen Herzschlags hinzugeben. Anfängliches Mitwippen schwappt in Begeisterung über. Ein kontrastierender Farbklecks beim Acht Brücken Festival.

                                                                                                                                        Maria Busch

Wolken, Licht und Luft…

13. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Beim Komponieren des Orchesterstücks Atmosphères hat György Ligeti stets die Bewegungen der Luft vor seinem inneren Auge gehabt – und das aus gutem Grund. Leonie Reineke hat sich das Werk vorgenommen und herausgefunden, wie Ligeti seine eigenwillige Musik entwickelt hat.

Wolken, Licht und Luft [] György Ligetis »Atmosphères«

 

Beitrag von Leonie Reineke

Was noch gesagt werden muss

11. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Man kann das als historischen Moment erleben: Das SWR-Sinfonieorchester aus Stuttgart, das bald mit den Kollegen aus Baden-Baden und Freiburg zwangsvereinigt werden soll, spielt zwei Stücke, die mit der glorreichen Geschichte der Neuen Musik im Südwesten eng verbunden sind, uraufgeführt in Donaueschingen.

Dementsprechend empört sind auch die Appelle an die Verantwortlichen, die Vielfalt an Orchestern, zu erhalten, eine der größten Errungenschaften, um die Deutschland in der Welt beneidet wird.. Das SWR Sinfonieorchester steht vor dem Aus. Ist es Zufall, dass gerade dieses Orchester den Abschluss des ACHT BRÜCKEN Festivals bildet? Wohl kaum. Und das Orchester beweist an diesem Abend, dass es erhalten bleiben muss.

Unter der Leitung des Chefdirigenten François-Xavier Roth beginnt man mit Pierre Boulez’…explosante-fixe…. Es ist eine Hommage an Igor Strawinsky, der im Jahr 1971, als Boulez die erste Version des Stücks komponiert, starb. Die individuell zu gestaltende Grundreihe der drei Soloflöten legen sich ineinander und verschieben sich, wie bei einer Fuge von Strawinsky. Die Live-Performance spiegelt sich in einer komplexen Elektronik, akribisch realisiert durch die Spezialisten des Experimentalstudio des SWR.

Völlig ohne Elektronik kommt das Orchester allerdings dann in der zweiten Hälfe des Konzerts aus. Die Musiker ließen Debussys dreiteilige Images und Ligetis Lontano und Atmosphères ineinander übergehen, um die Spannung der Musik nicht zu zerstören. Und eigentlich wäre das auch eine gute Idee gewesen. Doch man hatte die Rechnung ohne das Publikum gemacht und die jeweiligen Anfangstakte gingen in kollektiven Hustenanfällen fast unter.

Während man bei den lauten Stellen in Debussys Gigues noch das Gefühl hat, die Musiker seien noch nicht vollends konzentriert, steigert sich die Spannung in Ligetis Lontano umso mehr. Im Allgemeinen zeigt das Orchester seine Stärke vor allem in den leisen Stellen der Werke, bis die Musiker dann mit Debussys Ibéria einen mitreißenden Höhepunkt und Abschluss schaffen.

David Renke

Der Freie Geist in der Rhythmik

11. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Robyn Schulkowsky, die  US-amerikanische Perkussionistin, spielte am 5. Mai für Acht Brücken. Ihre Trommelschläge erhallten  in der Rotunde der Sparkasse KölnBonn  und bezauberten dort die Leute. Im Interview mit der Neunten Brücke sprach sie über ihre Faszination für  Musik und ihre Beziehung zu Ligeti.

Schulkowsky im Interview mit der Neunten Brücke

Saori Kanemaki und Marina Cveljo

»La musique classique n‘existe pas«

11. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

// Ausflug zu den Wittener Tagen für Neue Kammermusik
// Der Komponist Philippe Manoury im Gespräch mit Kornelia Bittmann

