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Der Prozess ist unausweichlich

3. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Die Musik Cornelius Cardews entwirft ein ideales Gemeinschaftsmodell nach antikem Vorbild

Von Jade Conlee

 

Musik, Politik, Kirchen. Die drei Wörter, Einrichtungen eben, könnten die ganze abendländische Musikgeschichte umfassen. Der Eröffnungsabend des ACHT BRÜCKEN Festivals hat alle drei kombiniert und sogar die asiatische Philosophie hinzugefügt. Der Chor Superterz bot den dritten und vierten Satz des gigantischen Stückes Cornelius Cardews, The Great Learning, dar. Das selten aufgeführte Werk, das durch professionelle und Laienmusiker interpretiert werden soll,  entwirft sieben Verläufe, die jeweils Zitate von Konfuzius musikalisch umsetzen. Der Spielort war die Kunst-Station Sankt Peter, eine romanische Kirche, die nach dem zweiten Weltkrieg zerstört und elegant wiederaufgebaut wurde. Hell, neutral, und von Buntglasfenstern abgesehen leer von religiösen Gegenständen, ist sie ein bedeutungsvoller Ort, um Nachkriegsideen der Spiritualität und Utopie zu betrachten.

Blick in den Kirchenraum mit der Installation „Mutterboden“ von Jesse Magee, 2015

Im gedimmten Licht wurde dort, wo normalerweise der Altar stehen würde, eine Art letztes Abendmahl dargestellt. Die Chormitglieder saßen um den Tisch herum und schlugen nach Anweisung des Dirigenten mit Holzlöffeln und anderen Gegenständen auf den Tisch, während ein Solist oder eine Solistin Auszüge von Konfuzius wiedergab. Langsam fing der Chor an zu schreien und Geschirr mit Besteck zu schlagen. Sobald ein Höhepunkt der Klanghäufung erreicht wurde, mit Orgel auch dabei, fing der Prozess erneut an. Die Solisten, einschließlich Nicole Ferrein, Irene Kurka, Martin Lindsay, und Michael Veltman, durften die Länge ihrer Abschnitten selbst entscheiden, sowie die Spielweise. Es erinnerte an uralte, kathartische Rituale, die gelang musikalisch auf sehr bewegende Art und Weise. Beim dritten Satz spielten auch Musiker mit tiefen Instrumenten, die rundherum im Kirchenraum verteilt waren. Jeder Musiker spielte langsam ein Muster des quasi-tonalen Borduns durch. Der Chor wanderte durch das Publikum und sogar hoch auf den Balkon – ein metaphysisches Moment.

Obwohl der britische Komponist in den siebziger Jahren kommunistischer Extremist wurde und seine früheren Werke ablehnte, studierte er vorher bei Stockhausen und dann bei Cage. Seine Werke kombinieren das genaue Klangbewusstsein europäischer Art mit der förmlichen Freiheit amerikanischer Experimentalisten. Die beachtliche Länge des Stückes wird in einem Dutzend grafisch, experimentell notierter Blätter zusammengefasst, und könnte nach ein paar Proben realisiert werden, meint Antoine Beuger, der Dirigent des Ensembles, im Gespräch. Trotzdem hat der Chor drei Monate lang geprobt, damit sie eine vielsagende Interpretation bauen konnten und jedes Mitglied seine eigene Stimme in der Textur entdecken konnte. In diesem Sinne gründete der Chor durch tägliche Übung eine neue Gemeinschaft. Konfuzius ist wohl der klassisch Autor der Utopie, und sein gesellschaftliches Vorbild besteht aus konzentrischen Kreisen: In der Mitte ein stabiles Selbstbewusstsein und am Rand eine weltweite Gesellschaft. Konfuzius schrieb, „Zu wissen, was zuerst und was zuletzt kommt, führt hin zu dem, was gelehrt wird in der Großen Lehre.“ In einer solchen Gesellschaft ist die Lehre eigentlich das Lernen.


 
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