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„Glaube ist interkulturell“

9. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen
©Künstleragentur
Felix Knoblauch im Gespräch mit dem Kölner Trio Odilon, der Flötistin Helen Bledsoe, dem Bratscher Axel Porath und der Harfenistin Mirjam Schröder

Wie kam das Programm, das heute Abend erklingen wird, zustande und wie passt es mit dem Thema Musik und Glaube zusammen? Spielen Sie nur Repertoirestücke oder haben Sie für den Festivalanlass neue Werke erarbeitet?

Mirjam Schröder: Das Motto des Festivals Musik und Glaube wurde von ACHT BRÜCKEN vorgegeben, das Programm konkret von heute haben wir angeboten und haben es auch so schon gespielt.

Helen Bledsoe: Das neueste Stück „Bridges“ stammt von Ali Somay und passt besonders gut ins Programm. Hier wird eine Brücke in die Transzendenz gebaut. „New Gates“ von Kaija Saariaho war ursprünglich ein Ballettstück und soll, wie der Name schon sagt, Tore öffnen.

Axel Porath: Sofia Gubaidulina ist ohnehin eine Komponistin, die sehr gläubig ist und Religion sehr oft thematisiert. Deshalb haben wir sie ausgewählt.

 

Das ACHT BRÜCKEN-Magazin schreibt, dass die ON-Konzerte auch immer ein Experimentierfeld seien. Wo experimentieren sie denn in dem Konzertprogramm?

Porath: Wenn man Neue Musik macht, ist es generell immer mit einem Experiment verbunden. Auch Komponisten suchen und finden bestimmte Dinge, experimentieren also. Ein noch sehr junges Experiment ist bei uns das Werk von Ali Somay, einem jungen türkischen Komponisten. Wir haben das Werk 2011 bei ihm in Auftrag gegeben. Er war damals schon sehr weit in der Ausbildung, studierte zu dieser Zeit aber noch und kam auch häufig zu uns in die Proben, um verschiedene Sachen auszuprobieren. Das war unser Experiment.

 

Wie gehen Sie mit dem Thema Glaube um, wenn es ein türkischer Komponist thematisiert? Haben Sie zu der Musik einen unmittelbaren Zugang oder bleiben Ihnen bestimmte Dinge, vielleicht wegen kultureller und religiöser Unterschiede, verschlossen? Spielt dieser Unterschied in der Interpretation eine Rolle?

 

Schröder: Ali hat dieses Bild von hoch gewachsenem Gras gehabt, dass, wenn man irgendwo auf einer Wiese liegt und der wehende Wind Wellen schlägt. Er hatte dabei die Idee, dass genau dieser Moment das Gefühl von Transzendenz geben kann. Deshalb hat er auch in seinem Stück eine Art von Wellen komponiert. Da gibt es Formteile, die sich wiederholen und die das Stück sich irgendwie aufbauschen lassen. Das hat also nichts mit seiner Kultur zu tun, sondern viel mehr mit dem Bild von der Musik beziehungsweise dem, was er damit ausdrücken möchte.

 

Er komponiert in seinen Werken demnach keine konkrete Form von Religiosität, sondern eher eine Art Meditation oder generell Spiritualität?

Schröder: Wenn man jetzt etwas sucht wie Meditation bei Mönchen, also Gesänge oder Sprache, die sich immer wiederholen, dann ist das bei ihm nicht so. Es ist eher wie eine bewegte Wiederholung, die eben genau diese Wellen produziert, die er in seinem Bild beschreibt.

Porath: Das Thema Glaube ist interkulturell. Menschen, die an etwas glauben, gibt es in jedem Kulturkreis. Ob es nun religiös ist oder mit Natur zu tun hat, das gibt es überall.

 

Wäre dann auch das Stück von Sofia Gubaidulina kulturübergreifend verstehbar?

Porath: Das Stück ist ein Klassiker für unsere Besetzung, den wir schon seit Jahren im Programm haben.

Schröder: Die Komponistin ist eine sehr spirituelle Frau und hat sich selbst unglaublich viel mit den Religionen Buddhismus, Islam und Christentum beschäftigt. Sie hat sich aber auch immer als jemand zwischen den Welten gesehen. Sie beschränkt sich nicht auf das Christentum, sondern öffnet sich allen Kulturen. Das merkt man auch daran, dass sie aus Russland kommt und jetzt seit Jahren in Deutschland lebt, ohne sich in ihrem Leben eben durch Religion oder ähnliches beschränken zu lassen.