»La musique classique n‘existe pas« – Klassische Musik existiert nicht. Diese These stellte der diesjährige »composer in residence« Philippe Manoury bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik auf. Der 1952 geborene Franzose betonte in einem Gespräch mit der WDR 3-Moderatorin Kornelia Bittmann, dass eine Dichotomie von Modernität und Tradition, wie sie laut Bittmann in seiner Musik zu finden sei, gar nicht bestehe.
Als Entwickler der mittlerweile unverzichtbaren Computerprogrammiersprache »MAX« für Komponisten elektronischer Musik auf der einen Seite, und auf der anderen Seite als ein Komponist, der Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy verehrt, lässt er sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Manoury selbst – der übrigens ein bisschen aussieht wie Karlheinz Stockhausen; auch eines seiner Vorbilder – streitet ab, dass Modernität und Tradition im Kontrast zueinander stehen. Für ihn waren alle Komponisten in ihrer jeweiligen Zeit Experimentatoren, die Neues ausprobiert und unbekanntes Terrain betreten haben. »Klassische Musik«, das sei nur ein von Theoretikern erfundener Begriff, der praktisch keinen Sinn mache. Genau so wie Wagner vor 150 Jahren eine neue Musiksprache entwickelt hat, haben Komponisten vor 60 Jahren angefangen die aufkeimenden Möglichkeiten der Analogtechnik für ihre Musik einzusetzen. Und genau so versuchen Komponisten auch heute, die Flut der digitalen Medien in ihre Kompositionsästhetik zu integrieren.
Was sich jedoch mit Gewissheit feststellen lässt, ist, dass Philippe Manourys Musik von Gegensätzen lebt, wenn es um musikalischen Ausdruck geht: Computergestütze Konstruktion einerseits und unmittelbare Expression andererseits prallen in seinen Werken aufeinander. Ein Beispiel für die Ausdrucksstärke seiner Musik ist das Werk Gestes, das im Rahmen des Gesprächs von Mitgliedern des »Ensemble recherche« aufgeführt wurde. Das mehrsätzige Streichtrio kann man fast als eine Art Arnold Schönberg 2.0 hören: Die großformale Anlage scheint mit deutlich kontrastierenden Einzelsätzen traditionell, die Harmonik wirkt mit allerhand konsonanten Intervallen vertraut, Melodien und Agogik erinnern an die ersten atonalen Kompositionen des letzten Jahrhunderts, die noch spätromantisch gefärbt sind. Lediglich an einzelnen Stellen erkennt man den Unterschied: nämlich dann, wenn Bogendruck-, -geschwindigkeit und -position so gewählt sind, dass geräuschhafte Klänge entstehen, die darauf hindeuten, dass wir es nicht mit einem Streichtrio von 1920 zu tun haben. Dennoch würde man auch nicht unbedingt auf 1992 als Entstehungsjahr von Gestes tippen; denn derlei Experiemente mit erweiterten Spieltechniken haben Komponisten wie Helmut Lachenmann schon in den frühen 70ern etabliert.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht die Frage. Denn Philippe Manoury geht es letztlich nicht darum, wie das Publikum seine Musik hört, sondern, dass es sie hört: Die Zeit, in der Musik abläuft, für einen Hörer »bewohnbar« zu machen, seine Aufmerksamkeit zu wecken und etwas zu erschaffen, das ihm im Gedächtnis bleibt, das allein ist Philippe Manourys bescheidenes aber elementares Ziel.

Leonie Reineke

»La musique classique n‘existe pas«

11. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

// Ausflug zu den Wittener Tagen für Neue Kammermusik
// Der Komponist Philippe Manoury im Gespräch mit Kornelia Bittmann

»La musique classique n‘existe pas« – Klassische Musik existiert nicht. Diese These stellte der diesjährige »composer in residence« Philippe Manoury bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik auf. Der 1952 geborene Franzose betonte in einem Gespräch mit der WDR 3-Moderatorin Kornelia Bittmann, dass eine Dichotomie von Modernität und Tradition, wie sie laut Bittmann in seiner Musik zu finden sei, gar nicht bestehe.
Als Entwickler der mittlerweile unverzichtbaren Computerprogrammiersprache »MAX« für Komponisten elektronischer Musik auf der einen Seite, und auf der anderen Seite als ein Komponist, der Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy verehrt, lässt er sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Manoury selbst – der übrigens ein bisschen aussieht wie Karlheinz Stockhausen; auch eines seiner Vorbilder – streitet ab, dass Modernität und Tradition im Kontrast zueinander stehen. Für ihn waren alle Komponisten in ihrer jeweiligen Zeit Experimentatoren, die Neues ausprobiert und unbekanntes Terrain betreten haben. »Klassische Musik«, das sei nur ein von Theoretikern erfundener Begriff, der praktisch keinen Sinn mache. Genau so wie Wagner vor 150 Jahren eine neue Musiksprache entwickelt hat, haben Komponisten vor 60 Jahren angefangen die aufkeimenden Möglichkeiten der Analogtechnik für ihre Musik einzusetzen. Und genau so versuchen Komponisten auch heute, die Flut der digitalen Medien in ihre Kompositionsästhetik zu integrieren.
Was sich jedoch mit Gewissheit feststellen lässt, ist, dass Philippe Manourys Musik von Gegensätzen lebt, wenn es um musikalischen Ausdruck geht: Computergestütze Konstruktion einerseits und unmittelbare Expression andererseits prallen in seinen Werken aufeinander. Ein Beispiel für die Ausdrucksstärke seiner Musik ist das Werk Gestes, das im Rahmen des Gesprächs von Mitgliedern des »Ensemble recherche« aufgeführt wurde. Das mehrsätzige Streichtrio kann man fast als eine Art Arnold Schönberg 2.0 hören: Die großformale Anlage scheint mit deutlich kontrastierenden Einzelsätzen traditionell, die Harmonik wirkt mit allerhand konsonanten Intervallen vertraut, Melodien und Agogik erinnern an die ersten atonalen Kompositionen des letzten Jahrhunderts, die noch spätromantisch gefärbt sind. Lediglich an einzelnen Stellen erkennt man den Unterschied: nämlich dann, wenn Bogendruck-, -geschwindigkeit und -position so gewählt sind, dass geräuschhafte Klänge entstehen, die darauf hindeuten, dass wir es nicht mit einem Streichtrio von 1920 zu tun haben. Dennoch würde man auch nicht unbedingt auf 1992 als Entstehungsjahr von Gestes tippen; denn derlei Experiemente mit erweiterten Spieltechniken haben Komponisten wie Helmut Lachenmann schon in den frühen 70ern etabliert.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht die Frage. Denn Philippe Manoury geht es letztlich nicht darum, wie das Publikum seine Musik hört, sondern, dass es sie hört: Die Zeit, in der Musik abläuft, für einen Hörer »bewohnbar« zu machen, seine Aufmerksamkeit zu wecken und etwas zu erschaffen, das ihm im Gedächtnis bleibt, das allein ist Philippe Manourys bescheidenes aber elementares Ziel.

