Blog
back

Ustwolskaja verstehen

18. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

Widmann, Carolin

Johannes Zink und Mariya Kautz im Gespräch mit der Geigerin Carolin Widmann

 

Zweifellos war das Konzert am 9. Mai im WDR Funkhaus am Wallrafplatz einer der Höhepunkte des diesjährigen ACHT-BRÜCKEN-Festivals. Auf dem Programm – Kammermusik von Galina Ustwolskaja und Martin Smolka. Carolin Widmann und Nicolas Hodges führten ihr Publikum an die zerreißenden Extreme der Musik. Nach so einer intensiven und kraftraubenden Aufführung fand Caroline Widmann genügend Zeit für jeden ihrer Verehrer, sogar für einen Hochschulstudenten, der sich bei ihr über die Interpretation der Ustwolskajas Violinsonate beraten ließ. Und auch die Journalisten kamen nicht zu kurz.

Zink: Galina Ustwolskaja. Das erste Wort, was mir in den Sinn gekommen ist, war „eigenwillig“. Und zwar im Sinne: Musik mit ihrem eigenen Willen. Wo liegt der Wille dieser Musik?
Widmann: Ich hab ein Zitat von Galina Ustwolskaja gelesen, in dem sie beschreibt, wie weit es mit ihr kommen muss, damit sie überhaupt eine Note niederschreibt. Es muss ein existenzieller Kampf mit einer Krise vorangegangen sein, bis sie eine fast spirituelle Erleuchtung mit Gottes Hilfe hat. Erst dann kann sie eine Note niederschreiben. Und das spürt man so sehr in ihrer Musik, dass nichts beliebig ist und dass alles wirklich aus dem Innersten herausgepresst ist. So entsteht eine Art Konzentrat, das unglaublich anstrengend für den Zuhörer und auch für den Interpreten ist, weil es eben auch für den Komponisten so anstrengend war. Ich glaube, selbst wenn ich das Zitat nicht kennen würde, überträgt sich diese Notwendigkeit und diese unglaubliche Dringlichkeit trotzdem auf die Musik.

 

Zink: Das ist, meiner Meinung nach, eine sehr kompromisslose Musik, die sie schreibt. Nun liegen zwischen den beiden Stücken, die ihr gespielt habt, zwölf Jahre. Das heißt, sie sind in sehr unterschiedlichen biographischen Abschnitten entstanden. Ich habe stark das Empfinden gehabt, es sind zwei vollkommen anders formulierte Stücke, in denen sich doch einige Gemeinsamkeiten ausmachen lassen. Das erste Stück – in einer sehr stark den Kontrapunkt betonten Schreibweise, in der sehr stark das Motorische und das fast ins Banale gehende Geigenmotiv im Vordergrund steht. Und das Andere, das Zweite – irgendjemand hat gesagt „Galina Ustwolskaja – die Frau mit dem Hammer“. Wie findest Du die Andersartigkeit dieser beiden Stücke?

Widmann: Im Extremen unterschiedlich und doch ganz eindeutig beides – Galina Ustwolskaja. Im ersten Stück, das ich zusammen mit Nicolas Hodges gespielt habe, steht natürlich das Lineare sehr im Vordergrund, wie ein Kontrapunktübungsheft – so kommt es mir wirklich vor. Aber die Ausbrüche sind noch nicht so ganz extrem. Natürlich haben wir da auch in ein dreifaches Fortissimo, aber in dem Stück, das wir am Schluss gespielt haben, gibt es diese riesigen Sprünge im fünffachen Fortissimo und diese ewig langen Noten, die noch ein crescendo drauf haben, obwohl da schon ein fünffaches Forte steht. Das ist etwas sehr Ustwolskaja-Typisches, auch in der anderen Kammermusik – diese extreme Dynamik, die auch das Instrument und den ganzen Körper in der Aufführung einfach aufbraucht. Das ist eben noch viel extremer im zweiten Stück vorhanden, das wir am Schluss gespielt haben. Beide Werke haben ihre Qualitäten. Das eine ist eben das Frühwerk und das andere das Spätwerk.

 

Zink: Die beiden Stücke ziehen sich am Ende sehr in eine defensive, in eine ganz fragile Klanglichkeit zurück. Wie würdest Du das interpretieren?

Widmann: Das ist oft der Fall bei Ustwolskaja. Ich glaube, sie würde mit diesem Moment des Lautesten nicht gerne aufhören, weil sie das als das Lauteste vielleicht gar nicht interessiert. Es ist eine Art des Höhepunkts, aber selbst über die Pianissimi am Schluss steht auch noch espressivo. Es könnte auch eine Art Höhepunkt sein. Meiner Meinung nach stellt sie das Ganze ein bisschen in Frage, dass etwas, was laut ist, wichtiger ist, als etwas, was leise ist. Ustwolskaja testet diese Extreme aus. Ich glaube, es wäre dann zu banal, einfach an dem lautesten Punkt aufzuhören. Das denke ich – ich kann sie leider nicht mehr fragen. Aber so kommt mir das Ganze vor und so hat das Stück in beiden Fällen noch ein großes Geheimnis, weil man irgendwie schon weggeht und sich fragt, was das war. Mir geht es zumindest so.

