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Versuch eines interkulturellen Dialogs?

6. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen
© Jörg Heijkal
von Hakan Ulus

Der Islam genießt gegenwärtig keinen guten Ruf. Spätestens seit 11. September 2001. Seither zeichnen etliche Medien ein negatives Bild dieser abrahamitisch-monotheistischen Weltreligion mit über einer Milliarde Anhänger und tragen wesentlich zu einer gesamtgesellschaftlich nicht-reflektierten und undifferenzierten Betrachtungsweise bei. Terroristische Anschläge von Organisationen wie ISIS, Boko Haram und den Taliban werden beredt mit dem Islam in Verbindung gebracht, obwohl der Islam – wie das Christentum und das Judentum auch (alle drei verstehen sich als weltoffene und liberale Religionen des Friedens!) – Gewalt und Selbstmord strikt ablehnt: Eine Widerlegung der ständig anzutreffenden Parole, der Islam sei eine Religion der Gewalt, kann also problemlos theologisch erfolgen. Im Koran vorkommende Aufrufe zur Gewalt sind stets an konkrete historische Ereignisse gebunden – also auch historisch zu lesen – und quantitativ nicht seltener anzutreffen als in der Bibel auch. Leider ist diese Auffassung noch nicht in den meisten Köpfen angekommen, anders lässt sich die Popularität solcher Bewegungen wie PEGIDA nicht erklären. Der kurze Problemanriss macht aber schon eines deutlich: Der Islam ist und bleibt vorerst ein heikles Thema.

Umso bemerkenswerter scheint es, dass das diesjährige ACHT BRÜCKEN Festival mit islamischer Musik eröffnete. Das DITIB Sufi-Ensemble der Zentralmoschee Köln präsentierte in deren Räumlichkeiten traditionelle Kunstmusik des Sufismus, der islamischen Mystik (DITIB steht für „Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion“). Die sufistische Strömung – asketisch und tiefspirituell – ist die einzige, die eine ausgeprägte geistliche Musikkultur hervorgebracht hat, da sie Musik als Lobpreisung Gottes (Dhikr Allah) versteht. Diese heterophone Musiktradition – die auf mikrotonalen Skalen, den Makamat, beruht – präsentierte das Ensemble in ihrer ganzen Bandbreite. Unter der Leitung des Kanun-Zither-Spielers Mustafa Alp Ataç führten die neun Musiker auf traditionellen Instrumenten der arabisch-türkischen Kunstmusik wie Ud (Kurzhalslaute), Ney (Bambusrohrflöte) und Tanbur (Langhalslaute) auch Werke großer Meister auf. Der informierte Hörer musste sich aber fragen, wie neben Werken der bedeutenden Komponisten Buhurizade Mustafa Itri Efendi (1630-1711) und Sadettin Kaynak (1895-1961) solche drittklassiger Tonkünstler wie Aslan Hepgür (*1942), dessen Werk gerademal eine musiktheoretische Stilkopie traditioneller Sufi-Musik ist, ins Programm kamen. So rückständig, wie hier öffentlich „ausgestellt“, ist die zeitgenössische Kunstmusik islamischer Provenienz nämlich ganz und gar nicht. Es gibt viele wichtige, zudem junge Stimmen aus dem islamischen Kulturraum, die man in diesem Konzert der traditionellen Sufi-Musik hätte gegenüberstellen können. Ebenso wenig nachvollziehbar ist, dass die Repräsentanz von islamischer Musik im Festival auf traditionelle Sufi-Musik beschränkt blieb. Die Veranstalter scheinen sich hier nicht sonderlich auszukennen. Und dieses Manko könnte man als Beleidigung werten, da man die Musik islamischer Provenienz so als eine in der Entwicklung stehengebliebene präsentierte.

Doch nicht nur die Programmgestaltung, die Aufführung selbst war problematisch. Die Lautsprecher-Verstärkung der Instrumente war einer historischen Aufführungspraxis, die hier mehr als nur wünschenswert gewesen wäre, überhaupt nicht angemessen und in dem eher kleinen Konferenzraum der Moschee völlig unnötig; der Raum hätte den Klang problemlos getragen.

Aber es stellt sich auch eine grundlegende Frage: Warum beginnt das ACHT BRÜCKEN Festival überhaupt mit islamischer Musik? Dass das Sufi-Ensemble das Eröffnungskonzert des Festivals bestreiten durfte, ist mehr als eine nette Geste des Veranstalters: Es ist eine klare politische Aussage und mehr als „political correctness“. In Anbetracht des Festival-Mottos („Musik und Glaube“) erschließt sich die programmatische Legitimität islamischer Musik im Festival leicht. Im multikulturellen Köln würde es eher überdeutlich auffallen, wenn der Islam nicht Bestandteil eines Festivals mit dem Untertitel „Musik für Köln“ wäre: Über zehn Prozent der Kölner Bevölkerung gehören dem islamischen Glauben an. Und an diese Tatsache möchte das Festival anknüpfen und Raum für einen „interkulturellen Dialog“ schaffen. Dass dieser Dialog wirklich stattgefunden hat, steht allerdings zu bezweifeln. Denn zwischen den verschiedenen Kulturen gab es keinen unmittelbaren Austausch (das nachfolgende Konzert mit Werken der Komponistin Galina Ustwolskaja hatte so rein gar nichts mit der Sufismus-Darbietung zu tun!). Dem selbstgestellten Anspruch eines diskursiven Dialogs zwischen den Kulturen und Glaubensrichtungen wurde man hier jedenfalls nicht gerecht.


 
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