 

Wie vermittelt Gubaidulina mit ihrer Musik Spiritualität?

Bledsoe: Die Tonalität ist trotz vieler bekannter tonaler Elemente aufgehoben. Dennoch steht etwa der Dur-Dreiklang bei ihr für etwas Göttliches. Das Thema des Gartens, worauf ja im Titel des Stücks hingewiesen wird, ist in der östlichen Tradition etwas wie das Paradies. Musikalisch arbeitet sie mit drei Intervallen: der Prime, der Sekunde und der Sexte. Die kommen bereits ganz am Anfang in der Flöte vor und versinnbildlichen in ihrer Kombination das Göttliche und das Menschliche beziehungsweise deren Verbindung in der Musik. D-Dur hat hier also eine ganz besondere Bedeutung und darf nicht rein tonal oder funktional verstanden werden. Dazu kommen die Flageoletts, die ebenso thematisch verwendet werden.

 

Würden Sie sagen, dass man mit Musik konkret Inhalte transportieren kann oder ist es eher so, besonders wenn es um Transzendenz geht, dass Musik zu einer Art von Träger für Emotionalität wird und dass man durch Musik eher in einen bestimmten emotionalen Zustand gerät, der entsprechend besetzt ist? Können durch Musik konkrete religiöse Aussagen getroffen werden?

Porath: Ja klar. Musik wird sehr oft benutzt, um religiöse Botschaften zu übertragen. Es gibt ganz bestimmte Motive, etwa das „Dies Irae“, die, wenn sie in der Kirche erklingen, zumindest früher sofort erkannt wurden. Die Menschen wussten direkt, was damit gemeint war. Und natürlich gibt es die Kirchenmusik zur Unterstützung des Gottesdienstes, zur Untermalung oder Bestätigung des Gesprochenen Musik. Musik spielt in allen Religionen eine ganz wichtige Rolle und ich bin von ihrer Wirkung zutiefst überzeugt. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man über den Hinduismus, den Buddhismus oder den Islam spricht.

Schröder: Es ist natürlich nicht so, dass ich jetzt einen Baum in der Sonne als Vorlage habe und dieses Bild überträgt sich dann durch die Musik auf die Zuhörer. So einfach ist das leider nicht. Man kann nicht sagen, dass wenn wir spielen, alle Zuhörer religiös aus dem Konzert kommen.

Bledsoe: Musik kann man immer interpretieren. Aber die Wirkung, die sie auf die Menschen hat, die ist doch das Entscheidende.

 

Wir haben die Diskussion letztes Jahr bei ACHT BRÜCKEN mit dem Schwerpunkt „Musik und Politik“ ähnlich geführt. Woher soll ich wissen, dass bestimmte Intervalle Gott und die Menschen symbolisieren? Erfordert das Verständnis der Musik nicht auch einiges an Vorwissen?

Porath: Das ist ein Irrtum. Natürlich ist Vorwissen immer gut. Egal ob man sich jetzt ein Bild im Museum anguckt oder ob man sich ein neu gebautes Haus ansieht. Es ist immer schön zu wissen, wer die Dinge erschaffen hat und wieso das so gebaut ist. Trotzdem glaube ich daran, dass Musik auch einen emotionalen Aspekt hat, der sich erschließt, ohne Vorwissen zu haben. Viele Leute kommen in Neue-Musik-Konzerte und denken, sie könnten mit der Musik nichts anfangen, weil sie nichts darüber wüssten. Aber das ist falsch! Leute, die ohne Vorwissen, ohne überhaupt zu wissen, wie das Stück heißt, ins Konzert gehen, erleben meistens viel mehr als Leute, die sich denken, „eigentlich müsste ich mich jetzt erstmal genauer informieren“. Ich bin mir ganz sicher, dass Musik diesen unmittelbaren Zugang hat.

Schröder: Besonders gut kann man das beobachten, wenn Kinder Neue Musik hören. Die haben natürlich kein Vorwissen und die haben auch keine Vorbildung durch klassische Musik und die erwarten auch nicht, dass es nach etwas Bestimmten klingt. Die gehen einfach unvoreingenommen ins Konzert.

 

Solch unvoreingenommenen Hörern kann man dann über das reine Hören eine religiöse Erfahrung vermitteln?

