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Wenn Töne den Zuhörer pfählen

12. Mai 2015     |    Kommentare geschlossen

Ensemble Ascolta zeigte im Funkhaus, wie unmittelbar Musik sein kann

Von Hannah Schmidt

Wortlose Trauer stottert. Widerstand knattert wie ein Maschinengewehr. Resignation hechelt und rülpst. Entschlossenheit kreist summend um sich selbst. Zustände werden zu Geräuschen werden zu Musik wird wieder zu Geräuschen. Fünf Stücke über politische Unterdrückung, im weitesten Sinne, führte das Ensemble Ascolta am Freitag im Funkhaus auf. Fünf Fantasien darüber, Ohnmächtigen eine Stimme zu geben, Jasagern über den Mund zu fahren, die Faust zu schwingen, Sprachlosigkeit singen zu lassen.

In die Folge vierer Stücke, die bereits eine Bühne gesehen hatten, bettete sich die Uraufführung von Catalunya Lliure, Hèctor Parras Hymne für ein nichtexistierendes Land – „Ja, ein freies Katalonien existiert faktisch nicht“, sagt der Mann, der dreimal die katalonische Hymne in die Dominanz von rhythmisch undurchsichtigen Formeln eingewoben hat, und das kunstvoll. Wie die ruppige, Antwort verbietende Artikulation einer empörten politischen Rede wirkten die zuckenden und hervorplatzenden Schläge auf vier Pauken, großer Trommel, Tamtam und Kuhglocken, die irgendwie melodisch gedacht schienen, aber bemüht und dumm daran scheiternd, eine Melodie sein zu wollen.

Nach mehreren sich aufschwingenden Versuchen schaffen es die ersten weichen und prägnanten von Trompete und Posaune geflüsterten Intervalle der katalonischen Hymne, sich aus dem stumpf stampfenden und stolpernden Schlagzeugsumpf zu emanzipieren, kurz aufzuleuchten wie Kristalle, und trotzdem ohne den Zusammenhang mit ihrer Rhythmusgruppe nicht als solche denkbar zu sein. Es war Parras Antwort auf die potentielle Zukunft seiner Heimat, eine hoffnungsvolle, sagt er, irgendwie. Parra wagte eine Utopie. Es sollte die einzige des Abends bleiben.

 

Ein musikalisches Gedenken

 

Eindrucksvoll tonlos begann das Ensemble Ascolta den Abend mit Francesco Filideis I Funerali dell’Anarchico Serantini, ein Gedenken an den damals 20-jährigen Franco Serantini, der bei einer antifaschistischen Demonstration in Pisa 1972 lebensgefährlich verletzt und trotzdem inhaftiert und mehrfach verhört wurde und anschließend starb. Die einzigen Instrumente auf der Bühne: sechs schwarz gekleidete Männer mit Sonnenbrillen, nebeneinander an einem langen Tisch sitzend.

Dieses erklärte Funerali, eine Begräbnisfeier, für einen jungen Mann, der seinen letzten Atem schon lange ausgehaucht hat, lebt von gerade diesen – Atemgeräuschen: tonlose, kurze „Ha“s, ausgestoßen oder eingeatmet, gehauchte Luft durch den Mund oder die Nase, tiefes Grummeln, ärgerliches Knurren, Rufen, Pfeifen, rhythmisches t-t-t- … Hin und wieder entstehen Rhythmen aus der Kombination dieser Geräusche, ergänzt durch Klatschen auf die hohle Wange, Schnipsen, Stampfen, Klatschen in die Hände, am Ende eine Art Scatting, rhythmischer Sprechgesang auf keine Wörter bildenden Vokalen, und dann, alles Hörbare monumental still unterbrechend – tonlose Schreie, abwechselnd, wenn sich einer vorbeugt, den Kopf gerade zum Publikum richtet und einfach den Mund aufreißt, sekundenlang, Schauermomente. So leise ist es im Funkhaus wohl nie gewesen.

 

Mit der Ernsthaftigkeit einer wirklichen

 

Das Ensemble Ascolta unter der Leitung von Michael Wendeberg zelebrierte die komponierte Begräbnisfeier mit der Ernsthaftigkeit einer wirklichen, schuf entsetzliche, grausame Momente durch die Schöpfung einer ungewöhnlichen tonlosen Spannung, die den Zuhörer in einer Alarmposition verharren ließ, plötzliche unerwartete Geräusche oder gar Schreie ließen viele im Publikum vor Schreck zusammenfahren. Ein Erlebnis von Unmittelbarkeit. Wenn Komponiertes, wenn Musik den Hörer an Stellen packt, die zu schützen er gar nicht in Betracht gezogen hatte.

