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Da simmer dabei!

7. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

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Der ACHT BRÜCKEN-„Freihafen“ 2016 feiert Köln und den Kölner

von Miriam Zeh

Am 1. Mai wird der Rausch der Walpurgisnacht ausgeschlafen, junge Birken werden mit Kreppbändern geschmückt, Fäuste aus schwarzen Kapuzenpullovern gen Himmel gereckt und Bollerwägen mit Alkohol beladen. Der 1. Mai also: ein Tag der Rituale. Eine vergleichsweise junge Tradition verband das Kölner Festival ACHT BRÜCKEN in diesem Jahr mit dem Beginn des vielbesungenen Wonnemonats. Eine weitere Ausgabe des sogenannten „Freihafens“ lief vom Stapel, ein ganzer Festivaltag an verschiedenen Orten in Köln, mit unterschiedlichen Ensembles – bei freiem Eintritt. „Musik für Köln“, dieseprogrammatische Selbstverpflichtung des Festivals scheint im „Freihafen“ verkörpert. Und bereitwillig strömte denn auch der Kölner– in Scharen.

Zwischen Kirche und Konzertsaal, Sonnenschein und Schlange-Stehen gab es von 11 bis 19 Uhr sechs Konzerte. Mehr als 600 Sänger für über 8.000 Besucher. Das Repertoire: Chorwerke des 20. und 21. Jahrhunderts, inklusive Uraufführungen. Ganz manifest also das facettenreiche Motto des Festivals„Musik und Glaube“. Dieses fand im „Freihafen“ jedoch eine eher volksfestartige Reflexion. Denn weitgehend unkommentiert stand die kostenfreie Musik im Zentrum des sonnigen Tages. Aber ohne Kommentar hat der Kölner den ‚Dialog’ der Religionen ja auch am liebsten. Begeistert applaudierte man also orientalischen Ensembles, christlichem Messgesang und syrischen Flüchtlingen. Begeistert beklatschte man dabei auch seine eigene „rheinische Toleranz“. Dass in derselben Handbewegung – quasi aus Versehen– eine kleine Welle an Euphorie auch auf die Neue Musik überschwappte, störte kaum.

 

 11 Uhr Funkhaus Wallrafplatz: Requiem

Mit dem 1975 komponierten Requiem von Alfred Schnittke (1934-1998) kam das erste Schiff des „Freihafens“ 2016 geladen, im WDR Funkhaus. Es komme ihm immer so vor, als spaziere die gesamte Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts in diesem Stück an ihm vorbei, gestand der Dirigent Michael Reif in seiner kurzen Ansprache vor dem Konzert. Er hatte damit nicht zu viel versprochen. Unter seiner Leitung ließen der Europäischer Kammerchor und ein Studierendenensemble der Kölner Musikhochschule die mannigfaltigen Klangfarben dieses Collagenwerkes aufleuchten.

Dabei präsentierte sich der Chor in Bestform, selbst die zartesten Pianissimi gelangten überzeugend. Reifs Vorliebe für einen schlanken und präzisen Chorklang stand Schnittkes Requiem vorzüglich. Dadurch verzieh man Reif manche im Eifer des Gefechts zu pathetisch geratene Geste. So ließ es sich der Maestro nicht nehmen, den Schlussapplaus zunächst zu unterbinden. In weihevoller Regungslosigkeit verlangte er dem begeisterten Publikum noch einige Sekunden der stillen Andacht ab. Immerhin: Als Bühnenmusik zu einer Inszenierung von Schillers Don Carlos war das Werk ursprünglich ja auch einmal in Auftrag gegeben worden. Das Publikum zeigt sich also zu Recht ergriffen von Reifs theatralem Ethos: anhaltender Beifall mit Bravorufen.

