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Six Pianos oder Six Pianists

7. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

© Inga Trost

Gregor Schwellenbach, Hauschka und Co. spielen Steve Reich. Ein Kommentar.

von Julian Bäder

Der Pianist Francesco Tristano ist eine Ausnahme in seiner Zunft. Die klassische Szene feiert ihn für seine Interpretationen vonBach oder Frescobaldi. In seinen Konzerten präsentiert er, seine zweite große Liebe neben der Klassik, gerne noch eigene Interpretationen von Techno-Tracks der 80er. Für ihn persönlich ist das Eine wahrscheinlich die klare Konsequenz aus dem Anderen, für den Klassik-Normalo-Hörer wohl eher nicht.

Das hat Ende Februar ein anderer außergewöhnlicher Tastenkünstler, der Cembalist Mahan Esfahani, in Köln miterleben dürfen.Er spielte zusätzlich zu Bach, noch nicht einmal Detroit House, sondern einen „Klassiker“ des 20. Jahrhunderts: Steve Reich, Piano Phase, arrangiert für Cembalo und Tonband. Konsequenz: Nach Störungen des Publikums musste das Konzert abgebrochen werden. Zu unerhört, zu neu, das Stück für den Abonnenten-Stamm.

Ca. zwei Monate später, am 03. Mai, steht nun wieder Steve Reich auf dem Programm in der Philharmonie. Six Pianos, gespielt von sechs Musikern, die dem Abonnenten-Publikum wahrscheinlich so unbekannt sind, wie Dietrich Buxtehude einem Bochumer Realschüler. Die sechs sind alle keine traditionellen Pianisten, spielen zwar Klavier, aber in anderen musikalischen Kontexten: Techno, Filmmusik, Jazz oder Hip-Hop.

Vor Steve Reichs Six Pianos geben die Sechs erstmal eigene Werke zum Besten und zeigen ihre eigene künstlerische Richtung. Der Kanadier John Kameel Farah mit polystilistischen Miniaturen, Gregor Schwellenbach mit Techno-Arrangements für Klavier und der Düsseldorfer Hauschka mit klangmalerischen Stücken für präpariertes Klavier.

Kompositorisch & technisch anspruchsvoll sind diese Stücke nicht. Das ist aber auch gut so, denn das schlechteste, was diesem Abend hätte passieren können, wäre eine Anbiederung der Musiker an den Konzertort.
Sie ziehen ihre Performance stattdessen wie einen DJ-Mix auf.Die Stücke faden ineinander, steigern sich von einem bis zu vier Klavieren und reduzieren sich danach wieder. Jedes Klavier bedient dabei eine eigene Stimme, eines spielt die Bassline, eines die Chords und eines wird sogar zur Drum-Machine.

Betrachtet man das durchschnittlich junge Publikum, könnte man meinen die Kameras auf der Bühne seien nicht vom eigenen philarmonie-tv, sondern von der Elektro-Plattform Boiler Room (Für diese Plattform hat Ausnahmekünstler Tristano übrigens gerade eine Session mit dem Gewandhausorchester eingespielt.).

Dass die Kölner Interpretation von Reichs Stück durch die sechs Pianisten Farah, Schwellenbach, Brauer, Frick, Sarp und Hauschka danach viel mehr Grund zur Beschwerde gibt, als der Auftritt von Mahan Esfahani Ende Februar. Geschenkt. Wichtig ist an diesem Abend nämlich nicht, wie gut die Musik interpretiert wird. Viel wichtiger ist, so pathetisch es klingt, das größere Bild. Musiker, die ein junges Publikum in den Konzertsaal holen, dass dort sonst eher selten vorbeischaut.Dessen bewusst, biedern sich die Sechs trotzdem nicht an. Nicht in die eine Richtung, ihr ganzes Programm dem „hochkulturellen“ philharmonischen Surrounding anzupassen, sondern sich auf ihre eigenen Stärken zu besinnen. Mit Steve Reich anschließend auch nicht in die andere Richtung, die Philharmonie nur als exotische Spielstätte zu missbrauchen, für Musik, die eigentlich in den Club gehört.

Dadurch werden Brücken gebaut: Zwischen Club und Philharmonie, zwischen Jugend und Konzert-Abo-Publikum.


 
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