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Große Fragen, bunte Antworten

10. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

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Das WDR-Sinfonieorchester Köln bei ACHT BRÜCKEN

 

Von Miriam Zeh

 

Es war ein Konzert, das die großen Fragen der Menschheit stellte. Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Und was soll das alles überhaupt? Jedes Stück, das am 7. Mai 2016 um 20 Uhr in der Kölner Philharmonie erklang, suchte nach Antworten. Und jedes Stück begann diese Suche an einem anderen Ort. So band das WDR Sinfonieorchester Köln, dirigiert von einem wunderbar dynamischen Michael Wendeberg, einen kölsch-bunten Strauß an Weltanschauungen, Glaubenssätzen und Existenzphilosophien.

Jonathan Harvey (1939-2012) sucht in Tranquil Abiding (1998) Versenkung in einer ruhigen Beständigkeit der Sinne. Die Komposition bildet einen langsamen durchgängigen Atemrhythmus ab, die meditativen Harmonien werden zu klangschönem Yoga. Eine Musik, durch die sich die Aufmerksamkeit nach innen richtet, auf den eigenen Körper.

Alles andere als Kontemplation dagegen vertont Galina Ustwolskaja (1919-2006) in ihrer Sinfonie Nr. 2 (1979). Das Klavier lässt sie mit Fäusten malträtieren, auf die Trommel brutale Schläge eindreschen. Ein Sprecher (Mark Zak) brüllt verzweifelt die immer gleichen Worte: „O! Herr!“ Herausragend bei diesem Stück die Leistung des Orchesters. Mark Zak jedoch verkrampft sich zu starren Trotzgesten und reagiert kaum auf die Nuancen des Orchesters. Nichtsdestotrotz ein kraftvolles, ja gewalttätiges Stück. Ein Schrei nach Sinn, gerichtet an einen erbarmungslos grausamen Gott.

Auch der Titel von Jay Schwartz’ (*1965) uraufgeführtem Werk Quaerendo invenietis entstammt dem christlichen Kontext. Das lateinische „Quaerendo invenietis“ („Im Suchen werdet ihr finden“) spricht Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 7,7). Doch schnell wird klar, dass Schwartz einem anderen Schöpfer huldigt: Johann Sebastian Bach. Mit „Quaerendo invenietis“ hat dieser protestantische Urvater der Harmonie seine letzten beiden Kanons im „Musikalischen Opfer“ überschrieben. Aus ihrem Thema regius entwickelt Schwartz seine Streichermusik. Doch übernimmt der amerikanische Komponist nicht einfach das Bach’sche Motiv. Als „Flirt“ mit dem tonalen Material bezeichnet er selbst sein Vorgehen. Nicht der Dreiklang an sich, sondern das Gleiten durch die Harmonie interessiere ihn. So ist es der Sog der Tonalität, den Schwartz immer wieder sucht. Durch spannungsvolle, beinahe quälend langsame Glissandi lässt Schwartz‘ Stück jede endlich erreichte Konsonanz umso strahlender aufleuchten. Ein Effekt, der in seiner Banalität fasziniert, und eine Freude am neckischen Spiel mit dem alten Material. Direkt ansteckend.

Anstelle naiver Spielfreude begegnet uns beißender Zynismus in Friedrich Goldmanns De profundis (1975). Das erst im Nachlass des Ostberliner Komponisten (1941-2009) aufgetauchte Stück fügt sich kontrastierend in den Kontext des Abends. Denn De profundis verschließt sich jeder Hoffnung auf Trost, nichts Liebliches finden wir in Goldmanns perkussiver Kampfmusik.

Am Ende des Programms steht Charles Ives Unanswered Question (1908). Den Abend der großen Menschheitsfragen resümiert es treffend – frei nach Brecht: Wir stehen selbst enttäuscht und hör’n betroffen, Konzert vorbei und alle Fragen offen.

 

 


 
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