Dem siebenköpfigen Ensemble gelang es auch in den anderen Stücken, der Musik eine Direktheit zu geben, die es sonst wohl selten über die Bühnenränder hinaus schafft. Andrew Digbys Posaunenspiel in dem hochvirtuosen Solostück Presente von Nicolaus A. Huber hatte ähnliche Effekte wie Filideis Funerali. Beginnend mit einem charakteristischen Fanfarenthema, ein rhythmisiertes F, schwang sich nach und nach, über abgerissene Themenstücke und Jazz-Einwürfe, die Melodie des Gefangenenliedes Die Moorsoldaten hervor.

Bis das Lied entwaffnend nackt gespielt, fast kindlich, mit wenig Stütze und instabiler Intonation leise und brüchig durch den Saal hinkte, verletzt und riesengroß zugleich, donnerte Digby zuvor immer wieder dieses anfängliche F auf die Besucher ein, knatternd wie ein Maschinengewehr, ein Ton, der seinen Zuhörer pfählte, direkt durch die Brust, und zwar als reales Empfinden. Digby präparierte seine Posaune, nahm eine Windung ab, blies so nach Umschalten echohaft in zwei Richtungen, als wäre es ein Duett und kein Solo, was er spielte. Für den Schlusston drehte der Interpret sich einmal um die eigene Achse, dass die Schwingungen jede Ecke des Raumes erreichten, ursprünglich und wörtlich.

 

Weniger intellektuell als emotional

 

Generell erwischte das Spiel des Ensemble Ascolta seine Zuhörer weniger intellektuell als emotional. Sicherlich spielten da auch die Kompositionen eine große Rolle, die teilweise verkopft gedacht sind, doch auf geniale interpretatorische Weise wieder an Innenleben gewannen: wie Moguillanskys 121 (band #2), das eigentlich eine Wiedergabe von einem aufgezeichneten Verhör und so arg verfremdet ist, dass nur Bruchstücke, Hickser, Narben übrigbleiben. Das Ensemble brachte diese Reste erneut in einen klingenden Zusammenhang – voller Pausen und irrer Geräusche ein Skelett von dem, was mal ein Gespräch war, was jedes Gespräch ist: eigentlich nur eine Kombination aus Lauten. Fast ironisch, die Grundlage von Worten so arg zu reduzieren, dass sie wieder zu Musik werden.

Abschließen sollte Coming Together von Frederic Rzewski das Konzert, ein atemloser Basslauf, der durch unterschiedliche Instrumentengruppen wandert, mal an Polyphonie gewinnt, mal verliert, eine viertelstündige fast gebetsähnliche Schleife, über die Sprecher Marc Bischoff einen Brief vorliest, den Sam Melville, ein Gefangener des Staatsgefängnisses Attica, vor der legendären Rebellion der Insassen geschrieben hatte. Der Ton des Briefes ist zuversichtlich, Rzewskis Schleife ist hämmernd, Bischoffs Stimme war erstickend monoton, Rzewskis Gebet ungeduldig und fordernd, Melvilles Worte sind fatalistisch, stoisch, überlegt, Rzewskis Komposition ist manchmal hübsch, manchmal extrem nervig. Nach fünf Minuten möchte man die ständig kreisenden paar Töne auskotzen.

 

Wie nach einem Dauerlauf

 

Nach etwa eineinhalb Stunden ist man physisch so geschafft, als habe man einen Dauerlauf gemacht oder im Garten gearbeitet, als habe man live bei den vertonten Verhören gesessen, rasenden Herzens, stockenden Atems, als habe man die Anspannung vor der Gefangenenrevolte in Attica vor Ort miterlebt, als wäre man selbst in Katalonien gefangen. Fast mystisch, denkt man, ist dieser Effekt, den zwei Handvoll Musiker an nur einem Abend mit spitzen Fingern prisenhaft direkt in die Mägen ihrer Zuhörer streuten.

Vielleicht ist genau das politische Musik. Musik, die nicht auf hoher Abstraktionsstufe über gesellschaftliche Abläufe philosophiert, sondern Musik, die diese politischen Reibungspunkte erfahrbar macht, und zwar direkt und sinnlich. Am Ende sind ernsthaft wahrgenommene Musik und Politik nämlich nicht mehr und auch nicht weniger als die Strapazierung, Ziehung und Überschreitung von Grenzen, die oftmals erst dann bekannt wird, wenn der Körper reagiert.

 

 


 
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