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„Palabras“ – oder: Die Macht der Poesie

10. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Angekündigt war ein Abend, bei dem sich Susana Baca und Ana Tijoux zum ersten Mal auf der Bühne begegnen. Stattdessen: zwei getrennte und musikalisch höchst unterschiedliche Shows, aus denen doch dasselbe hervortrat: die Macht der „Palabras“, der Worte.

 

Von Philine Sauvageot

 

In jeder minimalistischen Bewegung, in jedem Rollen der Schultern steckt Gefühl – so viel Würde und eine unfassbare Weiblichkeit. Susana Baca und ihre anmutige Erscheinung faszinieren; das Publikum in der Kölner Philharmonie singt und klatscht. „Diesen Moment werden wir nicht vergessen“, verspricht die peruanische Sängerin auf Spanisch. „Wir werden singen wie Schwarze. So schwarz, wie wir sind.“ Mit ihren stolzen 71 Jahren, im blau schimmernden Gewand, tänzelt sie dort auf nackten Füßen und strahlt über das ganze Gesicht. Ihre Leidenschaft gilt dem Canto Negro, ihrer Música Criolla. Und so stimmt sie Gedichte aus der Feder der von schwarzen Sklaven abstammenden Peruaner an.

Maestro des Flamenco

Besonders der Maestro an der Konzertgitarre, Ernesto Hermoza, fördert dieses afroperuanische Erbe, gespeist aus afrikanischen, spanischen und andinen, aber auch brasilianischen und kubanischen Einflüssen, zutage. Seine poetisch-melodiösen Brazil Bossa Nova Chords erinnern an Luiz Bonfá, sein Stakkato-Stil an Baden Powell. In prasselnder Windeseile schlagen seine Finger abwärts auf die Saiten. Diese Rasgueado-Anschlagstechnik und ein rasendes Tremolo machen den Geist des Flamenco lebendig. An den Percussions zieht Hugo Bravo auch exotische Instrumente wie die Quihada de Burro, ein Schlaginstrument aus den breiten Kieferknochen eines Esels, hervor und bespielt sie rhythmisch. Das 1992 von Baca gegründete Instituto Negro Continuo lehrt unter anderem den Nachbau eines solchen Instrumentes, das in Peru ursprünglich nur Sklaven spielten.

Rapflow mit politischer Botschaft

Tosender Applaus. Und cut. Die 36-jährige Ana Tijoux ist an der Reihe. Keine „chilenisch-peruanische Kooperation“, keine Begegnung zweier Latin-Grammy-Gewinnerinnen auf derselben Bühne. Stattdessen: ein eigenständiges Programm, das ohne Ansprache, ohne Interaktion kühl einstudiert und distanziert beginnt. Ana Tijouxs beeindruckender Rapflow relativiert sich trotz spannender Latin-, Jazz- und Folkelemente im Hip Hop über eintönigen Scratchings und Samples. Erst in den letzten Minuten versetzt sich das Publikum in der Begrenztheit der Philharmonie-Reihen in Bewegung. Jeder Musiker sei politisch, erklärt die Tochter französisch-chilenischer Eltern, die vor der Militärdiktatur Augusto Pinochets flüchteten. Ein Stück ist den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen gewidmet. Tijoux fordert gleiche Rechte für alle: Mensch und Tier, Mann und Frau, arm und reich. Dann kommt es doch noch zu einer Begegnung, jedoch am Rande der Bühne: Tijoux umarmt Baca, die auch bei der Zugabe fernab stehen bleibt.

Zwei Generationen, eine Botschaft

Die Ältere gilt als Sprachrohr der afroperuanischen Minderheit; die Jüngere als das einer chilenischen Studentenbewegung. Was die Frauen auf der Bühne eint, ist eine von vielen Botschaften: Wiederholt sprechen sie von der Macht der „Palabras“ (Baca), der „Words“ (Tijoux). Jedes ihrer Worte scheint politisch brisant aufgeladen zu sein. Die Standing Ovations nach dem letzten Ton würdigen diese Poesie – und damit zwei stolze Vertreterinnen einer Protestkultur.

 

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