 

Zink: Inwieweit ist die Musik von Ustwolskaja abhängig von ihrer Biografie? Sie führte ein sehr besonderes Leben und musste ein sehr eigenwilliger und eigenartiger Mensch gewesen sein. Wo findest Du das in ihrer Musik wieder?
Widmann: Genau in diese Eigenwilligkeit und Eigenartigkeit. Ich hab das Gefühl, das sie eine Komponistin ist, der es so überhaupt nicht darum geht, wie das ankommt bei den Leuten. Das ist ihr so was von egal. Es geht Ustwolskaja darum, eine Musik zu schreiben, die sie schreiben muss, um zu überleben. So kommt es mir wirklich vor – so was Extremes und so was Emotionales. Das ist überhaupt nicht auf Äußerlichkeit bedacht. Zum Beispiel, wenn man sagt: „Das ist die „Frau mit dem Hammer“. Klar, der Hammer kommt eben oft vor. Auch ich muss am Schluss der Violinsonate auf die Geige klopfen. Aber, ich glaube, das ist gar nicht die Lautstärke, die die Komponistin interessiert, sondern dieses Körperliche, dieses Material Holz und dieser Puls, der durch das gesamte Stück geht und eben am Schluss durch diese Art Herzschlag fortgesetzt wird – direkt am Korpus des Instruments. Wieviel näher kann ich dem Instrument, der Seele des Instruments noch kommen als auf das Holz, auf den Körper zu klopfen? Da bleibt nur die Resonanz vom Körper und sonst ist nichts mehr übrig. Man ist dann quasi beim „Skelet“. Ich habe das Gefühl, dass die Biografie von Ustwolskaja in ihre Musik einfließt, genauso wie diese Radikalität, die Notwendigkeit, die Ausbrüche, diese Extreme so in ihrer Biografie und in ihrer Musik zu sehen sind. Aber wenn ich nichts von ihrer Biographie wüsste, wäre es völlig klar, dass sie so ein Mensch sein muss, wenn ich diese Musik höre. Und das ist, wie bei kaum einem anderen Komponisten so eins zu eins verbunden.

 

Zink: Das Motto des diesjährigen ACHT BRÜCKEN Festivals ist „Musik und Glaube“. Wie hängt die Musik von Ustwolskaja mit dem Glauben zusammen? Sie sagt immer, sie schreibt aus religiösen Beweggründen heraus, die ja nicht so ganz im offiziellen Sinne religiös sind. Ustwolskaja ist also nicht sehr kirchlich orientiert gewesen, sondern hatte ihre, in gewisser Weise, eigene Form der Spiritualität. Wie würdest Du das bewerten? Äußert sich diese Musik in irgendeine Weise religiös oder ist das eigentlich ein aufgesetzter Oberbegriff?

Widmann: Das ist etwas, was ich oft bei den Russen sehe. Es ist gar nicht so sehr die Religion, also das Christentum, an sich. Das hat vielmehr mit Spiritualität zu tun, ein bisschen sogar mit Okkultismus. Es sind, denke ich, oft auch die dunklen Kräfte, die in der russisch-orthodoxen Kirche irgendwie eine Rolle spielen. Es ist viel romantischer, als es bei uns in Deutschland im Christentum ist. Aber das ist nur meine Meinung und ich bin kein Experte dafür. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass das eher in so eine Richtung Eingebung geht. Ich habe ein paar Texte von Ustwolskaja gelesen, wo sie sagt, dass sie solange wartet, bis es ihr eingegeben wird und bis der Moment richtig ist, dass sie etwas niederschreibt. Und in die Richtung geht es auch. Es muss nichts mit der Person Jesus zu tun haben und hat eben doch mit so einer Person Jesu zu tun, wenn sie doch sehr religiös ist. Also Spiritualität, Offenheit für Kräfte, von denen wir rational nichts wissen, und Religiosität – das ist ganz eng verwoben bei Ustwolskaja. Nun ist sie leider tot und wir können sie nicht mehr fragen. Aber von den Leuten, die ich kenne und die Ustwolskaja noch gekannt haben, scheint es diese Mischung gewesen zu sein, die sie auch interessiert hat, auch bei der Aufführung übrigens. Die Aufführung ihrer Werke ist wirklich wie eine kultische Aktion. Und das kann ich absolut nachvollziehen. Es ist etwas, das mit einem geschieht als Interpret, wenn man sich darauf einlässt, was absolut umwerfend ist. Man kann sich dem nicht wirklich entziehen. Das kann man nicht wiederholen oder man kann das nicht reproduzieren, oder auch nur nachvollziehen. Selbst bei einem kleinen Durchlauf, den wir gemacht haben vor dem Konzert, kommt man in dieser Trance, in diesen Rausch und in diese Ekstase, würde ich sagen, die wirklich unbeschreiblich ist. Und es ist schon ein toller Zustand, wenn die Musik das mit einem schafft.

