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Die Passion aus Sicht der „anderen Maria“

13. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

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Deutsche Erstaufführung von John Adamsʼ Oratorium „The Gospel According to the Other Mary“

von Inga Trost

Mit dem ersten Ton ist klar: Kelly O´Connor regiert den Saal. Sie singt Maria Magdalena in John Adams „The Gospel According to the Other Mary“. Die Geschichte spielt in der Gegenwart und erzählt die Passion Jesu aus die Perspektive der anderen Maria.

Totenstille, als sie berichtet, wie sie im Stadtgefängnis nackt ausgezogen und auf Drogen untersucht wird. O´Connors faszinierend facettenreiche Stimme ist die einer Maria, die rau ist, hart und kämpferisch; die Verzweiflung kennt, Schmutz, und Ausgestoßen sein. “Ich werde Jungen dazu bringen, sich leere Flaschen an ihrer Stirn zu zerschlagen.“ Zusammen mit ihrer Schwester Martha (Tamara Mumford) hilft sie arbeits- und obdachlosen Frauen in ihrer neu gegründeten Einrichtung.

John Adams und Librettist Peter Sellars verwenden neben der Bibel u.a. Texte der katholischen Sozialistin Dorothy Day oder der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrichs. Die biblischen Texte werden immer wieder verknüpft und nehmen den Zuhörer mit an politische Schauplätze oder in stinkende Stadtviertel. Manchmal sind die Textcollagen skurril. Die Erzähler (das sind die Countertenöre Daniel Bubeck, Brain Cummings und Nathan Medley) berichten von Jesu Kreuzigung und Tod. Daraufhin singt Maria Madgalena von schlüpfenden Fröschen im Teich, deren Gequake sie in einer Frühlingsnacht an den Rand des Teiches lockt. Daraufhin singen die Countertenöre wieder von Jesu Tod. Irritierend zu Beginn, dann aber wird klar, hier wird die Auferstehung Jesu antizipiert.

Solche Überraschungen kennt auch die Musik. John Adams, der ehemalige Minimalist, verknüpft Bekanntes mit Neuem. Formal bezieht er sich auf Bachs Passionen: Fugen, murmelnde Turbaechöre. Die Orchesterbegleitung ist immer präsent, summt, schwebt und pulsiert. Überraschend dabei immer wieder das Hackbrett; sowieso ist Adamsʼ Instrumentierung sehr farbenfroh. Er arbeitet nach dem Motto: viel hilft viel.

Adams baut fortwährend weite Brücken zwischen verschiedenen Texten, Lautstärken, Orten. Er wandert von Golgotha nach Mexiko und wieder zurück. So weit entlegen die Orte, so variantenreich Marias Charakter: mal agiert sie schonungslos brutal, dann wieder liebevoll, sinnlich.

Nicht alle Zuschauer haben diese ausschweifenden Bögen ausgehalten und haben sich schon in der Pause verabschiedet. Das kann nicht an der Leistung der Musiker gelegen haben. Sie waren fantastisch: Markus Stenz (Dirigent), Chor und Orchester des Netherlands Radio, Daniel Bubeck, Brian Cummings und Nathan Medley als Erzähler sowie Tamara Mumford als Martha, Zach Borichevsky als Lazarus und (großartig) Kelly O´Connor als Maria Madgalena. Sie hat auch den letzten Winkel der Philharmonie mit ihrer warmen Stimme erfüllt und ihrer Kraft unterworfen. Diese Aufführung und dieses Werk sind eine Bereicherung für jeden, der sich darauf einlässt!

 

c_Inga_Trost


 
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