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»La musique classique n‘existe pas«

11. Mai 2014     |    Kommentare geschlossen

// Ausflug zu den Wittener Tagen für Neue Kammermusik
// Der Komponist Philippe Manoury im Gespräch mit Kornelia Bittmann

»La musique classique n‘existe pas« – Klassische Musik existiert nicht. Diese These stellte der diesjährige »composer in residence« Philippe Manoury bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik auf. Der 1952 geborene Franzose betonte in einem Gespräch mit der WDR 3-Moderatorin Kornelia Bittmann, dass eine Dichotomie von Modernität und Tradition, wie sie laut Bittmann in seiner Musik zu finden sei, gar nicht bestehe.
Als Entwickler der mittlerweile unverzichtbaren Computerprogrammiersprache »MAX« für Komponisten elektronischer Musik auf der einen Seite, und auf der anderen Seite als ein Komponist, der Richard Wagner und Felix Mendelssohn-Bartholdy verehrt, lässt er sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Manoury selbst – der übrigens ein bisschen aussieht wie Karlheinz Stockhausen; auch eines seiner Vorbilder – streitet ab, dass Modernität und Tradition im Kontrast zueinander stehen. Für ihn waren alle Komponisten in ihrer jeweiligen Zeit Experimentatoren, die Neues ausprobiert und unbekanntes Terrain betreten haben. »Klassische Musik«, das sei nur ein von Theoretikern erfundener Begriff, der praktisch keinen Sinn mache. Genau so wie Wagner vor 150 Jahren eine neue Musiksprache entwickelt hat, haben Komponisten vor 60 Jahren angefangen die aufkeimenden Möglichkeiten der Analogtechnik für ihre Musik einzusetzen. Und genau so versuchen Komponisten auch heute, die Flut der digitalen Medien in ihre Kompositionsästhetik zu integrieren.
Was sich jedoch mit Gewissheit feststellen lässt, ist, dass Philippe Manourys Musik von Gegensätzen lebt, wenn es um musikalischen Ausdruck geht: Computergestütze Konstruktion einerseits und unmittelbare Expression andererseits prallen in seinen Werken aufeinander. Ein Beispiel für die Ausdrucksstärke seiner Musik ist das Werk Gestes, das im Rahmen des Gesprächs von Mitgliedern des »Ensemble recherche« aufgeführt wurde. Das mehrsätzige Streichtrio kann man fast als eine Art Arnold Schönberg 2.0 hören: Die großformale Anlage scheint mit deutlich kontrastierenden Einzelsätzen traditionell, die Harmonik wirkt mit allerhand konsonanten Intervallen vertraut, Melodien und Agogik erinnern an die ersten atonalen Kompositionen des letzten Jahrhunderts, die noch spätromantisch gefärbt sind. Lediglich an einzelnen Stellen erkennt man den Unterschied: nämlich dann, wenn Bogendruck-, -geschwindigkeit und -position so gewählt sind, dass geräuschhafte Klänge entstehen, die darauf hindeuten, dass wir es nicht mit einem Streichtrio von 1920 zu tun haben. Dennoch würde man auch nicht unbedingt auf 1992 als Entstehungsjahr von Gestes tippen; denn derlei Experiemente mit erweiterten Spieltechniken haben Komponisten wie Helmut Lachenmann schon in den frühen 70ern etabliert.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht die Frage. Denn Philippe Manoury geht es letztlich nicht darum, wie das Publikum seine Musik hört, sondern, dass es sie hört: Die Zeit, in der Musik abläuft, für einen Hörer »bewohnbar« zu machen, seine Aufmerksamkeit zu wecken und etwas zu erschaffen, das ihm im Gedächtnis bleibt, das allein ist Philippe Manourys bescheidenes aber elementares Ziel.

Leonie Reineke


 
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