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Am Abgrund der Utopie

10. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Ein Porträt von SUONO MOBILE

Von Jade Conlee

 

Was für einen Klang hat die Utopie? Im Rahmen des Projektes„urbo kune: eine gemeinsame Stadt“ spielte das Ensemble SUONO MOBILE keinen schönen Soundtrack vor. Stattdessen stellen sie eine kritische Utopie vor, die noch starken Bezug auf Realität hat. Jade Conlee interviewte den Dirigent des Ensembles Christof Löser, sowie die Komponisten Michael Maierhof und Malte Giesen, zum Thema des produktiven Widerspruchs eines gemeinschaftlichen Ideals.

CHISTOF LÖSER

JC: Wie hast Du das Programm für das „Utopiekonzert“ gewählt?

CL: Wir wollten Musik ins Programmheft nehmen die ganz offensichtlich politisch ist, und ganz am andere Ende der Skala haben wir Stücke im Programm, zum Beispiel Maierhof, wo wir die Frage stellen: Ist diese Musik auch politisch? Das ist zunächst Kammermusik, es geht um Klangorganisation und Atem, aber auch um eine spezielle Buhnesituation die schon einen politischen Touch hat. Huber und Spahlinger sind auch jetzt für uns als Ensemble sehr starke Bezugspunkte, und natürlich auch deren Schüler.

JC: Wie berühren für dich diese Stücke heutige Themen?

CL: Das muss das Publikum entscheiden. Die Frage stellt sich ja bei jedem Musikstück, das nicht heute, nicht gestern, komponiert wurde. So bald es ein Alter von drei Wochen hat, ist es nicht mehr aktuell… In Augenmusik von Huber müssen wir aktuelle Nachrichten vorlesen, aber sind die Nachrichten von gestern aktuell? Oder sind die Nachrichten aus den siebziger Jahre die in der Partitur stehen noch aktuell? Die konkreten Realisierungsmittel sind deutlich historisch, aber da gibt es noch einen aktuellen Kern. Das Programm soll tatsächlich fragen, wie weit kann politische Musik aktuell bleiben? Geht es immer nur tagesaktuell, oder gibt es Grundinhalte die über einen längeren Abstand noch irgendwie eine Wirkung haben?

JC: Ist Utopie durch Musik möglich?

CL: Wahrscheinlich würden wir nie Musik machen, wenn die nicht immer einen kleinen, utopischen Anteil hätte. Gleichzeitig haben wir das Gegenteil im Programm, nämlich ganz viele aktuelle Realitäten, Alltagsmaterialien, Industriematerialien. Vielleicht ist die Utopie darin dann genau diese für uns ganz normalen Sachen die uns ständig umgeben, aber sie einfach ein bisschen anders wahrzunehmen. Vielleicht sind es nur ganz kleine Schritte. Bestimmt ist es keine Utopie, die auf unbestimmte Zeit irgendwann irgendeinen Zustand anstrebt, sondern ganz kleine, konkrete Schritte die wir einfach machen können. Zum Beispiel wenn ein Orchesterstück komponiert und gespielt wurde. Das ist schon ein Stück der Realisierung der Utopie, vielleicht. Wenn man sehr optimistisch ist.

 

MICHAEL MAIERHOF

 

JC: Sie wurden in einem Programm zusammen mit Nicolaus A. Huber und Matthias Spahlinger gesetzt. Fühlen Sie sich in einem philosophischen Zusammenhang mit diesen Komponisten?

MM: Der philosophische interessiert mich eher als der musikalische. Die Klangpausen bei Augenmusik, die Aktion mit den Augen zu sehen, und ganz reduzierte Musik, die Klänge sind, wie ich finde schon verwandt. Aber mit der expliziten, politischen, gesellschaftlichen Theorie die hinter ihren Werken steht, habe ich eher nicht so viel zu tun, obwohl ich viel Philosophie studiert habe, viel Hegel gelesen habe und so ist jetzt nicht der Grundstock meiner Kunst.

JC: Ist die Utopie durch Musik möglich?

MM: Ich würde es vielleicht nicht Utopie nennen, sondern die Möglichkeitsräume, wo die Kunst zuhause ist, die vielleicht sonst im Alltag oder strukturierte Gesellschaft nicht mehr da wäre.

MALTE GIESEN

 

JC: Meine erste Frage ist natürlich: ist die Oboe wirklich mächtiger als das Schwert?

MG: Da ist vom Titel her natürlich eine Persiflage auf dem Spruch „die Feder ist mächtiger als das Schwert.“ Also, was den Geist setzen kann ist immer nachhaltiger und wirkungsvoller als physische Gewalt. Ich wollte einen Titel, der ein ganz einigermaßen plattes Sprichwort aufgreift, aber es so umdreht, das es auch nicht einen konkreten Bezug zu dem Stück hat.

JC: Du wurdest in das Programm zusammen mit Nicolaus A. Huber und Matthias Spahlinger gesetzt. Wurdest Du von diesen Komponisten beeinflusst?

MG: Ja, auf jeden Fall. Natürlich nicht nur von den Beiden aber von vielen anderen auch. Aber so gewisse Grundansätze und Denken über Musik und Komposition wurde ich schon auf Spahlinger und zurück. Die Auffassung von politischer Musik von Huber, und dann die rein-musikalisches, gestalterisches Nachdenken von Spahlinger.

Uraufführung von Die Oboe ist stärker als das Schwert von Malte Giesen

JC: Ist die Utopie durch Musik möglich?

MG: Die Utopie ist nicht möglich, es ist in einer Definition nicht zu erreichen. Allerdings heißt es nicht dass man es  nicht versuchen soll. Es ist genauso, wenn ich mich an ein Stück setze, ich setze mich wirklich mit der Intension, dass es jetzt das beste Stück wird, was es jemals gegeben hat. Und das ist viel zu hoch begriffen, und kann niemals erreicht werden, das finde ich klar, aber man ist auf dem Weg und versucht es so gut wie möglich zu machen. Die Natur ist immer nur so gut wie es gerade passt. Nur die Menschen können Sachen wirklich besser machen als sie sein können. Das Erstreben einer Utopie, das ist etwas tiefes, etwas menschliches.


 
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