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Mit ‘Festspiele’ getaggte Artikel

Diese Klanglichkeit! Publikumsbeobachtungen unter ACHT BRÜCKEN

17. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Nach außen unkenntlich gab es in unserem Seminar einen „blinden Passagier“. Taub war er keineswegs, wie seine Einlassungen unter Beweis gestellt haben. So auch diese Glosse, die von ganz besonderen Erfahrungen mit dem Festivalpublikum zeugt…

„Neue Musik“? Wer versteht schon etwas davon. Aufmerksam und interessiert wird das Geschehen in den Konzerten verfolgt. Die Gespräche über das Gehörte fallen dagegen recht einfach aus. Krönende Feststellung eines jeden Foyerplausches: Die unfassbare Klanglichkeit dieser zeitgenössischen Musik. Inmitten der schwadronierenden Masse findet sich ein freischaffender Komponist. Dieser stimmt eine Lobeshymne über den genialen Boulez an, um am Ende von seinem Gegenüber zu erfahren, dass er Webern gehört hat. Nicht besser ist ein Kulturschaffender, der aufgrund eines fehlenden Programmzettels von drei vorzutragenden Stücken ausgeht. Das Letzte davon soll Boulez sein. Nach dem dritten, erfolgreich gezählten Stück erklärt er: „Es ist schon erstaunlich, wie schnell der persönliche Zugang zu den Werken von Boulez mit dem Fortschreiten des Festivals wächst.“ Bevor er sich nach dem Applaus erheben kann, erklingt der eigentliche Boulez. Ertappt, versucht er seine Fassade zu wahren. Geradezu sympathisch treten da zwei Gewinner von Freikarten auf, die nach ihrem ersten „klassischen“ Konzert ihre Unvertrautheit mit dieser Musik offen preisgeben.

Daran erkennt man diese Kulturbanausen. Solch ein unangemessenes Verhalten kann man dem vermeintlichen Bildungsbürgertum nicht vorwerfen. Hier weiß man noch was Rückgrat heißt. Es bedarf nämlich viel Mutes und jahrelanger Übung, durch geschickte Gesprächsführung die eigene Unkenntnis zu vertuschen. Ob das Brücken baut, sei dahingestellt.

Tim Wendhack, Düsseldorf

schön, rein, kristallin und kalt

17. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Und die ersten Festivalrezensionen treffen ein: wie hier von Rainer Nonnenmann.
http://www.ksta.de/html/artikel/1305566339004.shtml

Der auch noch gleich einen Kommentar geschrieben hat:
http://www.ksta.de/html/artikel/1305566339010.shtml

Der erste Eindruck vom ersten Mal

15. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Nicht nur das Festival Acht Brücken findet zum ersten Mal statt, sondern auch die dazugehörige Schreibschule. Sonja Rehberg, die uns leider etwas früher verlassen musste (um mit Herrn Schuhbeck zu kochen) schickt Liebesgrüße aus Würzburg.

Wir sind jung, wir sind Studenten, wir gehen gerne Trinken und sind lange unterwegs. Wenn in Köln was steigt, sind wir auch gleich da. Weil wir Spaß haben wollen.

Trifft alles zu.

Wir sind jung und sind Studenten, deshalb wollen wir lernen und Erfahrungen sammeln. Wenn wir nichts mehr in unseren Kopf bekommen, trinken wir gerne ein Kölsch. Eines, nach getaner Arbeit, spät am Abend, bevor wir uns zu fortgerückter Stunde dann doch noch einmal an unseren Schreibtisch setzen. Und dennoch, wir haben richtig Spaß dabei, an der Schreibschule zum Festival Acht Brücken.

