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Ustwolskaja im Versuchslabor

9. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

© CEphoto, Uwe Aranas

Die Klaviersonaten der russischen Komponistin als Experiment in sechs Teilen

Von Sophia Fischer

 

Roh, echt und unverschämt direkt. In ihren sechs Klaviersonaten geht Galina Ustwolskaja (1919-2006) nicht gerade zimperlich mit ihrem Publikum um. Dynamische Grenzgänge, akzentuierte, schroffe Tonwiederholungen und scheinbar unkontrollierte Klangausbrüche durchziehen die Klavierstücke, die die russische Komponistin selbst nie als eine Einheit gesehen hat und die doch durchweg dieselbe unmittelbare Sprache sprechen.

Die Lagerhalle für Hochwasserschutzelemente in Köln ist ein kühler, steriler Raum. Am Samstagnachmittag wird sie zu einem Labor, in dem die Pianistin Tamara Stefanovich sechs Gefühlsexperimente durchführt. Risiken und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen.

Die erste Sonate beginnt in ungehaltenem Fortissimo. Als Schülerin Schostakowitschs hat die junge Ustwolskaja schon mit 28 Jahren den Drang, ihr Innerstes besonders expressiv und kontrastreich auszudrücken: in weit auseinanderklaffenden Dynamiken. Noch ist alles klar strukturiert. Die vier Sätze der ersten Sonate halten sich durchweg an einen geordneten ¼-Takt. Ein Anhaltspunkt, der in den folgenden Werken gänzlich verworfen und durch eine freie Einteilung des Metrums verdrängt wird.

Insgesamt umspannt die Entstehungszeit der Sonaten 41 Jahre im Leben Ustwolskajas. Gemäßigter, geschweige denn ausgeglichen wird die Komponistin auch in voranschreitendem Alter nicht. Im Gegenteil: Ihre Musik wird noch schroffer, als würden sich der Schmerz und die Verzweiflung immer weiter in ihre Kunst hineinfressen, sich einnisten. Die kurzen, geheimnisvoll aufblitzenden Momente, in denen sie vermeintlich zur Ruhe kommt, entblößen sich schnell als gescheiterter Griff nach einem Rettungsring, der schon mit der nächsten Expressivo-Welle weggeschwemmt wird. Der Rettungssuchende versinkt in Aussichtslosigkeit.

Tamara Stevanovich scheint diese Gefühle aufzusaugen, zu verarbeiten und zurück in die Tasten fließen zu lassen, so klar wirkt ihre Interpretation. Sie begegnet Ustwolskaja mit Respekt und Unvoreingenommenheit.

Zwischen den einzelnen Sonaten bleibt es still. Keine Regung, kein Applaus. Stevanovich erzählt die Geschichte einer menschenscheuen Komponistin, die dennoch oder gerade deshalb ihre Gefühle erschütternd brutal nach Außen kehrte. Es ist eine Geschichte in sechs Kapiteln. Keiner wagt es, sie zu unterbrechen, sich den ungestümen Klangballungen entgegenzustellen.

Nach ihrem Auftritt wirkt Tamara Stefanovich erschöpft, als müsse sie sich von der Stunde, in der sie sich Galina Ustwolskaja so kompromisslos gestellt hat, erst wieder erholen. Auch das Publikum atmet auf. Und ist begeistert. Das Gefühlsexperiment hat funktioniert.

 

 


 
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