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Absurd gefesselt, großartig gesungen

12. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Bei seiner Uraufführung löste Passaggio einen handfesten Eklat aus; heute wundert man sich eher über die merkwürdige Inszenierung.

Von Anna Ricke

 

Warum verstehe ich kein Wort von dem, was gesungen wird? Warum wickelt man der Protagonistin einen Strick derart albern um den Kopf, dass es vereinzelt Lacher aus dem Publikum gibt? Und warum, warum nur liegt da eine Tom-Tailor-Decke mit nach vorne gerichtetem Markenlogo auf dem Bett? Fragen über Fragen, die leider die musikalisch herausragende Leistung der Mitwirkenden bei Luciano Berios „Messa in Scena“ Passaggio zeitweise in den Hintergrund rückten.

Besagtes Werk Berios löste bei seiner Uraufführung einen Skandal aus, was nicht sonderlich verwundert, ist es doch vom Komponisten explizit als Anti-Oper konzipiert worden. Die Protagonistin, die einfach nur „Sie“ heißt, durchleidet darin in sechs Stationen eine Art weltlichen Passionsweg. Statt einer Handlung im konventionellen Sinne reihen sich im Text von Edoardo Sanguineti (alb-)traumartige Szenen aneinander, die von Gewalt und Unfreiheit erzählen. Ein im Orchester platzierter Chor A steht „ihr“ dabei zur Seite und singt von ihren Qualen, während der Chor B im Publikum verteilt sitzt und die Frau verspottet, verhöhnt und auspfeift. Mit diesen Kommentaren soll sich der Zuschauer auseinandersetzen, sich mit ihnen identifizieren, sie ablehnen, aber in jedem Falle auf sie reagieren.

Bei der Kölner Aufführung im Rahmen des ACHT BRÜCKEN-Festivals wurde Passaggio vom Ensemble Intercontemporain unter Leitung von Pablo Heras-Casado dargeboten. Zuvor zeigte dieses schon mit den Uraufführungen von Marco Stroppas élet…fogytiglan sowie Yoshiaki Onishis wundervollem Tramespace II, dass es nicht umsonst zu den bedeutendsten Ensembles für Neue Musik gehört. Und auch Berios Anti-Oper ist musikalisch brillant gestaltet: wie Peitschenhiebe knallt die Musik an manchen Stellen auf den Hörer ein, dann singt Chor A wieder ganz sanft, dann schreit und pfeift Chor B brutal laut. Das stimmige Hörbild wird ergänzt durch die Kölner Vokalsolisten sowie die Sopranistin Julia Henning, die die Hauptpartie souverän und leidenschaftlich singt und spielt. Aber: Wenn man eine auch darstellerisch derart starke Sängerin hat, warum nur vermurkst man das Szenische so sehr?

In der Inszenierung, wenn man sie denn so nennen mag, steht vor dem Orchester auf der Bühne links ein Korbstuhl, rechts ein Bett (mit besagter Tom-Tailor-Decke darauf). Julia Henning kommt im weiten Mantel über einem weißen Kleid, mit Turnschuhen auf die Bühne, einen Koffer in der Hand. Sie setzt sich auf den Stuhl, zwei Männer aus dem Chor zerren sie hoch und „fesseln“ sie, indem sie ihr derart unbeholfen einen Strick um den Körper und vor allem um den Kopf wickeln, dass es einige Lacher aus dem Publikum gibt, allerdings nicht das Opfers dieser Aktion verlachend, sondern aus Verwunderung ob dieser seltsamen Inszenierung. Henning befreit sich aus der Fesselung, setzt sich auf das Bett, macht den Koffer auf und zieht Stofffetzen, eine Plastiktüte, ein Seil, eine Zeitung und ein Päckchen mit Zeitungsschnipseln heraus. Während sie singt, betrachtet sie die Zeitungsausschnitte – nur erschließt sich nicht, warum sie das tut.

Eine Darstellerin wie Julia Henning hätte auch ohne dieses ganze Begleitprogramm überzeugt. Allein ihre Bühnenpräsenz, nur ihr Einsatz von Mimik und Gestik, hätte dem Zuschauer schon alles Nötige erzählt. So jedoch lenkt das Hin und Her auf der Bühne ab, und dem Geschehen zu folgen fällt umso schwerer, da der Text nicht als Übertitel projiziert wurde. Immerhin: Trotz der inszenatorischen Katastrophe überwiegt zum Glück der starke Eindruck der Musik und der Interpreten. Als die Protagonistin nach einer erneuten zynischen Pfeif- und Schreiattacke des Chores B verzweifelt zum Gehen auffordert und daraufhin selbst den Saal verlässt, beginnt selbiger Chor zu applaudieren, woraufhin das Publikum freudig mit einsteigt.


 
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