Am Sonntag, den 08.Mai haben wir uns alle eingefunden. Vor der Pforte der Kölner Philharmonie gerätselt, ob der oder die da auch dazugehören. Ob die nach „Schreiben“ aussehen. Empfangen haben uns dann alle, die uns in den kommenden acht Tagen in die Welt des Schreibens, der Rezensionen, Kommentare und Glossen einführen möchten. Das haben Sie getan, mit unglaublichem Wissen, Freude an der Arbeit und Interesse an unseren Interessen. Alle unter einen Hut zu bekommen, ist Ihnen, unseren Dozenten, wahrhaft gelungen. Der Eine hat bisher noch nie geschrieben, der Andere tut es, weiß aber nicht, ob es richtig ist. Wir sind Studenten der Musikwissenschaft, des Musikjournalismus, der Philosophie oder der Germanistik. Kommen aus dem ganzen Land und haben uns damit rumgeschlagen, für die Zeit, in der auch der Eurovision Song Contest nahe des Acht Brücken Festivals stattfindet, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Wir haben einiges auf uns genommen und das war gut so. Es hat sich gelohnt.

Jeden Morgen Seminare zum Schreiben, zur Pressearbeit und auch zum Thema Radio, jeden Mittag haben wir das Mittagessen im sogenannten Lunchkonzert ebenfalls mit dem Musikhören verbunden, jeden Nachmittag saßen wir am Schreibtisch und haben versucht, auf das Papier zu bekommen, was wir gehört und empfunden hatten. Abends gab es dann musikalischen Nachschub. Die Augenränder wurden größer, die Stimmung dennoch nicht weniger enthusiastisch.

Zum Ende der Woche hin dann die nackte Wahrheit. Was war gut, was schlecht, was könnte man wie anders machen. Hart aber ehrlich und vor allem hilfreich und somit auch das, was wir haben wollten. Eine offene Meinung. Die Schreibschule hat uns allen gezeigt, wo wir stehen und wie wir weitermachen können. Gleichzeitig haben wir Gleichgesinnte getroffen, Spaß gehabt und unglaublichen musikalischen Input bekommen. Wir werden sie weiterempfehlen, die Schreibschule. Angeblich soll es nach dem ersten Mal ja noch besser werden.

Sonja Rehberg, Würzburg

Intendant stehen die Haare zu Berge…

15. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

… dank der bezaubernden Maskenbildnerin von der Oper am Rhein ist die Angelegenheit bald geglättet.

… das künstlerische Betriebsbüro der Acht Brücken ist in eine verwickelte Angelegenheit verstrickt.

… aus der es noch strahlender als zuvor hervorgeht.

… weil das Abschlusskonzert eine Sixties-Party werden soll.

… lernt die Schreibschule nach dem Hochstapeln das Hochstecken.

Beethoven ist nicht gleich Beethoven. Über einen Vortrag von Alexander Gurdon

13. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Warum gehen Sie ins Konzert? Um Beethoven zu hören, oder um die Berliner Philharmoniker zu hören? Ist die Partitur das musikalische Werk, oder ist es erst die Interpretation? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Vortrag von Alexander Gurdon von der TU Dortmund, der als öffentlicher Vortrag im Rahmen der Schreibschule des Festivals ACHT BRÜCKEN – Musik für Köln am Mittwochnachmittag in der Philharmonie stattfand.

Resultat der Ausführungen Gurdons zum Werkbegriff: Erst im Zusammenhang mit der konkreten performativen Interpretation, die die Interpretation des Notentextes mit einschließt, kann die Partitur als Werk gelten, denn jede Partitur lässt Unterschiede in der Aufführung zu. Ein Konzert ist somit ein Kunstwerk für sich.

Anschließend führte der Dozent in drei grundlegende Interpretationsarten nach Jürgen Stenzl ein: die espressivo-, die neusachliche und die historisierende Interpretation. Am relevantesten ist dabei heute die seit den 1920er Jahren dominierende neusachliche Interpretationsart. Sie verpflichtet sich, dem Notentext möglichst nahe zu kommen. Als Kriterien, anhand derer die Einteilung in die genannten Interpretationstypen vorgenommen werden kann, nannte Gurdon zum einen Authentizität, also Partiturtreue, zum zweiten Autonomie, womit die Eigenständigkeit der Interpretation als Kunstwerk gemeint ist, und drittens Tradition. Unter Tradition ist dabei wiederum die Zuordnung zu einzelnen Schulen oder Aufführungstraditionen zu verstehen. Forschungen haben nämlich ergeben, dass sich nach objektiven Maßstäben eindeutige Zuordnungen von performativen Interpretationen zur beispielsweise deutschen, russischen oder französischen Aufführungstradition tätigen lassen.

