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»Ästhetik des Widerspruchs«

12. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Ein Interview mit Schorsch Kamerun

Von Christian Broder

 

Thomas Sehl, besser bekannt als Schorsch Kamerun sucht als Sänger und Theaterschaffender nach der Ästhetik des Widerspruchs und liefert damit treffende Beispiele für politische Kunst. Ein Gespräch vor seinem Konzert beim ACHT BRÜCKEN Festival.

Der Hamburger Musiker und Theatermann Schorsch Kamerun ist jemand, der in jeglicher Hinsicht am kulturellen Schöpfungsprozess seiner Stadt beteiligt ist. Mit den Goldenen Zitronen, die 1984 gegründet und als Federführer der Hamburger Schule bekannt wurden, machte Kamerun Pop und Punk diskursfähig. Als Mitbegründer des Golden Pudel Clubs hat er eine Oase der Subkultur geschaffen, die derzeit wieder bedroht ist. Grund ist ein Streit mit dem Miteigentümer Wolf Richter, der seinen Teil der Immobilie versteigern lassen will. Kamerun sagt: „Wir sind gar nicht zu kaufen“. Und schafft damit Tatsachen. Vielleicht.

Sag, Schorsch oder Thomas?

Schorsch Kamerun: Wie du willst. An Schorsch hab ich mich gewöhnt, über die Jahre.

Wer nennt dich Thomas?

Das sag ich dir nicht.

Und Schorsch Kamerun, ist das eine Künstlerfigur?

Es ist ein Künstlername. Eine Künstlerfigur? Ne, finde ich nicht. Ich fühle mich nicht als Künstlerfigur. Das ist tatsächlich nur ein Künstlername. Und ich weiß warum ich den habe. Weil ich aus einer Umgebung komme, in der ich mich nicht wohl gefühlt habe und ich brauchte einen anderen Namen. Und natürlich brauchte ich einen, der etwas hermacht, ist ja klar.

Das diesjährige ACHT BRÜCKEN Festival steht unter dem Banner „Musik. Politik…“

Fragezeichen.

Was ist dass denn, politisch sein? Aus deiner Sicht?

Das ist eine bestimmte Haltung zu der Umgebung. Ich glaube ich bin politisch geworden, weil es nicht anders ging. Weil ich vielleicht noch aus einer anderen Zeit – Wirtschaftswunder, Nachwehen von Nachkriegszeit – komme, die z.T. noch sehr autoritär war. Ich hab noch Deutschlehrer mitbekommen, die Schönschreib-Clubs gemacht haben und Bügelfalten in den Hosen wollten, und vielleicht auch Eltern die so waren und Lehrherren. Es war noch ein Stück weit anders. Franz Josef Strauß wäre fast Kanzler geworden, der dafür war, dass junge Leute sich mal die Haare abschneiden und sich waschen. Es war klassisch autoritär.

Und wir, die wir fanden darunter zu leiden, brauchten einen Gegenentwurf. Und der Gegenentwurf hatte damit zu tun, dass man versucht hat eine Alternative zu finden, die sich in einem Bereich abgespielt hat, der spielerisch und erfinderisch noch was anderes probiert hat. Also schon sich wehren, aber mit den Mittel von… weiß ich nicht. Das war eine Jugendkultur, die noch funktioniert hat. Ich komme ja aus der Punk-Bewegung, die zu der Zeit wirklich noch funktioniert hat, also genervt hat. Wir haben die Bürger wirklich noch genervt – weil es ging.

Weil es noch gedauert hat bis die Sachen, die „anderes“ waren im Mainstream gelandet sind. Das hat der Mainstream irgendwann kapiert. Die 80er Jahre haben verstanden, dass das radikale Bild eigentlich das beste Werbemittel ist. Und da sind wir heute im absoluten Extrem: Umso schriller, umso schräger, desto besser zu verkaufen. Und das war damals noch nicht so. Wir waren in dem Fall nicht irgendwie wütender, radikaler, sondern hatten einfach die Möglichkeit. Man konnte sich noch mit Symboliken und mit Bildern, mit Verhalten tatsächlich anders aufführen. Und es hielt eine Zeit lang. Man wusste auch gar nicht so genau was das war, wir haben es einfach ausprobiert.