 

12.30 Uhr Funkhaus Wallrafplatz: Shakespeare

William Shakespeare stand anlässlich seines 400. Todestages im Zentrum des zweiten „Freihafen“-Konzerts, wiederum im WDR. Die Kölner Kantorei (Dirigent: Georg Hage) sang Werke des Finnen Mäntyjärvi (*1963), des Kölners Ostrzyga (*1975) sowie der Hannoveranerin Magdalena Zimmermann (*1985). Deren uraufgeführtes Chorstück Twilight verbindet Clusterakkorde mit sporadisch erstrahlendem Dur. So entsteht eine zwielichtige Atmosphäre, die das Stück auch beschließt. Dem 73. Sonnet von Shakespeare folgend erklingt zum Abschluss: „To love that well, which thou must leave erelong“ („Und du liebst wohl, was du bald lassen musst“), rezitiert vom Dirigenten Hage selbst.

Sein Chor schlägt sich wacker und transportiert, gleichwohl er etwas schwerfällig an Hages exponiertem Dirigat klebt, eine ansteckende Freude am Gesang. Das Publikum zeigt sich angetan und erhält „Double, double toy and trouble“ aus Mäntyarvis Four Shakespeare Songs (1984) als mitreißende Zugabe. In der Schlange vor der Damentoilette summte man hinter mit noch das Mäntyarvi-Thema in hinkend-schwingendem Fünfer. Auch das also kann neue Musik!

 

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14 Uhr St. Mariä Himmelfahrt: A Buenos Aires

Um 14 Uhr dann ein Bild für die Götter: Hunderte vor St. Mariä Himmelfahrt in der Marzellenstraße. Schlange-Stehen für neue Musik – das erlebt man auch nicht alle Tage! Schon gar nicht, wenn die Sonne scheint. Ein Bäckerbub von gegenüber wittert das spontane Geschäft und verkauft Kaffee &Kuchen an die Wartenden.

Wer einen Platz in der Kirche ergattert hat – nicht alle können eingelassen werden –, hört die Misa a Buenos Aires für Mezzosopran, Chor, Bandoneon, Klavier und Streichorchester (1995) von Martín Palmeri. Dirigent Horst Meinardus leitet den Philharmonischen Chor Köln und das Amadeus Ensemble Bonn. Solisten sind Theresa Nelles (Mezzosopran), Stephan Langenberg (Bandoneon) und Lin Lin (Klavier).

Die Misa des argentinischen Komponisten Palmeri (*1965) vereint den traditionellen katholischen Messtext mit dem Tango. Eine Glaubenspraxis in gefällig-erfrischender Mixtur ohne Pathos und Schwere. Ganz anders also als unsere Kirchenmusik. Dass sich die markanten Tango-Rhythmen im Hall der Kirche verwaschen, macht die Stilmischung noch reizvoller. Manche wippen mit. Reizvoll auch Mezzosopranistin Nelles. Sie beherrscht den feierlichen Messduktus ebenso wie federleichte Tangotöne. Man hört ihr gerne zu.

 

15.30 Uhr Minoritenkirche: Unter gleichem Himmel

In der katholischen Minoritenkirchedann um halb Vier ein türkisch-arabisch-deutsch-russisches Instrumentalensemble. Der Komponist Saad Thamir (*1972) richtet vor dem Konzert eine türkisch-deutsche Ansprache an das Publikum. Seine Botschaft: Wir leben alle „Unter gleichem Himmel“. So heißt auch sein Stück von 2012, das westlichen Chorgesang über eine arabische Rhythmusgruppe legt.

HimmelsErde (2015) von Wilfried Kaets (*1961), übrigens auch der Dirigent des Konzerts,besitzt alle Farben einer esoterisch-spirituellen Komposition. Die Flüsterstimmen der im Kirchenraum verteilten Chorsänger, durchbrochen von Bassklarinetten- und Gesangssoli, kreieren eine mystische Atmosphäre, in die sich sowohl Lautsprecher-Zuspielungen von Vogelstimmen als auch von den Choristen gestrichene Gläser-Sounds mischen. Einige Sänger tragen – nicht unbelächelt –Räucherstäbchen vor sich. Manche schließen beseelt die Augen. Am Ende des Konzerts bleibt so viel Bekenntnis nicht ohne Anerkennung. Stehende Ovationen der prall gefüllten Kirche.