Der theoretischen Einführung folgte ein praktischer Abgleich: anhand von Hörbeispielen verschiedener Interpretationen von Beethoven, Mahler und Vivaldi konnten sich die Zuhörer selbst von den gravierenden Unterschieden in der Aufführungspraxis überzeugen. Mit Begeisterung plauderte Gurdon dabei „aus dem Nähkästchen“, jedes Beispiel wurde mit Hintergrundinformationen zu den Interpreten und ihrer möglichen Verbindung zum Komponisten unterfüttert. Ein spannender und lehrreicher Vortrag, dem gut zu folgen war, und bei dem am Ende eindeutig klar war: Beethoven ist nicht gleich Beethoven…

Leonie Scupin, Witten

Die Stimmen der Schreibschule

13. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Autor zu sein, bedeutet nicht zuletzt, eine eigene Stimme zu entwickeln. Zunächst aber hat auch jeder Autor eine Stimme. Wie diese einzusetzen ist, wie sie sich mit anderen Stimmen mischt, was das für Folgen hat – für die Sprache, für die Stimme -, haben wir in einem wirklichen Crash-Kurs erarbeitet. Aufgabenstellung Mittwochmittag – Produktion Donnerstagmorgen. Das wäre selbst für Profis ein harter Stiefel.

In drei Gruppen haben die Stipendiaten der Schreibschule von ACHT BRÜCKEN Musik für Köln sich Gedanken über einen Radiobeitrag gemacht, zwei Gruppen haben einen eigenen Beitrag verfasst. Sämtliche Teilnehmer durften die Erfahrung sammeln, in einem Studio des WDR zu arbeiten und dort die Möglichkeiten ansatzweise kennen zu lernen, die es für die Musikvermittlung am Radio gibt – und natürlich auch, welche Fehler man machen kann, wo die eigenen Stärken, wo die Arbeitsfelder liegen.

An einem intensiven Studiotag haben die Stipendiaten so einen Einblick in die Arbeit für den Rundfunk gewonnen. Und hier: sind die Ergebnisse.

Beitrag von und mit (in order of appearance):
Philipp Weismann, Iris Mencke, Tim, Evegenij Dvorkin in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken – Schreibschule – Livre pour Quatuor – Diotima

Beitrag von und mit (in order of appearance):
Alexander Kleinschroth, Frederike Arns und Michael Rothmann in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken – Schreibschule – Boulez, Sisyphos und der Geist der Rebellion

„Stimmproben“ von :
Anne Orschiedt, Ruth Köhler, Lea Herrscher, Sibille Heine, Julia Blank, Leonie Scupin, Konstantin Flegelskamp, (in in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken Schreibschule Gruppe2 Stimmproben

Warum nicht experimentell? Quatuor Diotima spielt Boulez, Webern und Dutilleux

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Grau in grau mit roten Socken. So präsentierte sich das Diotima-Quartett äußerlich. Vier identisch gekleidete Musiker betreten am Mittwochabend die Bühne des WDR Funkhauses. Im Gegensatz zum vorangegangenen Konzert, als dort bei Boulez’ „sur Incises“ mit drei Harfen, drei Klavieren und Schlagwerk energetische Klanglawinen durch den Saal rollten, wartete das Festival ACHT BRÜCKEN nun mit intimer Kammermusik auf– das aber nicht minder kraftvoll.

Mit Anton Weberns Streichquartett op. 28 entfaltete sich sofort der energetische Ansatz des Quatuor Diotima. Aus tiefstem Inneren strömte die Kraft jedes Musikers in die Saiten, ungemein homogen verbinden sich die daraus entstehenden Klänge. Kein „Schönklang“. Im Gegenteil: Das Werk verlangt diese raue, fast schroffe Behandlung. Gleißende Glissandi, preschende Pizzicati. Immer wieder die aus der Tonfolge B-A-C-H entwickelten Ableitungen: „Es ist immer dasselbe, nur die Erscheinungsformen sind anders“, so Webern – die perfekte universelle Antwort auf so vieles?