Leonie Reineke

Sturm und Vakuum

9. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Elektrisch aufgeladene Winde ziehen mit dem Konzert von Kreidler durch die Philharmonie. Drums, Synthesizer, Gitarre und Laptop bilden ein kühles Wolkengebilde, das, sich langsam verändernd, Song für Song hinüberzieht. Eine Windows- Fehlermeldung als Blitz im hypnotischen Loop-Strudel?  Der assoziationsgefütterte Kopf schreckt auf. Dazu hätte es das schüchterne Stroboskop an der Bühnendecke gar nicht gebraucht.
Es bleibt dunkel, als die Umrisse der Mitglieder von Bohren & der Club of Gore in den Lichtkegeln auf der Bühne erscheinen. Während die Musik von Kreidler ein einziges elektronisch-grollendes Weiterrollen war, wiegen sich die Musiker hier in der Langsamkeit. Das Warten auf den nächsten Schlag saugt die Luft im Saal weg. Ein Vakuum und eine Zerreißprobe – würde der narkotische Puls nicht den Blick schärfen:
Wie unter einem Mikroskop wirkt jeder Klang vergrößert. Jazzbesensurren und tiefe Synthesizerchöre geben Halt im endlosen Raum, während Kontrabass und Vibraphon den Weg in den nächsten Takt mit Farbtupfern erhellen. Vorbei an einem Saxophonsolo, das sich, vom Rauch verhallt, in die Tiefen dieses in Zeitlupe lebenden Jazzclubs bohrt. Beim Hinaustreten wirkt die Welt zu schnell.

Britta Quecke

Sturm und Vakuum

9. Mai 2014   |   Kommentare geschlossen

Elektrisch aufgeladene Winde ziehen mit dem Konzert von Kreidler durch die Philharmonie. Drums, Synthesizer, Gitarre und Laptop bilden ein kühles Wolkengebilde, das, sich langsam verändernd, Song für Song hinüberzieht. Eine Windows- Fehlermeldung als Blitz im hypnotischen Loop-Strudel?  Der assoziationsgefütterte Kopf schreckt auf. Dazu hätte es das schüchterne Stroboskop an der Bühnendecke gar nicht gebraucht.
Es bleibt dunkel, als die Umrisse der Mitglieder von Bohren & der Club of Gore in den Lichtkegeln auf der Bühne erscheinen. Während die Musik von Kreidler ein einziges elektronisch-grollendes Weiterrollen war, wiegen sich die Musiker hier in der Langsamkeit. Das Warten auf den nächsten Schlag saugt die Luft im Saal weg. Ein Vakuum und eine Zerreißprobe – würde der narkotische Puls nicht den Blick schärfen:
Wie unter einem Mikroskop wirkt jeder Klang vergrößert. Jazzbesensurren und tiefe Synthesizerchöre geben Halt im endlosen Raum, während Kontrabass und Vibraphon den Weg in den nächsten Takt mit Farbtupfern erhellen. Vorbei an einem Saxophonsolo, das sich, vom Rauch verhallt, in die Tiefen dieses in Zeitlupe lebenden Jazzclubs bohrt. Beim Hinaustreten wirkt die Welt zu schnell.

Britta Quecke

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