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ACHT BRÜCKEN im Gespräch

10. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

ACHT BRÜCKEN Talk

Vier Schreibschüler talken über Steve Reichs Six Pianos

 

Die Begriffe U- und E- Musik sind heutzutage eigentlich nur noch musikwissenschaftliche Eingrenzungsmerkmale. Viel zu groß die Gemeinsamkeiten, viel zu fließend die Übergänge, um eine klare Linie zwischen E- und U zu ziehen. Eines der plastischsten Beispiele: Der Vergleich von Minimal Music, etwa der von Steve Reich, mit House & Techno, zum Beispiel dem Detroit House der 80er Jahre. Hauptmerkmal von beiden Stilen: Patterns, die sich immer wiederholen und aus kleinsten musikalischen Veränderungen ihre Spannung gewinnen.

Am Dienstag würdigte das Kölner ACHT BRÜCKEN Festival die Verbindung von Minimal Music und Techno. Der Blickfang des Programms: Lupenreine Minimal Music, Six Pianos von Steve Reich. An den Klavieren dagegen, keine klassischen Pianisten, sondern Musiker aus der Club-Szene. Zu finden sind Ihre eigenen Kompositionen irgendwo zwischen Elektro, Jazz, Urban und Pop.

Dazu hat die ACHT BRÜCKEN Schreibschule eine Gesprächsrunde veranstaltet. Zu Gast waren Franziska Kloos, Sophia Fischer und Marius Wurth. Moderiert wurde das Gespräch von Julian Bäder.

 

Julian Bäder: Six Pianos dauert ja in der Regel nur 15 Minuten, das ist kein abendfüllendes Programm. Was wurde denn noch gespielt?

Sophia Fischer: Am Anfang des Konzerts haben die sechs Pianisten eigene Kompositionen in verschiedenen Konstellationen gespielt. Dadurch hat sich jeder ein musikalisches Profil geschaffen. Selbst wenn man die Pianisten nicht kannte, hat man einen Eindruck von ihrem musikalischen Background bekommen.

JB: Und konkret? Welche Künstler waren denn da?

Marius Wurth: Der Initiator, von dem auch drei eigene Stücke gespielt wurden, war Gregor Schwellenbach. Der ist Mitglied bei dem Kölner Techno-Label Kompakt, welches mit eigenständigem Profil für einen gewissen Sound of Cologne in der Techno-Szene steht. Mit Erol Sarp war eine Hälfte der Grandbrothers da. Die verzahnen klassische Musik und elektronische Clubmusik miteinander. Hauschka arbeitet viel mit der Technik des präparierten Klaviers, im Stile John Cages. Zwei Mitglieder vom Ensemble Brandt Brauer Frick, die elektronische Clubmusik mit akustischen Instrumenten spielen. Als sechstes im Bunde war John Kamel Faraah dabei.

JB: Die Musiker haben ja alle ihren Schwerpunkt in der Clubszene. Gestern haben sie aber fast komplett akustisch gespielt. Wie wirkte das denn in der großen, ausverkauften Philharmonie?

Franziska Kloos: Wie wirkt das akustisch? Man hatte manchmal das Gefühl, da ist Hall drauf, und ich meine, dass hier diese Patterns ineinandergegriffen haben, dass es ganz leichte Verschiebungen gab. Und dadurch klang es wie ein Echo.

JB: Hauptmerkmal von elektrischer Clubmusik ist ja ein treibender Beat. Wie wurde die Musik gestern rhythmisch gestaltet?

SF: Das war unterschiedlich, ein Stück zum Beispiel hatte ein Ticken im Hintergrund, wie eine Uhr, die den Beat angegeben haben.

MW: Das war aber eher die Folge des präparierten Klaviers von Hauschka. Er hatte Löffel und Papier in den Flügelkasten, dieses leicht elektronische Klicken entstand.

JB: Am Montag hat der Gospelsänger Faada Freddy in der Philharmonie gespielt. Dort haben am Ende fast alle Zuschauer mitgetanzt. Gestern wurde ja auch Tanzmusik gespielt. Wie haben die Zuschauer darauf reagiert?

MW: Ich würde dagegensprechen, dass es wirkliche Tanzmusik ist. Eher würde ich es als Kopfmusik bezeichnen. Es kam auf jeden Fall sehr gut an mit minutenlangem Applaus am Ende. Das sehr heterogene Publikum war generell schon begeistert von der Vorstellung. Dabei waren auch viele Jüngere, die normalerweise nicht unbedingt in die Philharmonie gehen.

SF: Für mich war es eine schöne Verbindung, dass nach den eigenen Kompositionen Six Pianos von Steve Reich gespielt wurde. Durch den Bekanntheitsgrad der Künstler wurden sicherlich einige Besucher angelockt, die sich Steve Reich sonst nicht angenähert hätten.

