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„Natürlich ein politisches Statement“

2. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Louwrens Langevoort im Interview über das diesjährige Achtbrücken-Festival

von Kira Lorenz und Hannah Schmidt

 

„Musik. Politik?“ ist das Motto des fünften ACHT BRÜCKEN Festivals in Köln – nach den Schwerpunkten in den letzten Jahren ein Statement, das Fragen aufwirft. Waren es in den vergangenen Auflagen die Komponisten Pierre Boulez, John Cage und Iannis Xenakis, die mit Inhalten wie der „Vision“ Amerika und dem Thema Mensch und Maschine das Zentrum bildeten, schlagen die Veranstalter 2015 einen provokanten Weg ein, begeben sich mitten hinein in die komplexe Seele der Gesellschaft.

Über Musiker, die Weltverbesserer sind, die Zeit Platons und den ideellen Staat „Urbo kune“ haben Kira Lorenz und Hannah Schmidt von der ACHT BRÜCKEN Schreibschule mit dem Intendanten der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort, gesprochen.

 

Langevoort: „Für die Kölner ist Neue Musik erstmal eine gute Abwechslung zur Karnevalsmusik.“ Foto: Hannah Schmidt


Brücken? Blog.: Herr Langevoort, heute beginnt zum fünten Mal das Achtbrücken-Festival, dieses Mal zur dem Thema  „Musik. Politik?“ Sie als Intendant der Kölner Philharmonie und des Festivals: Können Sie uns sagen, warum das Thema ausgewählt wurde?

Langevoort: Praktisch gesehen ist es so, dass wir seit dem ersten Festival 2011 immer ein Thema auswählen, weil das für das Publikum sehr hilfreich ist: man kann sich für zehn Tage auf ein Thema  konzentrieren und versuchen, das Thema von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten und verschiedene Komponisten an das Thema heranlassen, die dann ihre Soße dazugeben. Es ist schon eine Entscheidung gewesen aus dem Jahr 2011, dass wir auch mal ein politisches Statement abgeben wollen. Was ist Politik, kann man Politik in Musik äußern, gibt es Künstler, die noch richtig ihre politische Meinung in Musik äußern und damit vielleicht Weltverbesserer sind oder mindestens eine Bildung ihrer Zuhörer erwarten, damit die ihre Musik verstehen.

Um ein politisches Statement abzugeben haben wir zehn Komponisten gebeten, ein Lied zu schreiben für ein Land, das nicht existiert. Ich denke, es ist natürlich sehr schön in den nächsten zehn Tagen zu hören, wie die Musiker damit umgegangen sind, ob sie sagen: Musik ist nur Genuss, ist nur was Schönes, oder ob sie tatsächlich ihre Meinung dazu geben, was ein Land überhaupt ist und was eine Hymne für so ein Land sein kann.

 

B: Der Philosoph Platon hat gesagt, dass Musik das moralische Handeln von Menschen beeinflussen kann. Wie stehen Sie zu dieser These, und erhoffen Sie sich eine ähnliche Wirkung bei den Festivalbesuchern?

L: Da kann ich eigentlich nur meinen Landsmann Luis Andriessen zitieren, der zwar das Stück „De Staat“ geschrieben und die Zitate sehr bewusst ausgesucht hat, und der hat schon gesagt: „Was Platon da meint, da glaube ich überhaupt nicht dran.“ Natürlich gab es bei Platon im 4. Jahrhundert vor Christus natürlich ein ganz anderes Musikverhältnis als heute. Was Plato für richtig erklärte, ist mit dem Abstand von 2500 Jahren heute nicht mehr mit dem vergleichbar, was die Gesellschaft heute bewegt. Trotzdem kann die Musik natürlich etwas bewegen, aber es ist viel mehr etwas, was ein Sentiment ausdrücken kann, was unter die Haut gehen kann, und irgendwie, wenn man Musik hört, dafür sorgen kann, dass man auf eine andere Weise über das denkt, was heute stattfindet.

 

B: Luis Andriessen ist mit vier Konzerten ein zweiter Schwerpunkt des diesjährigen Festivals. Bildet er eine Art Kontrapunkt zu dem anderen Thema?

L: Obwohl Andriessen heute sagt, er sei kein politischer Komponist, hat er in den 60er- und 70er-Jahren sehrwohl eine politische Meinung gehabt und versucht, Sachen durchzusetzen, die mit Politik etwas zu tun hatten. Er agierte zum Beispiel als Vertreter sozialistischer Parteien in Holland und hat seine Musik einer gesellschaftlichen Bewegung zu Diensten gestellt. Dass der damals 25-Jährige jetzt mit 75 anders reagiert ist nachzuvollziehen. Wir haben ihn als zentralen Komponist gewählt, gerade, weil er diese Wandlung durchgemacht hat, und weil er es verdient hat, in Deutschland bekannter zu werden.

 

B: Inwiefern ist das Festival ein persönliches Statement für Sie?

L: Nun, persönlich ist es nicht, wie suchen immerhin mittlerweile zu fünfzehnt das Thema aus, und jeder hat Vorschlagsrecht. Ein Festival zu programmieren hat aber trotzdem etwas persönlichen, da ist die Frage berechtigt, aber persönlich ist immer zu sehen im Kontext der Tatsache, dass das nicht das einzige Festival ist, das wir machen, das durchgehen soll, sondern dass wir jedes Jahr aufs Neue ein anderes Thema stellen sollen, das faszinieren kann und die Bevölkerung von Köln neugierig darauf macht, die Musik zu hören. Wir müssen uns jedes Jahr aufs Neue die Frage stellen, welches Thema wir machen, damit wir auf eine gute Weise eine neue Facette von neuer Musik präsentieren können. Und ich denke, das ist uns in diesem Jahr gut gelungen.

 

B: Und inwiefern ist das Festival ein politisches Statement, beispielsweise mit der 25-stündigen Aktion „urbo kune“?

L: „urbo kune“ ist natürlich ein politisches Statement, mit Musik und den Vorträgen drumherum, es soll schließlich eine Lanze brechen für eine gemeinsame Stadt, ein gemeinsames Europa, einen Kulturstaat, und mit Musik umrahmt werden. Außerdem sind dabei die Zuschauer sehr gefragt sich nicht einfach hinzusetzen und die Musik zu hören, sondern auch mitzudenken und sich zu fragen: Was will der Vortragende, und auf welche Weise bin ich da mit einbezogen?

 

B: Was bedeutet diese Neue und politische Musik explizit für die Kölner?

L: Ganz salopp gesagt bietet das Festival erstmal eine gute Abwechslung zur Karnevalsmusik. Anders und konkreter gesagt, glaube ich, dass sie Kölner ein ganz neugieriges Volk sind. Ich glaube, dass die wissen, was das Fragezeichen in dem Titel bedeutet und sich fragen, wie sie das Fragezeichen für sich selbst lösen können.

 

 

 


 
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