 

Schröder: Mein Gedanke über Musik ist, dass sie so etwas wie eine Tür öffnet. Als Interpret hoffe ich dann natürlich, beim Zuhörer eine innere Tür zu öffnen. Ich hoffe, dass die Konzertbesucher etwas bei unserer Musik empfinden. Ich kann natürlich nicht beeinflussen, was empfunden wird, hoffe aber, dass er ein Stück weit durch die Musik in sich hinein hört. Ob Sie das nun eine religiöse Erfahrung nennen, bleibt Ihnen überlassen.

Porath: Ich kann eine Mozart-Messe in einer besonderen Kirche hören und das als spirituelle Erfahrung wahrnehmen. Ich kann sie aber auch beim Kochen hören und mich der schönen Melodien erfreuen. Gleichzeitig kann ich auch eine Symphonie in der Kirche hören und entsprechende religiöse Erkenntnis gewinnen. Natürlich hängt das auch immer von der inneren Einstellung ab. Von der Wirkung der Musik bin ich aber zutiefst überzeugt.

 

Muss man gläubig sein um ein solches Programm zu spielen?

Porath: Nein.

 

Muss man gläubig sein, um die Inhalte vermitteln zu können?

Porath: Das Missionarische lehne ich ehrlich gesagt ab. Wenn ich Neue Musik spiele, erwarte ich nicht, dass die Leute das bedingungslos lieben. Ich will es einfach gut machen. Ich will das, was ich mache, so gut machen, dass bei den Leuten etwas hängen bleibt. Man muss dazu auch nicht gläubig sein.

Schröder: Dass man gläubig sein muss, würden die Komponisten, die wir spielen, nicht so sehen. Ihnen kommt es nicht prinzipiell darauf an, eine bestimmte Art der Religiosität zu vermitteln, sondern eben auf das Suchen. Dazu muss man nicht gläubig sein. Man muss natürlich neugierig sein.

 

Was kann man denn in den fünf Tänzen von John Luther Adams suchen? Die fallen ja schon ein wenig aus der Reihe oder? Wie passen die in Ihr Programm?

Schröder: Ja, die fallen total aus der Reihe. Die sind vor allem sehr tonal. Sie sind eine Ergänzung und zeigen eine ganz andere Art des Komponierens. Die Idee des Acht-Brücken-Festivals ist ja auch, dass man sich nicht auf einen Kulturbereich beschränkt, sondern dass man auch verschiedene Vorstellungen von Religiosität präsentiert. Diese Inuit-Tänze haben einen sehr beschwörenden Charakter und somit natürlich auch ihren berechtigten Platz.

 

Wie funktioniert diese Beschwörung musikalisch?

Bledsoe: Die Tänze sind innermusikalisch extrem einfach. Es ist da eher eine Texturfrage. Die Stücke sind ein sehr wichtiger Punkt im Programm. Hier kommt etwas völlig anderes. Die Stücke von Gubaidulina, Saariaho und Somay sind sehr intensiv und haben eine extrem deutliche Klangsprache. Dann kommt plötzlich eine völlig andere, wieder tonale Klangsprache. Es ist eine Art Ruhepol im Konzertprogramm, eine andere Welt. Vielleicht eine ganz eigene Art des Suchens.

 

Was würden Sie Zuhörern empfehlen, die sich auf eine solche Suche begeben wollen?

Porath: Ohren auf. Einfach zuhören. Das ist einer der wenigen Wege einen Zugang zu Musik zu finden. Vielleicht sogar der einzige überhaupt. Den Kopf ausschalten, gar nicht viel nachdenken, sondern einfach zuhören.

Schröder: Ich würde mir wünschen, dass Leute immer gleich zuhören. Es macht keinen Unterschied, ob es ein Streichquartett von Beethoven oder ein Stück von Gubaidulina ist. Ob beide religiöse Gedanken hatten, spielt bei der Musik erstmal ja gar keine Rolle. Eine Botschaft kann man auch mitnehmen, wenn man sich nicht voreingenommen ins Konzert setzt, um gezielt auf bestimmte Dinge zu hören. Übrigens findet das Konzert ja auch in einer Diskothek statt. Hier findet üblicherweise ja auch eine Art von Spiritualität statt. Die Musik ist zwar eine andere, aber in sie hineinfühlen und mit ihr verschmelzen kann man natürlich trotzdem. In dieser Ungezwungenheit passt unsere Musik ja vielleicht sogar besonders gut an diesen Ort.

 


 
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