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Die Radio Happenings mit John Cage und Morton Feldman

13. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen
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Von Margarete Buch

Insgesamt fünfmal trafen sich John Cage und Morton Feldman in den Jahren 1966/1967 im Studio des amerikanischen Hörfunksenders WBAI vor dem Mikrophon. Die Radio Happenings wurden als Texttranskription  (englisch und in deutscher Übersetzung) sowie als Audiodokument auf DVD im Kölner Verlag MusikTexte veröffentlicht.

Die Edition ist eine kostbare Quelle für alle, die sich für John Cage oder Morton Feldman und dem New Yorker Kulturleben der 1960er Jahre interessieren. Ihre Freundschaft begann schon 1950 bei einer schicksalshaften Begegnung in der New Yorker Philharmonie. Erst durch John Cage gewann Morton Feldman an Vertrauen in seine Arbeiten. Auch wenn Cage stellenweise dominiert, erlebt man kollegiale Gespräche auf Augenhöhe. Freundschaftliches Lachen und gelassenes Schweigen erzeugen Dynamik, nicht der Streit um die Meinungshoheit.

Hört man Morton Feldman und John Cage bei ihren gemeinsamen Gesprächen zu, ist es, als würde ihre Musik in Worten erklingen. Vor allem bei dem ersten Radio Happening ist es daher unerlässlich, sich auch die Gespräche anzuhören. Die hier sehr assoziativ aneinandergefügten Aussagen mit vielen Metaphern bilden erst durch den spezifischen Tonfall und der Stille zwischen den Wörtern ein inhaltliches und vor allem ästhetisches Ganzes. Die Gespräche verlangen Konzentration, denn Morton Feldman und John Cage sind nicht nur gute Redner, sondern noch bessere Zuhörer. Trotz minutenlangen Abschweifens gehen sie auf vorangegangene Bilder und Zusammenhänge ihres Gegenübers ein. In diesen Fällen stellt sich der Nutzen der aufwendigen Transkription dieser Dialoge heraus: Sie hilft, den Verlauf der Gespräche in allen Nuancen nachzuvollziehen.

Da die wichtigsten Werke von Feldman erst in den darauffolgenden Jahren entstanden sind, befand er sich während der Radio Happenings in einer Findungsphase als Komponist. Cage komponierte in diesen Jahren Variations VI und VII und publizierte seine Essaysammlung A Year from Monday. Die Komponisten sprechen wenig über ihre eigenen Arbeiten. Eingangs wird die Funktion des Radios kritisch hinterfragt, die Diskussion um die Omnipräsenz der Massenmedien ist in der Musik also alles andere als neu. Damait leiten sich auch die Fragen nach der Definition von Kunst und der Rolle des Komponisten ab, die beide mehrmals aufgreifen. Die Vertreter der Zweiten Wiener Schule und die Musik von Edgard Varése sorgen bei Cage und Feldman für Redebedarf. Auf Grund der Fülle der Themen und besprochenen Personen, die aus allen Kunstsparten und diversen Wissenschaften stammen, fällt es schwer, hier eine Auswahl zu treffen. Was am Ende vor allem deutlich wird, ist das intellektuelle Umfeld, der Zeitgeist, der die Komponisten bewegte. Möchte man der Musik von John Cage und Morton Feldman näherkommen, sollte man diese Publikation lesen und hören.

 


 
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