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Musik für wen?

8. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen
© Jonas Harksen
von Miriam Zeh

 

Ich begegne ihr gleich bei meinem ersten ACHT BRÜCKEN-Lunchkonzert. Naiv gutgläubig setze ich mich neben sie. Auch, weil es fast der einzige noch freie Platz ist. Die Kölner Zentralmoschee ist proppenvoll. „Wissen sie, was das früher für ein Gebäude war?“, fragt sie, noch bevor ich meinen Schal ablegen kann. „Eine riesige einstöckige Fabrik war hier. Da haben fast nur Frauen gearbeitet. Und gleich um die Ecke, da war Kölns erster Wasserspielplatz.“ Ich ringe mir ein höfliches Nicken ab, schiele aber auf die Uhr. Sollte das Lunchkonzert nicht bereits begonnen haben? Ich will schließlich das DITIB Sufi-Ensemble hören und die Derwische tanzen sehen. Während des ACHT BRÜCKEN-Festivals gibt es jeden Tag um halb eins ein kurzes Lunchkonzert. Meistens gibt es Ausschnitte aus den Abendkonzerten, oft auch moderiert. Aber das Wichtigste: Der Eintritt ist frei. Die Veranstalter erhoffen sich von diesen Mittagskonzerten ein Publikum, das durch die leicht verdaulichen Konzerthäppchen Appetit bekommt auf mehr. Sie erhoffen sich den Anzugträger mit schicker Uhr, der während seiner Mittagspause ein wenig kulturelle Erholung inhalieren möchte. Im Idealfall kauft er anschließend dann eine Konzertkarte.

Wenn ich mich in meinem Lunchkonzert umblicke – am 2. Mai das einzige übrigens, das nach dem eigentlichen Konzert stattfindet – sehe ich niemanden im Anzug. Stattdessen: Mütter mit Kinderwagen, Schulklassen und Senioren. Das klassische „Umsonstpublikum“, wie es hinter vorgehaltener Hand heißt. Die redselige Dame neben mir hat ihre malträtierte Krücke an den Stuhl gelehnt. Ihr Haar ist schlohweiß und bis auf wenige verirrte Strähnen unter einer blauen Filzmütze verborgen. Dabei scheint draußen die Sonne. Ungefragt schildert sie mir in wenigen Sätzen die kostenfreien Angebote des zehntägigen Festivals: Jeden Mittag ein Lunchkonzert. Und jeden Abend, gäbe es dann immer noch die Zelt-Lounge bei der Philharmonie. Aber das sei nichts mehr für sie. Dafür sei sie zu alt. Für mich dagegen, für mich sei das sicherlich was! – Und sie hat Recht. Ich bin das, was die Mediensoziologen in der Zielgruppenanalyse ‚junge Kulturinteressierte’ nennen. Ich bin 27 Jahre alt, ich bin blond, ich komme aus Hamburg. Ich habe einen Hochschulabschluss und bekomme gerade mein erstes Gehalt – von einer gemeinnützigen Stiftung privaten Rechts. In ein paar Jahren werden mich Kulturinstitutionen zu ihren wichtigsten Einnahmequellen rechnen: den Abonnementkunden. Das sind die Besserverdiener, die Bildungsbürger. Die mit schicker Uhr. Meine Konzertkarten bestelle ich im Internet, kaufe sie nicht auf Lunchkonzerten. Ich werde Jahresvorschauen und Festivalbroschüren wälzen und meine Konzertbesuche danach planen, wann mein Mann Zeit hat. Und die Kinder Lust. Die meisten Werke der Konzertprogramme werde ich spätestens dann bereits kennen und schon einmal gehört haben. Beethoven, Brahms, Mozart, Schubert. Ab und zu wird es in meiner Stadt vielleicht ein Festival für die „Musik der Moderne“ geben. Das Festival wird vielleicht ACHT BRÜCKEN heißen und auch ein wenig neue Musik anbieten. Aber für das große Eröffnungskonzert setzt dieses Festival auf Komponisten wie Messiaen. Der ist zwar auch irgendwie modern, aber nicht so modern, dass man ihn als mittelalter Kulturinteressierter gleich furchtbar finden muss. Der Olivier Messiaen wird meine Ohren ein wenig „massieren“, wie die ACHT BRÜCKEN-Koordinatorin Nicolette Schäfer es sagen würde. Aber tags drauf haben sich meine Ohren dann bereits wieder erholt. Und es geht zu Beethovens Siebter. Im Abokonzert.

 

Während ich so sinniere, ist mein Lunchkonzert in vollem Gange. Kinder von Müttern, die sich nicht daran stören, rennen mit quietschenden Gummistiefeln durch den Saal. Einige Ordner in blauen Festivalshirts mahnen halbherzig zur Mäßigung. Die Teenagermädchen tuscheln und zeigen sich ihre Smartphones. Nach einer halben Stunde dränge ich hinter ihnen Richtung Ausgang.

Ich werde die Frau mit dem schlohweißen Haar in dieser Woche auf jedem Lunchkonzert treffen. In der Zentralmosche, in der Trinitatiskirche, im ehemaligen Güterbahnhof „Jack in the box“, in der Kunststation St. Peter. Sie wird die traditionelle Sufi-Musik mit demselben stoischen Gleichmut anhören wie den Spektralismus eines Horațiu Rădulescu und die Gebetsgesten von Karlheinz Stockhausen. Nach zwanzig Minuten wird sie immer nach ihrer Krücke greifen, sich entschuldigen und „kurz hinstellen“ müssen. Egal bei welcher Musik. Wegen ihres Beins, sagt sie. Am Ende des Konzerts wird sie eine gratis Flasche Mineralwasser in ihren Einkaufstrolley stecken. Vielleicht wirft sie dabei einen kurzen Blick auf das Etikett der Wasserflasche. Das Logo der Sparkasse ist darauf abgebildet und der vollständige Namen des Festivals: „ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln“


 
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