MW: Dem würde ich definitiv zustimmen. Große Teile des Publikums waren auf jeden Fall wegen der einzelnen Pianisten dort, die in einem bestimmten hippen Umfeld Bekanntheit erlangt haben. Dann bekommt man davon Wind und geht auch mal in die Philharmonie, anstelle der typischen Clubs.

JB: Denkt ihr das Stück von Steve Reich hat bei diesen Zuschauern auch eine Wirkung gehabt?

MW: Kann ich nur schwer beantworten. Natürlich ist Steve Reich eigentlich jedem ein Begriff. Aber wie am Anfang bereits gesagt, denke ich, dass viele hauptsächlich wegen der Interpreten und nicht wegen des Stücks gekommen sind.

SF: Eine Faszination für das Stück war auf jeden Fall da. Vielleicht ist es ein guter Einstieg für viele, um sich mit weiteren Werken von Reich zu beschäftigen.

 

JB: Die Pianisten haben in der Konstellation wahrscheinlich davor noch nie zusammengespielt. Und jetzt mit Six Pianos direkt einen richtigen Hammer. Wie hat das funktioniert?

FK: Also, man hat hauptsächlich Gregor Schwellenbach gesehen als jemanden, der Kontakt zu den anderen Musikern hat. Ich hatte so ein gemischtes Gefühl: Dass die alle sehr bei sich sind, weil diese Musik eben Versenkung verlangt; aber dass sie eine offene Wahrnehmung für diese Mitmusiker haben.

SF: Ich habe das Stück Gestern das erste Mal Live gehört und war etwas enttäuscht. Es hatte für mich nicht diesen meditativen Effekt, den ich erwartet hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob es an der Besetzung lag aber oft konnte man die Phasenverschiebung und die Einsätze der Pianisten sehr gut verfolgen. Ich konnte mich nicht so sehr in das Stück hineingeben, wie ich es mir gewünscht hätte. Trotzdem ist es faszinierend, dass ein solches Zusammenspiel überhaupt möglich ist. Ich würde das Stück gerne nochmal live sehen, dann aber mit einer anderen Besetzung, vielleicht eher mit klassisch ausgebildeten Pianisten.

FK: Stimmt. Oft waren die Einsätze deutlicher, und wenn dann ein Pattern in einer Stimme weiterging, dann haben sie sich ein bisschen zurückgenommen. Ob das jetzt was mit, mit ihrer Ausbildung zu tun hat, weiß ich nicht.

JB: Hatte man denn das Gefühl, dass die Musiker das Stück verstanden und ernstgenommen haben oder haben sie sich eher daran abgemüht?

FK: Die hatten total Spaß, oder?

MW: Ich denke auch, dass sie das vollkommen ernst genommen haben. Weshalb auch nicht? Wenn man vor 2200 Leuten spielt, dann kann man da nicht mit der falschen Einstellung reingehen. Die waren bestimmt gut vorbereitet und voll bei der Sache. Zumal das Stück eine ungeheure Konzentration verlangt.

JB: Das Acht Brücken Festival steht dieses Jahr unter dem Überbegriff: Musik & Glaube. Dieses Konzert war eines der Wenigen, in dem ich den direkten Bezug zwischen Musik & Glaube schwer herstellen konnte. Wo habt ihr die Verbindung zum Glaube gesehen?

MW: Glaube impliziert ja nicht immer direkt was Religiöses. Wenn man an etwas glaubt muss es ja nicht direkt ein Gott sein. Ich gehe davon aus, dass man beim Kirchenbesuch auch versucht in einen anderen, meditativen Geisteszustand zu kommen. Ich glaube da ist so die Verbindung.

SF: Würdest du wirklich von einem anderen Geisteszustand sprechen?

MW: Teilweise schon.

SF: Ich denke es geht um diese kollektive Meditation, die so ein bisschen angepriesen wurde. Das passt ganz gut zu Musik und Glaube, ohne, dass es einen wirklichen religiösen Hintergrund gibt. Für mich hat das Gestern nur leider nicht ganz funktioniert.

JB: Brücken zu bauen ist ja ein bisschen das Motto des Acht Brücken Festivals. Wo wurden diese gestern gebaut. Nur zwischen Techno und Minimal Music oder auch darüber hinaus?

FK: Gute Frage. Vielleicht war es eine Brücke, um Leute an einen Ort, nämlich die Philharmonie, zu bringen, den sie sonst nicht betreten, weil dort Hochkultur gemacht wird.

SF: Vor einigen Wochen gab es hier in der Philharmonie den Vorfall, dass ein Stück von Steve Reich sehr negativ vom Publikum aufgenommen wurde. Schlussendlich musste der Pianist sogar die Interpretation abbrechen. Jetzt war es natürlich interessant zu sehen, wie Six Pianos ankommt. Die Philharmonie war ausverkauft und das Publikum wirklich begeistert! Ich finde, dass man das durchaus als Brücke zum Publikum bezeichnen kann.

JB: Vielen Dank für das Gespräch.


 
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