Rolf Dieter Brinkmann hat ja schon in den 70er Jahren gesagt: „Die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund, usw. ist für mich vorbei.“

Ah, da schon. Wobei er noch gerne über Rock‘n‘Roll geschrieben hat. Wenn man es versucht historisch zu sehen, denke ich, dass es 1980 vorbei war. Als Punk überging in die Neue Deutsche Welle, als Plattenfirmen es verstanden haben, dass man das verkaufen und vermarkten kann. Da war‘s dann vorbei. Wobei, 70er stimmt glaub ich nicht ganz. Da kam ja noch sowas wie Punk. Er war auch wirklich Rock-Fan, und irgendwie Rock‘n‘Roller. Es ist oft so, dass Leute aus anderen Genres, sag ich jetzt mal, so eine Rock‘n‘Roll-Lebenshaltung verklären. Am meisten tuen es Schauspieler oder Theaterleute. Die denken immer das ist dann physisch wirklich wild. Das stimmt nur bedingt. Ist ja auch alles nur irgendwie Show. Natürlich kann man ganz viel Saufen und Drogen nehmen, aber das kann man überall. Das ist als Abbild auch nicht besonders wild. Das ist einfach überausprobiert, glaub ich. Hat auch kein Geheimnis mehr.

Und deswegen machst du heute Theater?

Ich mach ja nicht nur Theater. Ich hab noch die Band, die nach Ästhetiken sucht. Wir wissen natürlich, und das ist auch interessant, dass wir widersprüchlich sind und nur sein können. Ich hab mal den Begriff von der Ästhetik des Widerstands umgekehrt in Ästhetik des Widerspruchs. Ich glaub da sind wir gelandet. Mittlerweile ist das alles sehr widersprüchlich. Auch das was ich tue natürlich. Ich mache vielleicht politische Kunst, und mache sie vielleicht am Stadttheater, aber das macht ja vielleicht auch nichts. Der Widerspruch ist im popkulturellen Bereich noch größer, meiner Meinung nach. Wenn wir mit der Band irgendwo spielen, in Clubs oder, noch schlimmer, auf so großen Festivals, dann ist das da krachend voll mit irgendwelchen Marken. Wenn du zum Melt fährst, was so eins der größten Pop-Festivals im deutschsprachigen Raum ist, dann musst du auf der Converse-Bühne spielen. Das Theater hat das Glück, man nennt das so, luxuriös geschützter Raum zu sein, bezahlt von den Kommunen, von uns Bürgern.

Man sieht es nur nicht.

Man weiß es aber. Die tun vielleicht so, als wär es nicht so, aber doch, man sieht es schon, glaub ich. Was ja auch ganz toll ist. Ich benutze Theater als Factory. Das Wahnsinnige am Theater – du kannst es wirklich als kleine Fabrik benutzen – ist: es gibt alles. Es hat Bühnen, Klamotten, Musik, Studios… Es hat einfach alles. Auf sehr kleinem Raum kann man da Kunst herstellen, wenn man will. Du kannst dich natürlich auch hinstellen und ein Gedicht vortragen, auch bestens. Aber wenn man jetzt irgendwelche Ideen hat, die irgendwas erstellen müssen, dann ist Theater eigentlich das Beste was es gibt. Gerade im deutschsprachigen Raum, mit seinen besonders luxuriösen Theaterorten. Was wir heute machen? Wir spielen Musik und Text im Theater und da braucht gar nichts hergestellt werden. Gibt‘s ja auch.

Kunst verändert nicht die Gesellschaft, hebt nicht die Löhne und senkt nicht die Mieten. Warum gibt es dann eigentlich politische Kunst?

Tatsächlich schafft Kunst selten Bewegung. Kunst begleitet das manchmal. Es gab vielleicht in den 60er Jahren Momente, wo Kunst etwas angestoßen hat. Ich kann nur sagen: Ich bin über Kunst z.T. auch politisiert worden. Eben über Musikgruppen, die sich dann Kollektive genannt haben und gemeinsam Dinge ausprobiert haben… Das Attraktive an der Kunst kann man ja benutzen. Anfang der 90er haben wir mal ein Tournee gemacht, da ging‘s um diese Pogrome in Ost- und Westdeutschland, als wir dachten, wir müssen die Räume behaupten. Da haben wir uns entschieden nicht nur auf die Bühnen zu gehen und was zu sagen oder uns physisch zu zeigen, sondern unsere Popularität zu nutzen, damit da mehr Leute dazukommen und dann haben wir trotzdem Diskurs-Veranstaltungen gemacht. Man kann das benutzen. Von daher kann das das schon sein.

