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Gleich einem Lichtstrahl

9. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

Nina Waldmüller

 

Von Felix Knoblauch

 

Mit Death of Light, Light of Death (1998) des Briten Jonathan Harvey eröffnet das Pariser Ensemble Intercontemporain sein Konzert in der Kölner Philharmonie. Das Stück für drei Streicher, Harfe und Oboe erzeugt mit seinen Schwebungsklängen von Anfang an eine packende Atmosphäre. Auffallend ist das zur Harfenistin gerichtete Tam Tam. Die Musikerin benutzte es, um mit sanften Schlägen die hellen Oboenlinien zu untermalen: eine Verkündigung. Begleitet von teils wirren, teils glasklaren Strukturen bahnt sich das Blasinstrument einen Weg durch das Musikgeflecht in diesem ersten Satz und endet mit einem Halteton alleine in der Höhe. Gleich einem Lichtstrahl ins Universum schickt der Oboist den Ton in den Konzertsaal. Er steht eine Weile im Raum, ehe er sich verflüchtigen darf. Man hat das Gefühl, den Tonstrahl nicht nur zu hören, sondern ihn in seiner ganzen Vollendung vor sich zu sehen. Sich Notizen zu machen scheint unangebracht, jedes noch so leise Bleistiftkratzen lässt das Papier knistern, hallt durch die konzentrierte Stille, stört. Niemand spricht. Niemand hustet. Niemand atmet. Fast wütend scheinen die anderen Instrumente ob dieser Schönheit und vereinen sich gegen Ende des Stücks zu einer die Oboe schluckenden Klangwolke, formieren einen Oktavklang. Das Werk endet einstimmig.

Dem Klang im Raum zusehen kann man auch in Johannes Maria Stauds Werken Par ici (2011) und dem uraufgeführten Par la. Hier faszinieren keine einzelnen Klangströme, sondern sich auftürmende Klangberge. Ruckartig und wiederholt aufs Neue stoppen sie mit bestechender Präzision. Dieses gelungene Philharmonie-Konzert verdankt sich nicht zuletzt der Leistung des Dirigenten Tito Ceccherini, der die Musiker zu einem geschlossenen Klangkörper verschmelzen lässt und dafür sorgt, dass sie einmal mehr das Programm des ACHT BRÜCKEN-Festivals überstrahlen.

Ein Klassiker der Neuen Musik gibt das Ensemble Intercontemporain mit Quatre chants pour franchir le seuil (1997/98). Gérard Griseys letztes Werk bildet den Höhepunkt seines Schaffens. Die Sopranistin Mélody Louledjian, von der Opernbühne kommend, überzeugt hier als Solistin. Wie ein Orchesterinstrument setzt sie ihre Stimme ein, wird so eins mit dem Ensemble. Dieses Zurückstellen der eigenen Person, eine der vielen Qualitäten aller Ensemblemitglieder, ist es wohl, was diese Grisey-Interpretation so besonders macht. Man erlaubt der Musik ganz für sich zu sprechen. Und genau das tut sie auch.


 
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