 

Kautz: Spüren Sie in Ustwolskajas Musik den Einfluss von Schostakowitsch?
Widmann: Ja, unglaublich. Aber sie ist viel besser und krasser als Schostakowitsch – jedenfalls für mich. Persönlich finde ich es Wahnsinn. Diese Melodie [Widmann spielt], das ist so sehr Schostakowitsch. Es gibt ein paar Abfolgen, die mich so an ihn erinnern und trotzdem nicht er sind. Denn Ustwolskaja macht alles ganz anders. Sie kopiert ihn überhaupt nicht. Ich hab gehört, dass er ihr nach zehn Jahren Beziehung einen Heiratsantrag gemacht hat. Ustwolskaja hat ihn abgelehnt und gesagt, dass sie ihn als Mensch und als Komponist widerwertig und abstoßend findet. Und das ist ein Statement nach zehn Jahren Beziehung.

Ustwolskaja unterscheidet sich von Schostakowitsch auch durch die ungewöhnlichen Besetzungen. Die konventionellen Besetzungen sind bei ihr selten. Ich glaube, sie ist einfach noch eine Spur widerborstiger als Schostakowitsch. Man muss sich schon drauf einlassen, damit man das alles aushält. Schönheit ist bei Ustwolskaja auf der Metaebene zu suchen. Ihre Musik ist auf den ersten Blick nicht schön, das kann man so nicht sagen. Aber auf der Metaebene der Metaebene der Metaebene wird sie einfach vollkommen. Und für mich ist das eine tiefere Schönheit als die, die einem auf der Oberfläche entgegen strahlt.

 

Zink: Wobei das hat auch seine lyrischen Momente, die dann sehr ins Extreme gehen. Das ist eigentlich so eine übersteigerte Lyrik, die sich in dieser Musik abspielt, an die man sich im Vergleich mit anderen Konzepten lyrischer Musik erstmals gewöhnen muss. Ustwolskaja scheint mir so eine Persönlichkeit zu sein, die sehr das Extreme ausreizt.

Kautz: Aber was möchte sie uns damit sagen?
Widmann: Ich glaube, dass es ihr gar nicht darum geht. Das muss so sein. Das Stück muss so raus, weil sie es jetzt so eingegeben bekommen hat. Aus. Und ich glaube nicht, dass eine essenzielle Aussage dahinter steckt. Es muss so sein. Punkt. Dieses Stück ist so. Und das spüre ich in der Musik.

 

Kautz: Dem Zuhörer, mir zumindest, tut Ustwolskajas Musik weh. Tut sie Ihnen und Ihrem Instrument auch weh?
Widmann: Ja. Ganz genau. Es tut wirklich weh. Auch körperlich. Die Haut auf den Fingern reißt. Die Saiten schneiden irgendwann wirklich in die Finger und man hält irgendwann die Intensität von dem Fortissississimo, was dann noch innerhalb von acht Schlägen ein Crecsendo haben soll, kaum aus. Man denkt, hoffentlich hält die Saite durch und reißt nicht, hoffentlich hält die Geige durch. Aber das ist auch eine sehr interessante Grenzerfahrung.

 

Zink: Aus der Zuhörersicht ist man ein bisschen ratlos.

Widmann: Natürlich. Das hab ich auch schon erlebt bei Ustwolskaja.

 

Zink: Ich kann mir auch vorstellen, dass das möglicherweise bei dieser Art von Musik auch eine Ratlosigkeit auslöst, die vielleicht schon Richtung Ablehnung gehen kann.
Widmann: Ja klar. Und das ist Ustwolskaja völlig wurscht. Das ist ihr egal.


 

Ustwolskaja verstehen

18. Mai 2016     |    Kommentare geschlossen

Widmann, Carolin

Johannes Zink und Mariya Kautz im Gespräch mit der Geigerin Carolin Widmann

 

Zweifellos war das Konzert am 9. Mai im WDR Funkhaus am Wallrafplatz einer der Höhepunkte des diesjährigen ACHT-BRÜCKEN-Festivals. Auf dem Programm – Kammermusik von Galina Ustwolskaja und Martin Smolka. Carolin Widmann und Nicolas Hodges führten ihr Publikum an die zerreißenden Extreme der Musik. Nach so einer intensiven und kraftraubenden Aufführung fand Caroline Widmann genügend Zeit für jeden ihrer Verehrer, sogar für einen Hochschulstudenten, der sich bei ihr über die Interpretation der Ustwolskajas Violinsonate beraten ließ. Und auch die Journalisten kamen nicht zu kurz.

More


 
Email
Print