Philosophische Frage: „Ihr seid das Volk, ich bin mein Feind“…

Philosophischer Titel. Vielleicht polemisch.

Erkennt man nur am Feind das eigene Ich?

Mag ja platt sein, aber das soll ein Subjektivierungshinweis sein. Also das auch wieder im Widerspruch. Wenn du heute gegen Kapitalismus bist, musst du wissen, dass du selber der Kapitalist bist – also diese Selbstoptimierungsnummer. Das kommt da so drin vor. Ich glaub so philosophisch ist es nicht gemeint, wie du vielleicht gehofft hast.

Der Untertitel lautet: „Ein Musikalisches Ablenkungsmanöver“.

Ich bin mein Feind“ spielt mit dem Selbst-Ich, mit dem Loop in dem wir stecken. Und „musikalisches Ablenkungsmanöver“ meint vielleicht: Wir gehen auf die Bühne und wissen nicht genau, ob wir das können. Naja, die Melange stimmt für mich. Ist natürlich eine kleine Irreführung.

Also alles nur Ironie?

Der Begriff der Ironie ist ein gefährlicher. Man kann mit Ironie totschlagen, indem man sagt: War nur ironisch die Veranstaltung. Die Grundansätze, die mich antreiben, sind nicht ironisch. Ich mag aber natürlich Humor und vielleicht auch die Umsetzung von Humor und da gerät‘s auch mal ironisch, kann schon sein. Es ist nicht vordergründig ironisch. Auch diese Dinge sind nicht vordergründig ironisch, bzw. sie sind vielleicht vordergründig ironisch, aber sie sind gar nicht so ironisch gemeint.

Wie geht es dem Pudel?

Dem Club geht‘s gut.

Was ist mit der Teilungsversteigerung? Ich hab gehört, dass ihr als Eigentümer nur noch über den Anwalt kommuniziert.

Wir kommunizieren über Öffentlichkeit. Wir sagen: Wir sind nicht zu kaufen. Das machen wir mit ganz vielen, und das ist auch die richtige Strategie, glaub ich. Alles andere ist dann irgendwie Spekulation und an der will ich mich nicht beteiligen. Ich glaub, dass wir da ganz viele sind und das wir da einen Ort haben, den wir sowieso niemals aufgeben können, das geht gar nicht. Und deswegen kann man auf unterschiedliche Weise dafür kämpfen. Wir machen z.B. verschiedene Kampagnen, es gibt da so einen Film, den kann man sich im Netz angucken…

„The Freaks Are Alright“.

Genau. Das ist auch so ein Thema. Wieder die Frage nach dem Freak-Sein. Geht das noch? Lässt sich das überhaupt selbstbewusst herstellen? Was wir daran gut fanden, ist, dass wir festgestellt haben, dass wir sehr diverse Meinungen haben in unserem kleinen Laden und in dieser Gruppe in der wir da stecken. Aber eines wissen wir: dass wir diese Orte unbedingt brauchen. Und von daher werden wir die behaupten. In dem Fall macht es wirklich Sinn, dieses Thema zu schaffen, und auch Absagen zu erteilen an Leute, die sich das angucken und glauben das einfach kaufen zu können. Das allein schafft auch Tatsachen. Das ist meine Erfahrung. Also gar nicht erst spekulieren und Angst davor zu haben, oh Gott, oh Gott, kauft das jetzt jemand, wie viel wird das kosten. Das ist vollkommen sekundär. Wir müssen uns erstmal hinstellen und sagen: Wir sind überhaupt nicht zu kaufen. Das gibt zu denken, glaub ich. Das ist eigentlich ein schönes Beispiel für politische Kunst.

Danke das es diesen Ort gibt, danke das es Dich gibt.

Ja, ebenfalls.


 
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