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Nicht die Unfreiheit ist die Hölle

3. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Über die Performance „Die Kunst der Überwachung“ in der Kunsthochschule für Medien

Von Hannah Schmidt

 

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Tobias Daemgen filmte und fotografierte das Geschehen ununterbrochen. Fotos: Hannah Schmidt

 

Jeder, der den Raum betritt, wird aufgezeichnet. Kameras, Laptops, Mikrofone, Kupferdetektoren nehmen jede Schwingung und jedes Magnetfeld auf, kompromisslos – sie übersehen und überhören nichts. Jede Bewegung wird kommentiert, jedes Atmen, jedes Räuspern, jeder Schritt erklingt verstärkt, für alle hörbar – interpretiert als Musik.

„Kunst der Überwachung“ nannten das Ensemble Tonverbrechung und das Künstlerkollektiv RaumZeitPiraten am Donnerstagabend ihre gemeinsame Performance in der beinahe völlig abgedunkelten Aula der  Kunsthochschule für Medien. Eine laute und deutliche Maschinerie der Überwachung war das, für alle offen sichtbar. Der einzige Unterschied zum perfiden und leisen Mithören der Realität. 

 

Altmodische Röhrenbildschirme

 

Vor Sophie Reyer, Autorin und Sprecherin beim Konzert, steht einer von drei altmodischen, sperrigen Röhrenbildschirmen mit Schachbrett-Raster. Er zeigt die körnigen Live-Bilder von einer der drei hoch in der Mitte der Aula montierten Kameras, „C2 geht nach C3 geht nach B3 geht nach A3 geht raus“, beschreibt sie mit monotoner Stimme die Bewegung einer Besucherin hinter sich. Sichtlich irritiert bleibt diese stehen und wird unmittelbar von einem RaumZeitPiraten fotografiert, der durch den Raum schleicht und alles filmt und ablichtet, was er sieht – wie Gitarrist Nicola Hein und Cellistin Elisabeth Fügemann alles musikalisch interpretieren, was sie hören.

Das Rauschen, Fiepsen und Knistern, das zwei installierte Kupferspulen aus Kabeln, Mänteln, Stühlen hervorholen, das ruckelnde Ratschen eines Druckers neben den surrenden Laptops in der Mitte, Worte aus dem Internet, die Reyer vorliest, und Worte, die sie selbst geschrieben hat: „high quality for less money sagen die“, „nicht Unfreiheit ist die Hölle, sondern die Unwissenheit darum“, „Kein Gott hat je eine Welt zuende gebaut“.

 

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Die Besucher waren eingeladen, sich um die Überwachungs-Installation herum zu bewegen.

 

Von einem Computer umgerechnet, erscheinen Frequenzen und Geräusche umgedeutet in Notenschrift auf den Bildschirmen vor Hein und Fügemann, die darüber improvisieren. Sofern nicht Lukas Truniger, Jan Ehlen oder Moritz Ellerich das jeweilige Eingangs-Kabel umstecken und die Anzeige auf den Röhren verändern. Dann kommen aus Fügemanns Saiten Andeutungen bekannter Werbe-Jingles und aus Heins Verstärker sphärische, dissonante Akkord-Echos oder sich im Fluss verlierende, ziellose Melodien. Nicht nur mit Plektrum gespielt oder den Fingern, sondern auch mit Schrauben, Lineal, Magneten.

 

Algorhythmisch getrennte Formteile

 

Ein regelmäßiges Wecker-Pieppieppiep trennt die unterschiedlichen algorhythmisch gedachten drei Formteile voneinander, bestehend aus dreimal fünf, dreimal drei und dreimal zwei Minuten, „codiert, wie Daten“, sagt Hein. „Und wir haben die Daten erfasst, ausgewertet und kommentiert, nur das benutzt, was wirklich da war, was man im Raum hört, was uns das Publikum gibt.“ Die Überwacher seien sie gewesen, sagt Reyer nach dem Konzert. Die das Publikum in ihre Zange nahmen, das Räderwerk der ständigen Dokumentation sichtbar und hörbar machten, umwandelten in Schrift, Flackern und funktionale Musik. Zu Ungunsten ihrer eigenen künstlerischen Freiheit, die sie nur per Handzeichen fordern konnten.

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Sprecherin Sophie Reyer fordert ihre Freiheit. 

 

„Anstrengend“ sei die Rolle als Überwacher, findet Reyer. Dem Publikum die Freiheit zu rauben fordert auch die eigene Freiheit ein. Die eigene Freiheit auszuleben gibt dem Publikum ein Stück Freiheit zurück, so der Tenor. „Nicht die Unfreiheit ist die Hölle“, liest Reyer einmal in der Aula, „sondern die Unwissenheit darüber.“ Unwissend war keiner, der sich während der Performance im Raum aufhielt und bewegte. Unwissend wurde man erst, als man den Raum wieder verließ, aufs Neue begann, sein Gesicht in reale U-Bahn-Kameras zu halten, mit dem Anschalten des Telefons reale digitale Spuren zu hinterlassen, die erfasst, ausgewertet und kommentiert werden. Jeder in seiner persönlichen, riesigen Hölle der Unwissenheit.

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Weitere Fotos von der Performance:

 

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Blickte man über die Schultern der Musiker, erkannte man sich selbst auf dem Schachbrett.

 

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Worte, wahllos aus dem Internet gefischt, schickten die RaumZeitPiraten von ihren Laptops in der Mitte an Sophie Reyers Bildschirm.

 

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Elisabeth Hein in einem ‚freien‘ Moment.

 

 

 


 
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