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4. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Schlaglichter im Kaninchenbau: Ein Konzert von Atari Teenage Riot

Von Christian Broder

 

Atari Teenage Riot

Ob Pogo oder Politik, die Hände sind in der Luft bei ATR. Foto: Holger Noltze

Muss man politisch sein, um Atari Teenage Riot zu kennen? Ihr Auftritt beim diesjährigen ACHT BRÜCKEN Festival fordert auf zur Reflexion, funktioniert aber auch als einfaches, brutales Entertainment. Das ist so verblüffend wie elektrisierend. Eine Reportage.

Was weiß ich denn über die Band Atari Teenage Riot? Nanu, ich weiß ja gar nichts über die Band Atari Teenage Riot. Wie konnte das passieren? Habe ich die falschen Freunde gehabt, irgendwo die falsche Abzweigung genommen, etwas grundsätzlich nicht verstanden? Habe ich am Ende die unmissverständlichen Punchlines bewusst überhört, aus Angst vor der Realität? Ich musste der Sache auf den Grund gehen und so besuchte ich mein erstes Konzert von Atari Teenage Riot.

Dass die Band fast so alt ist wie ich selbst, ist an dieser Stelle kein Kriterium für mein Nicht-Wissen. Dieser Umstand hinderte mich ja auch nicht daran, mit meiner Dorfpunk-Band Refused zu covern und – mit dem Erreichen der Volljährigkeit – das Nachtleben zu entdecken und (etwas später) das Kontinuum von Underground Resistance kennen zu lernen. Was war nun also der Grund dafür, dass ich Atari Teenage Riot bislang so sträflich verpasst habe?

Ich fand heraus, dass Alec Empire, Sänger und Gründungsmitglied der Band, in den 90er Jahren auf dem Label-Konglomerat von Achim Szepanzki veröffentlichte, der seinerseits elektronische Musik immer in politischen Kontexten betrachtete und sich heute vermehrt als Marx-Leser und Blockupy-Unterstützer auszeichnet. Bald schon war klar: Alles an Atari Teenage Riot ist politisch. Und sind wir, die Atari-Teenage-Riot-Nicht-Kenner, unpolitisch?

Kenner und Nicht-Kenner, Punker und Raver, A-Musik und WDR versammeln sich an diesem Abend im Kölner Stadtgarten. Und nicht nur wegen der retro-futuristischen Cyberpunk-Ästhetik, sondern auch aus dem Mix aus Hardcore und Breakbeat, der, ich höre es später daheim, wie 1995 klingt, ist das so eine Generations-Geschichte. Und weil das alles so laut ist, sind die Dinge auf ihre Aussage reduziert, wie es in einem Interview heißt. Zum Beispiel so: „Destroy 2000 years of culture!“.

Die Parolen von Empire und seinen Bandmitgliedern Nic Endo und Rowdy Superstar sind so simpel wie der Aufnäher auf dem Rücken eines Konzertbesuchers: „Gegen Nazis“. Lob der Reduktion. Die größte Kunst allerdings, das Ansagen-machen-zwischen-den-Songs, ist, es muss gesagt werden, zum Lachen. „Come on Cologne! / I can‘t hear you!“ Aber Textzeilen wie „I don’t wanna punish people / I wanna punish myself“ schienen mir in diesem Moment sehr richtig und wahr.

Der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen formulierte jüngst im SZ-Feuilleton, dass es nichts Besseres in der Kunst gebe als eine einfache Formel, die etwas Kompliziertes erschafft – und dennoch als einfache Formel präsent bleibt. Atari Teenage Riot sind genau deshalb so großartig; weil sie es schaffen, ihre Themen (wie Rassismus, Identität und Überwachung), trotz der Kürze der Slogans, mit in den Club zu nehmen. Einem Umfeld, das weiterhin glauben mag, seine Sorgen an der Garderobe abgeben zu können.

Wir Atari-Teenage-Riot-Nichtkenner sind ja grundsätzlich interessiert an Musik und auch an Gesellschaft. Wir gehen wählen und schauen die Tagesthemen. Die Frage bleibt dann: Was ist das eigentlich, politisch? Diese Frage wurde an diesem Abend schlaglichtartig beleuchtet. Ich wusste nun, dass Politik etwas sehr Lautes sein konnte. Ich war bereit ins Kaninchenloch zu fallen.


 
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