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Andriessen wird abgenickt, Gordon wird diskutiert

7. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Ensemble Modern spielte Gordons No Anthem und Andriessens De Staat  und De Snelheid

Von Hannah Schmidt

 

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Die Partitur zu „De Staat“. Foto: Hannah Schmidt

 

Mit etwas „Anregendem“, einem Stück, „das die Leute aufweckt“, solle ein Konzert anfangen, sagt Dirigent Ingo Metzmacher am Montag nach seinem Konzert „Portrait Andriessen I“. Leider stand die Programmfolge des Abends fest, bevor er und sein Ensemble Modern Midi-Datei und entsprechende Partitur der Komposition No Anthem von Michael Gordon bekamen – eine Uraufführung, die den beiden Andriessen-Werken De Snelheid und De Staat vorangestellt worden war. Auf diese Reihenfolge hatte sich das Publikum eingestellt.

Die kurzfristige Änderung derselben war Metzmacher aber „wichtig“, betont er, leert sein Kölsch. So begann das Konzert mit dem pulsierenden, schwitzenden Rennen von De Snelheid, Die Geschwindigkeit, einem Auftragswerk Louis Andriessens, unter schlichtem, spartanischem Dirigat Metzmachers.

Nach Fibonacci-Zahlen proportioniert

 

Andriessen schrieb das Werk 1983 nach streng mathematischer Vorlage, symmetrisch gedacht in der Orchester-Aufstellung, die er explizit in der Partitur erklärt, und eine nach den Fibonacci-Zahlen proportionierte organische, stete Beschleunigung der Musik. Sehr deutlich und dominant waren die allgegenwärtigen, zyklischen Schläge der Kuhglocken, die bei Metzmacher zentral waren. Eigentlich akzentlos gedacht gliedern sie die gesamte Partitur in zehntaktige Abschnitte. Sie sind es, die die teils komponiert trägen und stolpernden kurzen Bläser- und Streicher-Einwürfe im Werk verorten: Unruhe und Hektik stellen sich ein, der Zuhörer hat permanent das Gefühl, das Orchester würde aus dem Konzept geraten, atemlos immer ein bisschen zu spät einsetzen, vor wachsender Angst vor falschen Einsätzen auch noch um saubere Intonation kämpfen müssen.

Man fiebert mit den armen Musikern auf der Bühne – normalerweise. Denn das Ensemble Modern kämpfte nicht. Entgegen der Angabe in der Partitur ließ Metzmacher seine hervorragenden Schlagwerker das rennende Uhrenticken nämlich artikulieren und nahm ihm so seine entwaffnende Sterilität. Es waren hingegen die letzten schwer atmenden, scharfen Akkorde, die an- und abschwellend wie Walzen über das Publikum hinweg donnerten und dem Zuhören endlich jede Intellektualität nahmen: plötzlich griff die Musik unmittelbar zu, fegte jeden analysierenden Gedanken einfach vom Tisch.

 

Nicht gewusst, „was Gordon will“

 

War die Frage nach der Haltung des Zuhörens bei Andriessen mit Erklingen des ersten fesselnden Schlags klar, ließ die Uraufführung von No Anthem, einem der elf Auftragswerke für „urbo kune“, bei vielen Besuchern ein großes Fragezeichen zurück. Auch Metzmacher habe zunächst nicht gewusst, „was Gordon eigentlich will“, wie er im Interview anmerkt, doch hatte der Dirigent genug Zeit, sich mit der stillstehenden, pulsierenden Sphäre dieses Auftragsstücks auseinanderzusetzen. Tonrepetitionen in unterschiedlichen Tempi, textloser Gesang und wabernde Klangcluster, die durch elektronische Hall-Effekte auf Keyboards und Gitarre noch künstlich aufgebläht und verbreitert wurden, wirkten zunächst meditativ und schwebend, später statisch.

Wie mag das Land aussehen, das Gordon beim Schreiben dieses Werks ­– im wahrsten Wortsinn – vorschwebte? Eine Hymne ohne musikalische Konturen, der durch Verstärkung entrückt wirkende Engelsgesang und verfremdet klingende Instrumente wirken wie ein eher pessimistischer Kommentar: wie ein in Zeitlupe brandendes Meer hatte Gordons Komposition etwas Unheimliches, Traumartiges, eher etwas Dystopisches denn etwas Utopisches. Der an Wah-Wah-Gitarreneffekte erinnernde Klang wurde irgendwann allgegenwärtig, ohne Dauer, zeitlos. Es war ein vom Komponisten geplanter taumelnder Rausch auf Knopfdruck, der den offenen Zuhörer so schrecklich beduselte, dass noch in der Pause Ohrwürmer dieses sich ausdehnenden, lauwarmen Klang-Teigs zurück blieben.

 

„In kreisenden Strömen“

 

An Andriessens De Staat habe er sich orientiert, wird Gordon im Programmheft zitiert: er habe die Komposition „so konzipiert, dass sie in kreisenden Strömen fließt“. Tatsächlich erinnerte einiges an den ersten Frauenstimmen-Einsatz aus Andriessens wohl bekanntestem Werk, der unter anderem Platons Worte „fügt man passende Melodien und Rhythmen hinzu, so werden sich die Melodien vernünftigerweise in einer einzigen Tonart halten“ zitiert. Wie Andriessen „von diesem Text auf diese Musik gekommen“ sei, sei Metzmacher ein Rätsel, gesteht dieser.

Fast hat er jedoch eine ironische Konnotation, Andriessens musikalischer Kommentar der Worte Platons, die der Komponist „absurd“ nennt: fordert Platon zur „Reinigung“ des Staates die ausschließliche Nutzung nur einer Tonart in der Musik, bellt Andriessens Komposition in der entsprechenden Vertonung fast trotzig jedes tonale Zentrum in die Flucht. Heißt es, „Melodie und Rhythmus müssen sich doch nach dem Text richten“, presst Andriessen die altgriechischen Worte in eine sich kreisend wiederholende rhythmisch-melodische Formel.

 

Rhythmische Präzision

 

Auch wenn Metzmacher für sich keine vergleichbare inhaltliche Antwort gefunden hat, orientierte er seine Interpretation – „das Wort mag ich nicht“, so der Dirigent – an einer rein musikalischen Maxime: „Hier geht es vor allem um rhythmische Präzision.“ Eine klare Richtung, von der De Staat an diesem Abend profitierte. Fernab jedes bemühten Versuchens einer Aussage preschte die Musik des Ensemble Modern um ihrer selbst Willen bissig und griffig voran, treibend, blutvoll, stabil, galoppierend, die Lanze im Anschlag. Und vor allem: laut.

„Meine Mutter hat früher gesagt, ich sei ein Krachmacher“, sagt Metzmacher beim zweiten Kölsch. „Aber eigentlich liebe ich das Leise. Ist eben so.“ Und er hat keine Scheu, in das vorgegebene Programm einzugreifen. So war der Pianist und Autor am Montag nicht nur Dirigent, sondern auch Dramaturg, der No Anthem trotz seiner von Andriessens Direktheit überschatteten Sphärenhaftigkeit und seines rauschhaften Pathos‘ eine Stimme verlieh. Andriessen, stark, begeisterte, wurde wissend und befriedigt abgenickt. Als erstes Stück des Konzertes wäre Gordon dieser Instanz gegenüber untergegangen. So wurde die Uraufführung in der Pause diskutiert. Und demonstrierte dadurch einen unangenehmen Bann, dem sich viele wohl lieber entzogen hätten.

 

 


 
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