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Drei Konzerte – zwei Komponisten

9. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

©Jörg Hejkal

von Margarete Buch

Drei Konzerte widmeten sich zum Auftakt des ACHT BRÜCKEN Festivals zwei Komponisten: Galina Ustwolskaja und Toshio Hosokawa. Unter dem Motto „Musik und Glaube“ steht das Œuvre der 2006 verstorbenen Galina Ustwolskaja in diesem Jahr im Mittelpunkt. Den überkonfessionellen Ansatz signalisierten die Veranstalter durch die Wahl der Aufführungsorte. Das Ensemble Musikfabrik spielte am Freitag sowohl in dem Konferenzraum der Zentralmoschee als auch in St. Michael.

Schon in dem 1959, sechs Jahre nach Stalins Tod, entstandenen „Großen Duett“ sucht Ustwolskaja die Extreme: Triller werden zu Klangflächen, Höhepunkte steigern sich bis zur Schmerzgrenze, Wiederholungen sind penetrant. Ihr Oktett beendet sie mit einem Paukengewitter. Ustwolskajas frühe Werke weisen Parallelen zur Kammermusik ihres Lehrers Dmitri Schostakowitschs auf. Wobei der berühmte Komponist auch bei seiner geschätzten Schülerin abschaute: In seinem 5. Streichquartett zitierte er ein Thema aus ihrem Klarinettentrio.

In dem Spätwerk Ustwolskajas, an diesem Abend vertreten durch Sinfonie Nr. 3, 4 und 5, müssen die vielfach eingesetzten Bläser in ungewohnt hohen Registern spielen. Das Resultat: schrille Klänge, die durch markante Schläge auf einen Holzkasten oder einem Kontrabassquintett ergänzt werden. Die programmatischen Titel „Das Gebet“, „Amen“ und „Jesus Messias, errette uns“ stellen die Sinfonien in Bezug zum Motto. Die Semantik, der den Kompositionen zu Grunde liegenden, russischen Texte, geht tiefer, als die Sprecher bzw. Sänger an diesem Abend vorgeben. Ustwolskaja vertont nichts weniger als den Hilfeschrei eines verzweifelten Menschen, der sich in seiner Not an den Allmächtigen wendet.

Ganz anders die Werke von Toshio Hosokawa. Energie entlädt sich hier nicht im Schreien, sondern in der Stille. Der 1955 geborene Toshio Hosokawa gilt als der bekannteste lebende Komponist Japans. Drei Uraufführungen von Hosokawa standen neben Ustwolskajas Kompositionen auf dem Programm. Die Fokussierung auf einen Ton in den Werken Hosokawas erinnert an die Kammermusik Giacinto Scelsis. Hastige Läufe der Oboe dominieren in „Three Essays“, die sich auf verschiedene Weise äußert: mit Doppelzunge, Glissandi und schrillen Spaltklängen. Durch sanfte Wellenbewegungen unterstreicht Hosokawa klangmalerisch die Programmatik seiner Komposition „Silent River“ für Quintett. In St. Michael, in der Weite des Kirchenraumes, konnte sich die komponierte Stille in „Ibuki“ (Atem) frei entfalten. Obwohl sich bei dem programmatischen Titel ein Blasinstrument geradezu aufdrängt, versucht Hosokawa, Luftströmungen auf der Viola fassbar zu machen.

Die großen Gegensätze beider Komponisten werden an diesem Abend deutlich. Auf der einen Seite die unausgesöhnte Ustwolskaja, die die Rolle einer Außenseiterin in ihrem Leben zwischen Revolution, Krieg und Diktatur im Petersburg des 20. Jahrhunderts innehatte. Auf der anderen Seite der ausgeglichene und erfolgreiche Japaner. Diese direkte Konfrontation geht zu Ungunsten Hosokawas aus.


 
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