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Im Schlachthaus der Klänge

11. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Das Ensemble intercontemporain ästhetisierte mit Berios Passaggio menschlichen Missbrauch und die blanke Gewalt

 Von Marco Hoffmann

 

„Wir schneiden dir die Zunge ab, sagten sie. Aber vorher – sagten sie – sprich! Aber vorher – sing!“ Es sind Textzeilen wie diese, die der Gewalt eine Gestalt verleihen. In Luciano Berios Passaggio, das bei seiner Uraufführung einen Skandal auslöste, ist diese Gewalt das Ausgeliefertsein. „Sie“, die namenlose Protagonistin der dicht verwobenen Geschichte aus Unfreiheit, patriarchalischer Unterdrückung und Rebellion, wurde am vorletzten Abend des ACHT BRÜCKEN-Festivals von Julia Henning verkörpert. Wahrscheinlich ist „verkörpert“ in diesem Fall aber ein zu schwaches Wort, um die hochemotionale Involvierung der Sopranistin in Berios Figur zu beschreiben. „Gelebt“ trifft es besser.

Die komplexe Anlage von Passaggio setzt sich aus mehreren Schichten zusammen. Berio betreibt kein lineares Storytelling, sondern inszeniert eine „Folge dramatischer Grundsituationen“, wie Umberto Eco die 6 Stationen beschreibt, die in der selbsternannten „Messa in scena“ integriert sind. Äußerlich ist dort ein riesiges Ensemble „am Werk“. Die sichere Distanz zum Bühnenraum ist bewusst gebrochen: über den ganzen Publikumsraum sind Teile eines Sprechchores in kleinen Gruppen platziert. Sie schreien, rufen und kommentieren die Handlung, wie der Pöbel in einem römischen Amphietheater. Ein zweiter Chor sitzt in ebenso unkonventioneller Manier vor dem Orchester. Damit ist visuell klargestellt, dass die Sprache in Berios 1963 entstandenen Werks an vorderster Stelle steht. Sie setzt sich aus verschiedenen nationalen Quellen zusammen, die das Volk als eine globale Masse ohne Gesicht erscheinen lassen. Nur ein einziges Individuum zeigt sich schließlich.

Erst bloß am Rande, in einer Kerbe des Bühnenrands gekauert, tritt „sie“ in Erscheinung. Von Visionen und schmerzvollen Erinnerungen gezeichnet, steht Henning in beigem Mantel und mit einem Koffer neben den Füßen dem Feind gegenüber. Eingereist aus einem anderen Kosmos. Sie erzählt von Misshandlung, Eingesperrtsein, Umzingelung eines Flammenmeers. Und muss dabei wieder einer flammenden Brandung Stand halten, einer Brandung aus exzessivem und brachialem Klang aus Orchester und dem verteilten Volk. Ein spannender Dialog mit dem Chor im Publikum mündet in eine Partie zerrissener Innerlichkeit. Henning nimmt Platz auf einer Art Thron, legt langsam ihren Mantel ab. Ein traumatischer Striptease „im Schatten des Todes“, wie der Name der erreichten Station verrät, setzt sich in Szene. Die Sopranistin wird umnebelt vom Dunst brüchiger Orchesterklänge. Wie ein Raubtier lauert die Menschenmenge auf der Bühne und im Publikum. Ambivalent verschmilzt der Bühnenchor mit Hennings Figur, während der Publikumschor zum Peiniger wird. „Brecht ihr die Knochen!“ heißt es. Die verteilte Menge prasselt mit Perkussionsinstrumenten. „Sie muss beichten“. Der Klang selbst wird nun gewalttätig, bauscht sich auf zu uferlosem Dröhnen, Hämmern, Schlagen. „Sie“ steht dem „Es“ gegenüber, einem destruktiven Instinkt der psychosozialen Peinigung, ganz nach Freud’scher Fasson.

Das ans Messer gelieferte Subjekt wird in Berios Stück als bloßes Objekt behandelt: im Sprechchor wimmeln sich lauter Zahlen. Bilder einer Auktion werden geweckt. „Wieviel?“ „Wir wollen ihre Zunge sehen!“ „Gott was für Preise!“ Die Knechtschaft nimmt einen grotesken Charakter an. Schließlich bleibt „ihr“ nur noch der Freiraum eines Bettes, das auf der Bühnen neben dem Chor, ihrem abgespaltenen seelischen Imago, steht. Sie packt ihren Koffer aus, in dem sich nur Papierfetzen befinden. Die Fetzen haben keinen materiellen Wert, aber einen metaphysischen. In einem Monolog werden Ausschnitte aus „De rerum natura“ vorgelesen, einem römischen Lehrgedicht aus dem 1. Jahrhundert, das die menschliche Situation in einem hypothetischen Universum ohne Götter beschreibt. „Sicher steht dem Sterblichen das Ende des Lebens bevor, dem das Leben schon fast wie erstorben ist, obwohl er noch lebt und sieht.“ Die Verse bohren sich ein. Henning kauert sich im Bett zusammen, während die Menschenmenge schäumt, sich in 2 Gruppen aufteilt. Die eine philosophiert über das Wesen des Kriegs, die andere zählt gleichzeitig Dinge auf, ähnlich einer Inventur. Anfangs Schirme, Teppiche und Staubsauger, später Sprengköpfe, Totenköpfe und Särge. Die Spannung verdichtet sich. Henning gerät abermals in einen Dialog mit der Masse und einem ihrer Anführer, der durch ein Megaphon als virtueller Regisseur agiert – ein Kampf der Worte, welche selbst Sprengmaterial sind. „Mehr Ausdruck! Bewegen! Mensch, begreif doch, wir sind im Theater!“ Sind wir das? Oder sind diese Szenarien eine vorgespiegelte Realität? Der Musiktheaterraum jedenfalls wirkt real wie sonst nie. Passaggio lässt keine teilnahmslose Konsumierung zu. Berios Werk endet damit, dass die Protagonistin ihre eigene Autonomie erfasst. Sie verlässt die Bühne, schlägt im nicht mehr sichtbaren Raum eine Tür zu. Es folgt eine Lawine des Applaus‘ vom erst imaginären, dann wirklichen Publikums.

Die ca. 40 Minuten Spiellänge des Stückes gingen zu Ende, ohne, dass sie jemals bemerkbar gewesen wären. Passaggio lieferte eine musikdramatische Verdichtung, die dem Sujet bemerkenswert gerecht wurde. Schon die reduzierte Inszenierung des Stückes war um einiges packender, als so manche aufwendig in Szene gesetzte Oper. Ein aufwühlender, lauter und schriller musikalischer Protest, der dabei in seinem Inneren eine unglaubliche Vielschichtigkeit entfaltete, offenbarte sich als ein starkes Statement. Dem politischen Anstrich des Festivalmottos wurde hier jedenfalls eine unverzichtbare Farbe hinzugefügt.


 
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