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Mahler. Politik?

11. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Ein Kommentar zum Konzert der Wiener Philharmoniker

von Adrian Ladenberger

 

Wenn ich an Gustav Mahler denke, wo genau kommt mir da eigentlich Politik in den Sinn? Die Frage stellten sich vermutlich einige der Konzertbesucher, die am Mittwochabend der Aufführung vom „Lied von der Erde“ beiwohnen durften. Nach der Uraufführung des Stückes „Masaot/Clocks without Hands“ der Komponistin Olga Neuwirth, welches durchaus eine politische Komponente innehatte, stand es da im Programmheft wie ein Stolperstein. Mahlers atemberaubendes Orchesterwerk hat als gern gesehenes und vielfach aufgeführtes Repertoirestück sicherlich das Zeug zum Publikumsliebling des diesjährigen ACHT BRÜCKEN Festivals, aber ist es auch politisch?

 

Auf welche Weise kann ein Werk wie „Das Lied von der Erde“ politisch sein? Zum einen kann es natürlich selbst einen politischen Inhalt haben oder in seiner Form mit bisherigen Konventionen brechen. Beides ist hier allerdings nicht gegeben. „Die Erde atmet voll von Ruh‘ und Schlaf/Alle Sehnsucht will nun träumen“, singt der Bariton im letzten Lied des Zyklus: dem Abschied. Und so kommt es, dass dem opulenten Werk oft Beschreibungen wie „Untergangsstimmung“ und „Lebensabschied“ angeheftet werden. Es sei das persönlichste Werk Gustav Mahlers, jede Zeile spreche nur von ihm, so sagt es auch das Programmheft. Das sind große Worte und sie mögen stimmen, politisch aber ist das Ganze nicht. Gustav Mahler selbst ist politisch nie groß in Erscheinung getreten, galt als eher konservativ und auch das „Lied von der Erde“ bricht keine bisher gängigen Konventionen, reiht sich nahtlos in Mahlers Sinfonien ein. Das Stück wirkt unter dem Motto: „Musik. Politik?“ eher fehl am Platz.

 

Natürlich kann zum anderen ein Werk, wenn es denn nicht selbst bereits politisch ist, auch durch die Art seiner Aufführung in einen politischen Kontext geraten. Gespielt haben am Mittwochabend die Wiener Philharmoniker unter Leitung von Daniel Harding im Konzertsaal der Kölner Philharmonie.(?) Passender und reibungsloser könnte eine Aufführung Mahlers also kaum sein. So stellt sich weiterhin die Frage: Was soll mit dem Konzert eigentlich erreicht werden? Braucht es einen Gegenpol zur teils heftig aufgeladenen, von vornherein ungemütlichen Neuen Musik, die ja eigentlich Hauptbestandteil des Festivals ist? Möchte man gerne einen Abend dabei haben, bei dem das Publikum mal entspannt zurücklehnen kann und sich nicht um politische Fragen scheren braucht?

 

Insgesamt muss ich doch kritisch anmerken, dass ich mir auf die Aufnahme eines Mahler-Stückes in das Programm keinen echten Reim machen kann. „Das Lied von der Erde“ ist nicht politisch und möchte es auch gar nicht sein. Nichtsdestotrotz soll nicht geleugnet werden, dass Mahler auch nach seinem Tod noch eine gewaltige Strahlkraft hatte und viele weitere Musiker und Komponisten inspirierte. So berief sich u.a. Arnold Schönberg, dessen Musik mit weitaus mehr Konventionen brach, ganz explizit auf ihn. Auch Olga Neuwirth, dessen Uraufführung dem Mahler-Werk voranging, zeigte sich stark beeinflusst von ihm. Aber soll das die politische Verbindung sein? Eine hypothetische Beziehungsebene zu politisch angehauchten Werken, die von Mahler beeinflusst wurden? Dies erscheint mir doch reichlich knapp, denn welcher Konzertbesucher machte sich während der überwältigenden Vorstellung der Wiener Philharmoniker ernsthaft Gedanken über einen solchen Zusammenhang? Die Überschrift „Musik. Politik?“ verschwand bei dem Konzert vollständig in den Hintergrund. Das ist schade, denn mit dem New York Philharmonic Orchestra und Bartóks „Der Wunderbare Mandarin“ hat das Festival bereits zu seiner Eröffnung bewiesen, dass auch ältere Repertoire-Stücke nicht nur experimentell sein können, sondern auch politisch.


 
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