Herni Dutilleux und Pierre Boulez kennen einander zwar, mit der Musik des jeweils anderen konnten sie jedoch noch nie viel anfangen – zu unterschiedlich die eigenen ästhetischen Vorstellungen. In der Tat: Unterschiedlicher als die beiden aufeinander folgenden Werke„Ainsi la nuit“ und „Livre pour Quatuor“ geht es kaum. Bei Dutilleux gibt es dicht ineinander geschobene Klangflächen, immer wieder scharf torpediert von rasch übereinander gesetzten Klangstrukturen. Spätromantischer Gestus; Motivketten, die dramaturgische Entwicklungen durchlaufen. Die Großform ist geschlossen. Geschlossen und Abgeschlossen. Nicht so bei Boulez: Das „Livre“ ist bis heute Fragment.

Auch eine Aufführung der bekannten Kapitel des „Livre“ von Boulez sind eine Rarität, dabei stellt es eines seiner zentralen Werke dar. Zu komplex, zu schwierig? Das Quatuor Diotima wagte das Experiment und spielte es nun selbst zum ersten Mal im Konzert. Es gelang dem französischen Quartett erstklassig; die vier Musiker waren musikalisch perfekt aufeinander abgestimmt und zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Die Körperbewegungen des Quartetts waren bis in die Fingerspitzen formvollendet, jeder der Musiker fügte sich in die sensible Choreographie. Nach jedem abgeschlossenen Formabschnitt schien für einen Moment die Zeit stillzustehen, wenn die Musiker wie eingefroren in ihren Bewegungen verharrten. Das uniforme Dress des Quatuor Diotima war so nur äußerlich eine Spiegelung seiner inneren Einheit. Warum ausgerechnet rote Socken? Warum nicht.

Julia Blank, Karlsruhe

Ein origineller Teamplayer. Manu Katché und Band bei ACHT BRÜCKEN

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Manu Katché hat etwas, worum ihn viele Musiker beneiden. So wie einst Glenn Gould, Charlie Parker oder Stevie Ray Vaughan – mögen sie in Frieden ruhen – verfügt der Schlagzeuger über einen Personalstil, den man sofort wieder erkennt. Mit seiner Band ist Katché nach längerer Tourpause jetzt wieder nach Deutschland gekommen. Dank ihm zeigte sich das vor allem auf Neue Musik ausgerichtete Kölner Festival „ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln“ zum Einstand auch auf für die Jazzfans von seiner besten Seite.

Bekannt geworden ist Manu Katché als rhythmisches Rückgrat der Bands von Peter Gabriel und Sting. Seine Originalität speist sich aus mehreren Quellen. Zunächst wurde Katché zum klassischen Percussionisten ausgebildet, bald aber entdeckte er Rockmusiker vom Schlag des irrwitzigen Police-Drummers Stewart Copeland und die Jazz-Tradition für sich. Das typische, so lässige wie poetische Spiel auf den vielen kleineren und größeren Becken macht ihm so schnell keiner nach. Bei ECM hat Katché seit 2004 drei schöne Jazzalben unter eigenem Namen veröffentlicht, die dem Sound von Manfred Eichers Münchner Edel-Label eine weitere schimmernde Facette hinzugefügt haben.

Auf der Bühne bekommen die Stücke aus Manu Katchés wachsendem Katalog eine neue, rauere Gestalt. „November 99“ zum Beispiel kennt man als meditativen Opener von Katchés Platte „Neighbourhood“, an der unter anderem Tomasz Stanko und Jan Garbarek mitarbeiteten. Zwar lehnt sich Tore Brunborg am Sopransaxophon ein wenig an Garbareks sanft glänzenden Ton an, ansonsten baut sich hier jedoch ein erheblich größeres Energielevel auf. Das ist auch den kräftigen Blockakkorden des Pianisten Baptiste Trotignon zu verdanken, der kurz zuvor als special guest auf die Bühne gesprungen war.