 

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17 Uhr Funkhaus Wallrafplatz: O Mare Nostrum

Um Fünf zurückim WDR-Funkhaus: die politischste Vorstellung des Tages. Doch dazu später. Zunächst Camille van Lunens O Sacrum Convivium (2013) für Chor, Solisten, zwei Klaviere und Akkordeon. Das Stück stellt den christlichen Lehren des Thomas von Aquin Texte der Friedenstheologin Dorothee Sölle gegenüber. Und skandiert werden Namen von Humanisten wie Mahatma Ghandi und Theologen wie Dietrich Bonhoeffer.

Dann endlich die aufsehenerregende Uraufführung des parallel gearbeiteten O Mare Nostrum. Die Kartäuserkantorei Köln ergänzt hierfür der Kölner Willkommenschor, in dem Kölner und Flüchtlinge gemeinsam singen – ganz global in Jeans und Turnschuhen. Van Lunen (*1957) weist ihre ACHT BRÜCKEN-Auftragskomposition O Mare Nostrum als „eine gemeinsame Arbeit aller Mitwirkenden unter Anleitung von Anne Kussmaul und Camille van Lunen“ aus. Sie fokussiert die Lebenswirklichkeiten der Willkommenschor-Flüchtlinge. Das Stück beginnt in düsterer Beklemmung. Einzelne Flüchtlinge treten immer wieder aus dem Chor heraus und rufen „Hunger!“, „Krankheit!“, „Eritrea!“ oder „Afghanistan!“ Dieses engagierte Klang-Theater wirkt besonders eindringlich, da die Sänger im Laufe des Werkes das Publikum umrahmen. Derart eingekesselt wird der Zuhörer schließlich doch noch erlöst. „Land!“ und „Gesund!“ skandiert der Chor und in einem finalen, effektvollen Tutti aller Musiker mischen sich die Wörter „Halleluja“ und „Salām“ (arabisch „Frieden“). Diese simple musikalische Lösung eines der brisantesten Themen der Zeit nimmt der Saal großherzig an. Unter anhaltendem Beifall für dieses interkulturelle Miteinander klatschen die Flüchtlinge – inszeniert als Flüchtlinge – verlegen mit, als derKölner ihm zujubelt. Die allgemeine Ergriffenheit mischt sich mit Beklemmung.

 

18 Uhr Minoritenkirche: Dialog mit Cello

In einen besinnlichen und nachdenklichen Dialog traten um 18 Uhr der Kammerchor CONSONO und die Cellistin Katharina Deserno. Harald Jers war jetzt der Dirigent. Es gab meditative Werke des englischen Komponisten John Tavener (1944-2013) und des australischen Komponisten Brett Dean (*1961), der von 1985 bis 1999 auch Bratscher bei den Berliner Philharmonikern war.Taveners Svyati (1995), eine Totenklage in der Tradition des russisch-orthodoxen Kirche, erhielt einen besonderen akustischen Reiz, weil die Interpreten räumlich verteilt waren: der Chor vor dem Altarraum, die Cellistin im Portal der Kirche. Ihren feinsinnigen Solopart interpretierte Deserno in weißem, bodenlangem Kleid, wunderbar lebendig und wehmütig zugleich. Ebenso überzeugend der Chor: einfühlsam und klar. Kontrastreich gelangen ihm auch die beiden Kompositionen des Australiers Dean. Now comes the Dawn (2007) steigerte sich von einem sacht einsetzenden Weihnachtslied in schrille Dissonanzen. Nahtlos schloss Sparge la morte (2006/2012) an die magische Stimmung des Konzertes an.

Während die Minoritenkirche in warmem Abendlicht versank, machten sich einige hartgesottene „Freihafen“-Besucher noch auf den Weg in die Philharmonie. Hier ging es um 20 Uhr weiter mit der Messiaen’schen „Verklärung“, seiner La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ (1965-69).


 
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