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Ustwolskaja – ein Selbstversuch

9. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen
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von Nina Waldmüller

Vor mir hämmert ein Mann auf eine Holzkiste. Ich sitze in der Kölner Zentralmoschee und höre zwei der Eröffnungskonzerte des Festivals ACHT BRÜCKEN: Es ist meine erste Begegnung mit den Werken der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja (1919-2006). Ich will unvoreingenommenen sein und bin gespannt, was mir das „Festival für Musik der Moderne“ näher bringen möchte. Dennoch wende ich mich bald hilfesuchend an das Programmheft. Es warnt mich: Die Künstlerin hat stets betont, ihre Musik solle man nicht analysieren. „Na toll“, denke ich voller Vorfreude. Ich soll das Konzert rezensieren.

Aufgeführt werden von Ustwolskajas Werken u.A. ein Duett für Violoncello und Klavier (1959) und die Symphonien 3, 4 und 5 mit den Titeln „Jesus Messias, errette uns!“ (1983), „Das Gebet“ (1987) und „Amen“ (1990). Sie alle sind laut, dissonant und gespickt mit Explosionen aus langen eintönigen Wiederholungen. Das Ensemble MusikFabrik wird von Lucas Singer und Stephanie Lesch ergänzt. Sie interpretieren christliche Texte in Russisch mit bedeutungsschwangerer Alt-Stimme. Leidend und leidenschaftlich wird hier jeder Buchstabe voll ausbetont und mit Nachdruck gen Himmel gerufen. Die hier offensichtlich verlangte Inbrunst wird jedoch nicht immer glaubwürdig erreicht.

Das knurren von fünf Kontrabässen und der Donner dreier großer Trommeln machen das Konzert zu einem körperlichen Hörerlebnis. Ich bin erschöpft – und sicher Ustwolskaja will nicht lieblich sein. Ihre Musik ist keine Unterhaltungsmusik. Ich will mehr wissen, in der Hoffnung das Gehörte zu entwirren.

Menschenscheu sei sie gewesen. Kontrollierend in der Publikation ihrer Werke und in der Preisgabe persönlicher Details. Im Jahre 2006 stirbt sie, mit nur 25 Kompositionen und wenigen Interviews unter ihrem Namen. Und immer wieder finden sich Bezüge zwischen Schaffensprozess und Spiritualität. “Meine Werke sind zwar nicht religiös im liturgischen Sinne, aber von religiösem Geist erfüllt, und – wie ich es empfinde – sie würden am besten in einem Kirchen­raum erklingen, ohne wissenschaftliche Einführungen und Analysen. Im Kon­zertsaal, also in weltlicher Umgebung, klingen sie anders…”, erklärt sie in einem davon.

Ich stelle also fest, dass ich ihre Werke unter optimalen Umständen wahrnehmen konnte – unwissend, unvoreingenommen und inklusive eigens entworfener Holzkiste von 43x43x43 Zentimetern. Ihr stilistischer Fingerabdruck sei „vielleicht schwer zu ertragen, weil sie so unheimlich expressiv ist“ beschrieb der Pianist Marino Formenti, doch in diesem Begriff finde ich dann endlich die Antwort auf die Fragen, die ihre Musik in mir aufwirft: Expression.

„Ich gebe alle Kräfte, zu Gott flehend, für mein Schaffen; ich habe mein Schaffen, meine Musik, nur meine!“, sagt Ustwolskaja. Jetzt, da ich gelernt habe, dass sie Musik als Medium zum Selbstausdruck gefunden hat, erkenne ich: ich muss ihre Musik nicht analysieren können, um sie zu begreifen. Das einzige das zählt ist der unmittelbare Eindruck.

Oft begegnet man Kommentare die Komponistin habe nur wenig von sich preis gegeben. Ich aber frage mich: Hat Galina Ustwolskaja sich nicht vollkommen offenbart? Ist die Vehemenz, mit denen sie ihre Musik belegt nicht Zeugnis ihrer Selbst? Der Kern einer tiefgründigen, pathetischen und zweifelnden Musikerin? So entschließe ich mich keine Rezension zu schreiben, sondern ihr eine Antwort zu geben auf den Kommunikationsversuch der mir hier so ehrlich und unverhüllt entgegenschallte. Sie lautet: „Es war schön dich kennenzulernen, Frau Ustwolskaja!“


 
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