Auf mehr als einer Albumlänge könnten Katchés Stücke leicht ein wenig gleichförmig erscheinen, wäre da nicht der Wille der Band, immer wieder in unvorhergesehene Richtungen auszubrechen. Ohne Vorwarnung kann der vorherrschende subtile Groove in einen Swing-Rhythmus übergehen oder sogar eine Spur Avantgarde einfließen. Als Zugabe spielte Manu Katché ein Solo, das leider vor allem laut und schnell ist. Im Vergleich erkennt man hier erst richtig, wie gut der Mann als intelligent im Bandgefüge mitfühlender Teamplayer ist.

Nach dem Konzert stehen draußen eine Handvoll Leute zusammen, einige andere stoßen dazu. „Und“, fragen die, „wie war´s?“ „Großartig“, antwortet einer, „es war so…“, und dann versagt ihm die Sprache. Stattdessen bildet er mit allem, was die Stimme hergibt, Manu Katchés Schlagzeugkunst nach und faucht wie tausend Crashbecken. Dieser Sound, er sagt mehr als alle Worte.

Alexander Kleinschrodt, Bonn

Wohlklang der Strukturen. Ensemble Intercontemporain mit Schlüsselwerken von Pierre Boulez

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Dass Pierre Boulez und die Musikkritik einer Meinung sind, war in den letzten Jahrzehnten nicht unbedingt der Regelfall. An einem Punkt herrscht jedoch Einigkeit: „Le Marteau sans maître“, Boulez’ 1953 entstandene Vertonung und Überschreibung von Gedichten des Surrealisten René Char, zählen sowohl der Meister selbst als auch die geneigte Öffentlichkeit zu seinen stärksten Werken.

Beim Kölner Festival „Acht Brücken“ waren die neun Sätze des „Marteau“ wieder einmal mit dem von Boulez gegründeten Ensemble Intercontemporain zu hören. Im Funkhaus des WDR führte nun Pascal Rophé die sechs Instrumentalisten, die das Stück verlangt, mit messerscharfen Gesten durch die Partitur.

Auch feine Details kann man bei ihnen deutlich heraushören, das Verschmelzen von einzelnen Instrumenten und der Altstimme zum Ende etwa. Diese mit verschiedenen Vokaltechniken durchsetzte Partie übernahm Isabel Soccoja, sie war buchstäblich über Nacht für die erkrankte Susan Bickley eingesprungen. Auch in den Grenzbereichen ihres Stimmumfangs kann Soccoja kontrolliert und rund singen: Aus den teils fragilen Strukturen des „Marteau“ hört man überraschenden Wohlklang aufsteigen. Bedenkt man die Würde des Ortes – im großen Sendesaal des WDR feierten in den 1950er Jahren viele wichtige Werke ihre Premiere –, man kann fast von einer authentischen Aufführung sprechen.

Später dann springen Rophé und das Ensemble mit Boulez’ „sur Incises“ allerdings mitten in die Gegenwart. Im Vergleich mit dem älteren Werk herrscht in der Komposition von 1998 nahezu barocke Fülle. Es gibt hier Dinge zu hören, die sich der junge Boulez niemals gestattet hätte – Tonrepetitionen, pianistisch dankbares Klavierspiel und hämmernde Unisono-Schläge des ganzen Ensembles zum Beispiel. Während im „Marteau sans maître“ zum Ende mehrere Gongs eingeführt werden, erscheinen hier unvermittelt jamaikanische Steel Drums. Die kennt man sonst eher von fröhlichen Straßenmusikern.
Geschrieben ist „sur Incises“ für je drei Harfen, Klaviere und Schlagzeugspieler. Mit dieser Besetzung realisiert Boulez Echoeffekte und merkwürdige Mischklänge, manchmal tun sich dadurch Ähnlichkeiten zu den zeitgleich entstandenen „Anthèmes II“ für Violine und Live-Elektronik auf. Was dort erheblichen technischen Aufwand nötig macht, gelingt hier mit den Bordmitteln neurer Instrumentationskunst.

