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Schimmer einer anderen Welt

9. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Die Wiener Philharmoniker inszenieren mit Mahler und Neuwirth die Verflüchtigung der greifbaren Heimat

Von Marco Hoffmann

 

Die Stimmung in der Philharmonie ist gespannt. Einer der am meisten erwarteten Konzertabende des gesamten Festivals steht unmittelbar bevor. Dirigent Daniel Harding steht vor dem wahrscheinlich sagenumwobensten Orchester der Welt, den Wiener Philharmonikern, und richtet zögerlich und langsam seinen Stab, um den Einsatz zu geben. Doch es ist nichts wahrzunehmen. Nur pure, beißende Stille. Der gesamte Saal erstickt vor Erwartungen.

Aus der absoluten Stille schleicht sich nun ein hauchzartes Flageolett der Streicher ein. Olga Neuwirths Stück Masaot / Clocks Without Hands wird uraufgeführt. Es beginnt wie etwas Geträumtes, eine Welt des Unterbewusstseins, die sich infektiös entfaltet. Nur kurze Zeit verstreicht, bis der Gigantismus erreicht ist. Das Orchester saugt sich voll mit Klang und schwillt an bis zur oberen dynamischen Grenze. Erst nur am Rande wahrnehmbar ist dieses Ticken. Einer der Schlagzeuger bedient ein Metronom. Nicht lange dauert es, bis der Keim der Zeit im gesamtem Orchester wuchert. Zupfen der Streicher, Staccato im Holz, das Klingeln der Triangel und des Xylophons – das gesamte Orchester tickt wie eine Spieluhr. Und doch ist die Zeit hier nichts Lineares, sondern ein verzerrender und unwirklicher Prozess. Sie verschwindet im Sog des klanglichen Wellengangs, der wieder anschwillt, wie zu Beginn. Neuwirth hatte bei der Komposition des Masaot die Donau im Kopf, die durch ein Traumbild fließt. In diesem Traum spielte der, ihr niemals begegnete, verstorbene Großvater eine Rolle, ein heimatloser Ahne, der die Melodien seines Lebens auf einem kaputten Radio vorspielt. Diese Melodien sind auch jetzt zu hören. Kurze Fragmente werden von verschiedenen Instrumenten angerissen, dann versinken sie wieder. Das Orchester kreist dabei, in verschobenen Umkreisen, um sich selbst. Immer wieder das tickende Uhrwerk zwischendrin. Anschwellen, abschwellen. Es bilden sich nun kleine Ensembles innerhalb des Orchesters. Hier eine militärische Blechblaskapelle, dort ein folkloristisches Streichquartett, drüben imitieren Klarinetten mit der großen Trommel eine Polka. Alles ist nur von kurzer Dauer, ehe es im Gewimmel wieder untergeht. Klezmerartige Melodien erinnern an das groteske Scherzo aus Mahlers erster Sinfonie, die Neuwirth als Inspirationsquelle diente. Sie treten dort ebenso unerwartet auf und malen eine Szene der Heimat. Doch was ist eigentlich Heimat? Sowohl für Neuwirth, als auch für Mahler gibt es darauf keine eindeutige Antwort. Sie ist für beide Komponisten brüchig, aufgeweicht in viele verstreute Orte, genau so verstreut wie die Melodien in Neuwirths Stück. Ein nachhallendes, weckerähnliches Klingeln der Triangel lässt dieses aus seinem surrealistischen Tiefschlaf erwachen.

Ganz asynchron zu Neuwirths Werk, wird Mahlers Lied von der Erde mit fanfarenartigen Klängen eröffnet. Der vitale Tenor Klaus Florian Vogt stimmt das Trinklied vom Jammer der Erde an. Mahlers Werk sollte einst eine Sinfonie werden, und sie ist es auch immer noch. Trotzdem taufte der, sein Ende voraussehende Komponist, das Stück um, da sie seine neunte geworden wäre. Große Komponisten vor ihm waren an der neunten gescheitert. Schubert, Beethoven, Dvorak, Bruckner. Und auch Mahler selbst sollte sie nicht überleben. So ist es nicht verwunderlich, dass Visionen des Lebensendes das Stück von Anfang an durchziehen. Doch auch aufblühende Rückblicke des Lebens sind für das Werk prägend. Ganz ähnlich wie in Neuwirths Stück. Beide Komponisten haben die singbare Melodie, das einfache Lied als ein Vehikel von lebensnahem Ausdruck gewählt. Es ist Spiegel echter Sehnsüchte, die verloren gegangen schienen. Eine Tragfläche von Bedürfnissen, die in den Wirrnissen des Lebens (und auch der sinfonischen Verschlungenheit von anderen Mahler-Sinfonien) versumpfen.
Der Bariton Matthias Goerne gestaltet Der Einsame im Herbst als Bildnis der Vergänglichkeit. Während er singt, umarmt er seinen Klang regelrecht und versucht nach ihm zu greifen. Es gleicht einem vergeblichen Festhalten an dem, was sich verflüchtigt und nicht von Dauer ist. Ausgelassen und wenig getrübt erklingt danach Von der Jugend – eine Jugend, die jedoch eine bloße Erinnerung ist. Ganz ähnlich wie das folgende Von der Schönheit. Plötzliche tanzartige Ausbrüche erinnern ebenso an Neuwirths tiefenpsychologischen Musiktraum, wie die Vogelimitationen in Der Trunkene im Frühling, die von Piccolo und Violine im Dialog gespielt und als Melodiefragment weitergereicht werden.

Doch nichts ist so prägend für Mahlers Epos, wie der letzte Satz Der Abschied, welcher in etwa die Hälfte des ganzen Stückes einnimmt. Hier wird sie nun hörbar, die Vision des Verfalls. Tiefe, den Untergrund hinab schauende Schläge kündigen sie an. Sie kehren in diesem letzten Satz immer wieder, genau wie das Uhrticken in Neuwirths Masaot. Die Wiederkehr scheint das ständige Anklingen der existierenden Zeit zu symbolisieren, die sich droht zu verzehren. Matthias Goerne sieht sich allein gelassen mit sich und der Welt, die kammermusikalische Zurückhaltung in Mahlers Stück zeigt dies an. Sie steht im Wechselspiel mit dem schwärmerischen, satten Orchesterklang, der anfangs nur episodenartig, später immer mehr in den Vordergrund gerät. Anschwellen, abschwellen. Die letzten Minuten des Lieds von der Erde erklingen im Geiste schon in einer anderen Welt. Ätherische Sphären bauen sich um die letzten Zeilen „Ewig, ewig“ herum und entheben den ganzen Saal schließlich in einen Traum, der das Lied vom Himmel anstimmt.


 
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