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Der Tod des „Komponisten-Pianisten“

10. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Nach vierzig Jahren bot Frederic Rzewski am Donnerstag wieder in Köln ein eigenes Klavierwerk dar

Von Jade Conlee

 

Das erdrückende Gewicht der Geschichte war spürbar im Klaus-von-Bismarck Saal des Kölner WDR als Frederic Rzewski sein gewaltiges Klaviersolo The People United Will Never Be Defeated aufführte. Vor vierzig Jahre spielte Rzewski die Uraufführung des gleichen Stückes im gleichen Saal, dessen eckiges, goldenes Dekor die Erinnerung an die Blütezeit des Radios der späten 50er Jahre wachruft (während einer Podiumsdiskussion nach dem Konzert drückte der Pianist seinen Ärger darüber aus, dass der WDR die aktuelle Aufführung nicht aufnahm). Rzewskis Lebensgeschichte stellt eine Hartnäckigkeit dar; versucht einen unmöglichen Spagat zwischen Gegensätzen. Der Sohn der polnischen Einwanderer Rzewski wurde in Massachusetts geboren und ist jetzt siebenundsiebzig. Er studierte bei Persönlichkeiten der amerikanischen und europäischen Avantgarde wie Roger Sessions und Luigi Dallapiccola, und pendelt immer noch zwischen Europa und den USA. Seine Musik war immer für die Avantgarde zu einfach und für politisch Linke zu kompliziert, und, wie viele Andere vor ihm, entschied er sich nie zwischen den Karrieren des Pianisten und des Komponisten.

Die Figur des Komponisten-Pianisten hatte eine turbulente Reise durch die letzten paar Jahrhunderte. „Ich bin Gott“ schrieb Alexander Scriabin 1905. Der exzentrische russische Komponist-Pianist lebte am Höhepunkt des Expressionismus und der kreativen Potenz. Zehn Jahre vorher komponierte Mahler, der Dirigent-Komponist, seine dritte Sinfonie, die „die ganze Welt spiegelt“. Aber der Vater der westlichen klassischen Musik, der Organist und Komponist Johann Sebastian Bach, sah sich selbst nur als bescheidenen Gottesknecht. Von Liszt, zweifellos der erfolgreichste Komponist-Pianist, haben wir leider keine Aufnahme. Von Brahms und Mahler haben wir wenigstens Notenrollen, und auch interessanterweise von dem gleichzeitigen virtuosen Pianisten Jozef Hofmann. Die Stellungsnahme dieser Notenrollen von der musikalischen Gemeinschaft zeigt schon einen Wahrnehmungsbruch zwischen Komponisten und Interpreten. Die historischen Aufnahmen von Hofmann stellen den Ursprung der aktuellen Aufführungspraxis dar. Aufnahmen von den Komponisten selbst haben stattdessen eine spezielle Aura; sie zeigen den launischen Geist der Inspiration auf.

Hätte ein anderer als Rzewski das Werk aufgeführt, wäre die Interpretation unentschuldbar gewesen. Obwohl Aspekte seiner Spieltechnik noch eindrucksvoll sind, der Aufführung fehlte eine rhythmische Struktur und disziplinierte stilistische Spezialisierung. Aber wer erwartet Disziplin von einem nicht mehr so jungen Komponisten, der sein eigenes Werk spielt? Rzewskis Aufführung hatte trotzdem eben eine liebenswerte Wirkung, bis zum Podiumsgespräch zumindest. Bekannt als ein großes Beispiel der politischen Musik, besteht The People United aus sechsunddreißig Variationen, deren Thema das chilenische Protestlied El pueblo unido von Sergio Ortega ist. Das Stück hat doch eine politische Wirkung die, zumindest nach seiner Aussage, nicht von Rzewski intendiert war – „Ich habe nie behauptet, die Situation in Chile zu verstehen“ meinte Rzewski im Gespräch.

Das Stück The People United enthüllt, in seiner eigenen Weise, die ganze Welt. Die Variationen schließen verschiedene, damals aktuelle Stile von Jazz bis zur Atonalität ein. Es ist ein Versuch, verschiedene Ebenen der Gesellschaft ohne Wertung nebeneinander zu setzen: eine eingeklebte Utopie. Die klassische Form der Variation setzt The People United allerdings so stark in die vergangene Zeit von Beethoven und Bach, dass es schwierig ist, das Stück als progressive politische Musik zu betrachten. Für Rzewski scheint die Politik der musikalischen Erinnerung mächtiger als sein damaliges Interesse an marxistische Politik zu sein: „Es ist nett, wenn das Publikum den politischen Hintergrund des Stückes kennt, aber wichtiger ist, dass die Musik gut ist.“

Herr Rzewski hatte aber in einer Sache Recht. Obwohl ihm zufolge die heutige Musik und Kunst sich im Niedergang befinden, werden Interpreten immer besser. Tatsächlich sind die Aufgaben von Interpreten nun völlig anders als vor siebzig Jahren. Statt ihre Persönlichkeit musikalisch zu zeigen, geht es um die Spannung zwischen Freiheit und Vorgabe. Ob durch graphische Notation oder neue Komplexität, die Frage ist nicht mehr, kann der Komponist auch spielen, sondern, inwiefern wird der Interpret Komponist? Die lange, weiße, männliche Tradition der Komponisten-Pianisten ist vorbei – lasst uns die Interpreten grüßen.


 
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