Die handfest zupackende Interpretationskunst des Ensemble Intercontemporain gibt den Festivalbesuchern aber noch eine weitere Einsicht mit auf den Weg in die schwüle Frühlingsnacht. Boulez hat einmal geschrieben, es erscheine ihm „nicht unpassend, wenn ein Konzert etwas demonstriert“. Dieses Programm beweist, dass in seinem Fall das Klischee vom ungestümen Frühwerk und aufs Wesentliche konzentriertem Spätschaffen gründlich in die Irre geht. Die Paarung lautete vielmehr: junger Poet trifft alterswilden Unruheständler.

Alexander Kleinschrodt, Bonn

Pierre Boulez erklärt Sur incises
http://www.youtube.com/watch?v=500M4J-Qrbw
http://www.youtube.com/watch?v=8hYYcx_4RTA&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=ZuTOq6Qg65s&feature=player_detailpage

Werkdetails zu Marteau sans maître
http://brahms.ircam.fr/works/work/6981/

Ein feiner Zug. Tripclubbing im Alten Wartesaal

10. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Fanfaren und Außerirdische: Die Musique concrète trifft auf die elektronische Musik von heute. Welcher Ort eignet sich für solch eine Begegnung? Jenseits der edlen Strenge der Philharmonie: Im Alten Wartesaal präsentierte die Kompositionsklasse der Kölner Hochschule für Musik und Tanz unter der Leitung von Michael Beil fünf Uraufführungen. Die Kompositionen wurden häufig durch Videos ergänzt. Die Reihe Tripclubbing schlug eine Brücke zwischen akademischer Musik und Clubkultur.

Im Gegensatz zum vorangegangenen Konzert wurde ein verspielter und erfrischend unprätentiöser Ton angeschlagen. Die erste Komposition mit dem geheimnisvollen Titel „80|97|99|105|102|105|99|32|50|51|49“ von Sergeij Maingardt für elektronische Video- und Audiozuspielung basierte auf industriellen Rhythmen, harschen Klängen und aufgenommenen Geräuschen sowie den Bildern fahrender Züge, die zunehmend vom Konkreten ins Abstrakte manipuliert wurden: Züge wurden zu Pixeln in Schwarz, Weiß und in zahlreichen Grautönen.

Für große Aufmerksamkeit sorgte das Werk, „JOIE“ von Lisa Streich. Ein unter der Decke befestigtes Cello wurde darin mit unterschiedlichen elektromechanischen Techniken zum Klingen gebracht und der Klang daraufhin auf die Reise durch den Wartesaal geschickt. Maschinenartige Sounds sorgten für Glücksgefühle.

Die letzte Komposition des Abends mit dem Titel „RéCITAL pour une femme seule“ von Matthias Krüger spielt womöglich auf die „Symphonie pour un homme seul“ von Pierre Schaeffer und Pierre Henry an, die Gründerväter der Musique concrète und sorgte zuweilen für allgemeine Heiterkeit. Das Scheinwerferlicht wurde hin und wieder auf eine junge Frau geworfen, welche auf einem Podest sitzend in einen Schlauch sprach. Die Stimme wurde derart stark verfremdet, dass man glauben könnte, einem Wesen vom Stern Sirius begegnet zu sein. Stockhausen hätte seine Freude daran gehabt.

Als Austragungsort für die bereits etablierte Reihe Tripclubbing scheint der Alte Wartesaal angemessen zu sein. Im gedämpften Licht hat an diesem Abend niemand bloß gewartet. Es wurde mit Spannung gelauscht. Die Lounge-Atmosphäre war eine willkommene Abwechslung zum Philharmonie-Besuch und eine genutzte Gelegenheit, einem Publikum aus Jung und Alt die fernen Klänge näher zu bringen.

Pierre Boulez konnte die Musique concrète nicht ernst nehmen. Nichtsdestotrotz wurde in den Kompositionen dieses Abends als Ausgangsmaterial unter Anderem die Étude aux Chemins de Fer von Pierre Schaeffer verwendet. Diese Gründungsfanfare der Musique concrète wurde zu durchaus reifen und abwechslungsreichen Kompositionen Anno 2011 weitergeformt. Ein guter Zug.

Evgenij Dvorkin, Köln

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