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Freitägliche Wahrnehmungslyrik II

9. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Sinfonieorchester des WDR!

Von Constantin Stimmer

 

Sehen Sie das,…

 …wenn ein Mann da steht? Redet. Erzählt. Etwas erzählt von einer Hommage an Fučík. Der von den Nazis ermordet wurde. Anmoderiert. Und sensibilisierend? Für die Musik? – Die Musik braucht immer einen Text, der erklärt. Wirklich?

Orchestrale Musik: sie hört sich psychologisch an. Wie ein Hitchcock! Der Dirigent springt, gepackt von der Inbrunst des Klanges. Klang? Energie? Panik! Schade. Ehe es beginnt, ist es auch wieder vorbei.

 …wenn die schwarzen Ameisen im Frack sich neu positionieren? Und dazwischen die Einführung in das nächste Stück.

Hören Sie das,…

 …wenn Lampen lauter surren als hundert Musiker? Wenn sie da sitzen und visuell da, aber akustisch abhanden zu sein scheinen. Und das ist sie! Die Solovioline. Zart, hauchend, versteckt, immer im Reigen mit der Stille, die doch gar keine echte Stille ist. Ab und an eine kleine Sekunde, dissonant. Oder doch nicht? Gefällt ihnen das?

…wenn ein Raum um seine Existenz ringt? Hauchendes, Fragiles stellen das Amphitheater auf den akustischen Prüfstand.

…wenn Musik ein Januskopf ist, der aber nie das zweite Gesicht zeigen wird? Immer mit seinem „Still! – Höre!“ zum Publikum gewannt.

…wenn das Kolophonium gespielt wird? Und dann das Nicken der Geigerin: zu Ende ist das Werk!

Gefällt Ihnen das,…

 …wenn das Stück mit nur einem Ton anfängt? Ein Ton für alle. Kommunismus! Links außen der Akkordeonist. Oder doch ein symbolisches Bajan? Sowjetisch. Wachend.

…wenn Tutti und Ensemble in Dialog treten? Und endet mit gleißend-hohem Streicherton. Sinus? Tinitus?

Und was ist damit,…

 …wenn Sie einen Appell zur Wachsamkeit vernehmen? Kastagnetten gegen Metallplatten. 10 Schlagwerker. Da! Da! Die Clave! Und ein mit Ellenbogen gespieltes Cembalo.

…wenn die Musik taumelt? Die Marseillaise ertönt!

…wenn Cluster sich abwärts und dann aufwärts schieben? Und dort ein bizarres Duo: Maultrommel und Oboe.

…wenn vor Ihnen alles abzustürzen scheint, aber inmitten des freien Falls es plötzlich nicht mehr „ist“?

…Kennen Sie das?…

Dann waren Sie am Freitag im Konzert des WDR Sinfonieorchesters in der Philharmonie Köln und hörten Luigi Nonos Composizione per orchestra für Orchester, Mark Andres an für Violine (Carolin Widmann) und Orchester, Paul Dessaus Orchestermusik Nr. 2 „Meer der Stürme“ und Friedrich Schenkers Fanal Spanien 1936 (Hommage à Paul Dessau).

 

 


 
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