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„I believe“

13. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

c_David Evers

Von Franziska Kloos

„I have a dream“, so heißt Martin Luther Kings berühmte Rede von 1963. Er hat damit die essentielle Forderung der Bürgerrechtsbewegung auf den Punkt gebracht: gegenseitiger Respekt und Friede. Angesichts zunehmender Fluchtbewegung und weltweiter Konflikte ist das Thema erschreckend aktuell. Zum diesjährigen ACHT BRÜCKEN-Festival-Motto „Musik und Glaube“ passt das perfekt. Und „I believe“ hieß die Sonntags-Matinée am 8. Mai.

Wayne Marshall betritt die Bühne, kurze Verbeugung, los geht’s. Die Noten bleiben zu. Mit tänzerischem Schwung dirigiert er, spiegelt Verve und Esprit der Musik Bernsteins. Und „Lenny“ lässt sich in seinen „Chichester Psalms“ (1965) für Orchester, Chor und Countertenor ein Augenzwinkern nicht verbieten. Selbstironisch spielt er mit Hörerwartungen, ist seinem harmoniebedürftigen Publikum wohlgesonnen, irritiert nur kurzzeitig, liebenswürdig-harmlos bleibt er im 7/4-Takt. Die Musik ist wunderschön, fast zu schön. Es ist ein Genuss, dem Countertenor Alon Harari zuzuhören. Er spannt große Bögen, seine Stimme leitet elegant ins Orchester über. An die „West Side Story“ erinnert diese von Psalm-Texten inspirierte geistliche Musik. In den ausgewählten Zitaten geht es um Lobpreis, Ehrfurcht und Gottvertrauen.

Bedeutet der Rückbezug auf Religion per se die Reduzierung musikalischer Mittel? Verliert ein Komponist an Wagemut, wenn er religiös wird und hört er auf zu träumen? Oder besinnt er sich aufs Wesentliche? Samuel Barber hat sein berühmtes Streicher-Adagio von 1936 erst gut dreißig Jahre später mit dem Agnus-Dei-Text unterlegt. Nach tonal mutigeren Stücken fand er so zu seinem Frühwerk zurück. Ausgerechnet in der Auseinandersetzung mit Religion schaute Barber in seine musikalische Vergangenheit. Mit Recht, möchte man sagen, wenn man das höchst expressive Ergebnis hört. Spät löst sich hier die angestaute Spannung: alle Stimmen in hoher Lage. Entrückend.

Handfester: Naji Hakims 2012 entstandenes Orchesterstück „Aalaiki’ssalam“, also „Friede sei mit dir“. Das Stück ist eine späte Reaktion auf den Libanonkrieg 2006 und besteht aus sieben Variationen über einen maronitischen Mariengesang. Von wechselnden Rhythmen getrieben, schwungvoll präsentiert sich das Thema. Ein bisschen akademisch wirkt es aber schon, wenn Hakim das Thema über Marsch, Habanera und den türkischen Aksak variiert. Gleichwohl: Die Musik funktioniert, entbehrt aber eines wirklich starken Ausdrucks, ist vorhersehbar und etwas langweilig. „Aalaiki’ssalam“ lebt von musikalischen Einflüssen aus der ganzen Welt. Doch bleibt die Pointe aus, der Traum wirklicher Aussöhnung. Alles steht unvermittelt nebeneinander und ist gefällig.

Wo Martin Luther King an den Mut seiner Mitmenschen appellierte, bleibt bei Barber, Bernstein und Hakim die Gnade Gottes, auf die man hoffen darf. Und das Publikum braucht sich deswegen keiner Verantwortung mehr zu stellen. Nach dem Konzert überlagern sich die Meinungen: „War wieder schön gewesen.“, „Toll, was für eine Stimme!“… Man ist bereit fürs sonntägliche Mittagessen, erleichtert, dass das Konzert keine größere geistige Anstrengung abverlangt hat, wie das bei ACHT BRÜCKEN sonst manchmal passiert. Und es war alles nur ein Traum.

 

 


 
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