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Eine Stichprobe zeitgenössischer Komposition

4. Juli 2016     |    Kommentare geschlossen

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ein Kommentar von Insa Murawski

 

Das Finale des diesjährigen Kompositionswettbewerbs des Festivals ACHT BRÜCKEN hätte in keinem passenderen Ambiente abgehalten werden können: Die Kunststation St. Peter vereint den (in diesem Fall katholischen) Glauben, Topos des diesjährigen Festivals, mit zeitgenössischer Kunst. Eine Gemeinde, in der die Kirchenmusik nicht mit dem 18. Jahrhundert endet – eine erfrischende Ausnahme!

Hier wurden also die beiden Finalwerke des Wettbewerbs uraufgeführt. Angekündigt waren drei, aber laut Jurymitglied Rupert Huber gingen die allermeisten Einsendungen an der Ausschreibung vorbei. Gesucht wurde nach einem Vokalsextett. Die meisten Kompositionen waren wohl aber schlicht nicht umsetzbar, da die Anforderungen nicht den Möglichkeiten eines Sängerensembles entsprachen.  So kamen also in diesem Finale nur zwei Stücke zur Aufführung. Beide Werke stammten von Komponistinnen, ein seltenes, aber aus Gender-Perspektive sehr erfreuliches Ereignis!

In kurzen Interviews wurden die beiden jungen Frauen vorgestellt und sprachen über ihre Musik. Catalina Ruedas „Duo Seraphim“ liegen drei verschiedene Texte zugrunde, der lateinische Psalmtext Duo seraphim clamabant, Joachim Burmeisters Es ist genug und eine Volksweise in Quechua, die ins Deutsche übersetzt mit Ich kostete meine eigenen Tränen betitelt ist. Thematisiert werden die Krise der katholischen Kirche und eine Krise, die nicht die Menschen in ihrem Glauben an Gott haben, sondern eine Krise, die Gott mit der Menschheit hat. Die musikalische Ausarbeitung zeigte sich als extrem anspruchsvoll. Die Stimmgabeln glühten zwar, dennoch meisterten die Kölner Vokalsolisten diese große Aufgabe und zeigten sich durch den ganzen Abend sehr überzeugend.

„Duo Seraphim“ eröffnet eine spannende klangliche Welt, die von Aufruhr erzählt, die klagt, und die Irritation und Zweifel äußert. Jedoch wäre das Stück aus kompositorischen Gesichtspunkten eher für einen Bläsersatz geeignet, gerade auch wegen vieler Passagen, die ohne Text, nur auf Vokalen gesungen werden. Hier setzt Catalina Rueda die Stimmen bewusst wie Instrumente ein, so erklärte sie im Interview.

Agnė-Agnetė Mažulienės Stück „Kleine Wünsche“ fußt mit der Vertonung eines alten Psalmenbuches nicht nur textlich im Mittelalter, es hat auch die Alte Musik als Ausgangspunkt. Vor allem die mittelalterliche Quartharmonik, aber auch die Form mit ausgedehnten Solopassagen versetzt den Hörer in eine andere Zeit zurück. Dem Stück liegt eine grafische Partitur zugrunde, die zum einen Gesangbüchern des Mittelalters nachempfunden ist, in denen die Stimmen so angeordnet sind, dass alle Sänger bequem aus einer Ausgabe lesen können. Zum anderen unterstreicht die Form der Notation die Struktur des Stücks und ist bestrebt, auf diesem Weg die Brücke in die Neuzeit zu schlagen. „Kleine Wünsche“ ist handwerklich präzise geschrieben, es zeigt sich als abgerundetes Werk und schafft seine sakrale Atmosphäre. Dennoch steht die Frage im Raum: Warum schreibt man heutzutage solche Musik? Und, um hier das Ergebnis zu verraten: Wie kommt es, dass diese Musik einen Kompositionswettbewerb gewinnt?

Aufschluss darauf gibt uns Huber: Er äußerte nicht nur Kritik an den Einsendungen zu diesem Wettbewerb sondern zu der aktuellen Lage der Komposition für Vokalisten im Allgemeinen. Der Großteil sei viel zu anspruchsvoll bis nicht umzusetzen. Schuld daran habe hauptsächlich die Ausbildung junger Komponisten an den Musikhochschulen. Hier läge ein unverhältnismäßiger Fokus auf der Instrumentalmusik – die Vokalmusik werde fast völlig ausgeklammert. Da sei es kein Wunder, dass junge Komponisten nicht wüssten, wie man für ein Vokalensemble schreibt.

Dies impliziert auch den Hauptgrund für die Vergabe des ersten Preises an Agnė-Agnetė Mažulienė: Ihr Werk ist authentisch vokal, absolut gesanglich. Huber lobte zudem die Ernsthaftigkeit, Schlichtheit und Unbeirrtheit.

Auch ich halte „Kleine Wünsche“ für ein sehr gelungenes und ästhetisch äußerst ansprechendes Stück. Dennoch wirft diese – nach handwerklichen Gesichtspunkten absolut nachvollziehbare – Juryentscheidung Fragen bei mir auf. Sollte es nicht die Aufgabe eines Kompositionswettbewerbs sein, eine junge Generation von Komponist*innen darin zu bestärken, neue klangliche Wege zu beschreiten? Wie können diese Wege in der Vokalmusik aussehen, wenn Atonalität nur eingeschränkt umgesetzt werden kann? Sich in so großem Ausmaß bei der Alten Musik zu bedienen, scheint mir nicht die beste Lösung zu sein. Ich finde es durchaus legitim, Interpreten vor große Herausforderungen zu stellen – gerade dann, wenn inhaltlich Konflikte ausgetragen werden, wenn verhandelt wird. In dieser ersten Aufführung von „Duo Seraphim“ hat man den Kampf mit dem Notentext hören können, aber: Er ist programmatisch. Zweifel und Irritation sind semantischer Kern des Stücks, also warum sollten sie nicht erklingen dürfen?
Auch auf der textlichen Ebene ist Catalina Rueda im Heute angekommen, indem sie einen kritischen Umgang mit Religion thematisiert. Die Misere der christlichen Kirche in der Neuzeit ist nicht zu leugnen und es bedarf einer kritischen Auseinandersetzung, um möglicherweise Änderungsprozesse in Bewegung setzten zu können.
Letztendlich zeigt sich dieser Kompositionswettbewerb als ein Spiegel der aktuellen Lage zeitgenössischer Musik. Die beiden extrem unterschiedlichen Werke repräsentieren die Diversität der Neuen Musik, aber auch ihre Richtungslosigkeit. Und schließlich zeigt sich an diesem Wettbewerb der enorme Diskussionsstoff und die vielfältigen Meinungen und Werturteile, die aktuelle Komposition zu Tage bringt.


 
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