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Mit ‘Musik für Köln’ getaggte Artikel

Diese Klanglichkeit! Publikumsbeobachtungen unter ACHT BRÜCKEN

17. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Nach außen unkenntlich gab es in unserem Seminar einen „blinden Passagier“. Taub war er keineswegs, wie seine Einlassungen unter Beweis gestellt haben. So auch diese Glosse, die von ganz besonderen Erfahrungen mit dem Festivalpublikum zeugt…

„Neue Musik“? Wer versteht schon etwas davon. Aufmerksam und interessiert wird das Geschehen in den Konzerten verfolgt. Die Gespräche über das Gehörte fallen dagegen recht einfach aus. Krönende Feststellung eines jeden Foyerplausches: Die unfassbare Klanglichkeit dieser zeitgenössischen Musik. Inmitten der schwadronierenden Masse findet sich ein freischaffender Komponist. Dieser stimmt eine Lobeshymne über den genialen Boulez an, um am Ende von seinem Gegenüber zu erfahren, dass er Webern gehört hat. Nicht besser ist ein Kulturschaffender, der aufgrund eines fehlenden Programmzettels von drei vorzutragenden Stücken ausgeht. Das Letzte davon soll Boulez sein. Nach dem dritten, erfolgreich gezählten Stück erklärt er: „Es ist schon erstaunlich, wie schnell der persönliche Zugang zu den Werken von Boulez mit dem Fortschreiten des Festivals wächst.“ Bevor er sich nach dem Applaus erheben kann, erklingt der eigentliche Boulez. Ertappt, versucht er seine Fassade zu wahren. Geradezu sympathisch treten da zwei Gewinner von Freikarten auf, die nach ihrem ersten „klassischen“ Konzert ihre Unvertrautheit mit dieser Musik offen preisgeben.

Daran erkennt man diese Kulturbanausen. Solch ein unangemessenes Verhalten kann man dem vermeintlichen Bildungsbürgertum nicht vorwerfen. Hier weiß man noch was Rückgrat heißt. Es bedarf nämlich viel Mutes und jahrelanger Übung, durch geschickte Gesprächsführung die eigene Unkenntnis zu vertuschen. Ob das Brücken baut, sei dahingestellt.

Tim Wendhack, Düsseldorf

schön, rein, kristallin und kalt

17. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Und die ersten Festivalrezensionen treffen ein: wie hier von Rainer Nonnenmann.
http://www.ksta.de/html/artikel/1305566339004.shtml

Der auch noch gleich einen Kommentar geschrieben hat:
http://www.ksta.de/html/artikel/1305566339010.shtml

Beethoven ist nicht gleich Beethoven. Über einen Vortrag von Alexander Gurdon

13. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Warum gehen Sie ins Konzert? Um Beethoven zu hören, oder um die Berliner Philharmoniker zu hören? Ist die Partitur das musikalische Werk, oder ist es erst die Interpretation? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Vortrag von Alexander Gurdon von der TU Dortmund, der als öffentlicher Vortrag im Rahmen der Schreibschule des Festivals ACHT BRÜCKEN – Musik für Köln am Mittwochnachmittag in der Philharmonie stattfand.

Resultat der Ausführungen Gurdons zum Werkbegriff: Erst im Zusammenhang mit der konkreten performativen Interpretation, die die Interpretation des Notentextes mit einschließt, kann die Partitur als Werk gelten, denn jede Partitur lässt Unterschiede in der Aufführung zu. Ein Konzert ist somit ein Kunstwerk für sich.

Anschließend führte der Dozent in drei grundlegende Interpretationsarten nach Jürgen Stenzl ein: die espressivo-, die neusachliche und die historisierende Interpretation. Am relevantesten ist dabei heute die seit den 1920er Jahren dominierende neusachliche Interpretationsart. Sie verpflichtet sich, dem Notentext möglichst nahe zu kommen. Als Kriterien, anhand derer die Einteilung in die genannten Interpretationstypen vorgenommen werden kann, nannte Gurdon zum einen Authentizität, also Partiturtreue, zum zweiten Autonomie, womit die Eigenständigkeit der Interpretation als Kunstwerk gemeint ist, und drittens Tradition. Unter Tradition ist dabei wiederum die Zuordnung zu einzelnen Schulen oder Aufführungstraditionen zu verstehen. Forschungen haben nämlich ergeben, dass sich nach objektiven Maßstäben eindeutige Zuordnungen von performativen Interpretationen zur beispielsweise deutschen, russischen oder französischen Aufführungstradition tätigen lassen.

Der theoretischen Einführung folgte ein praktischer Abgleich: anhand von Hörbeispielen verschiedener Interpretationen von Beethoven, Mahler und Vivaldi konnten sich die Zuhörer selbst von den gravierenden Unterschieden in der Aufführungspraxis überzeugen. Mit Begeisterung plauderte Gurdon dabei „aus dem Nähkästchen“, jedes Beispiel wurde mit Hintergrundinformationen zu den Interpreten und ihrer möglichen Verbindung zum Komponisten unterfüttert. Ein spannender und lehrreicher Vortrag, dem gut zu folgen war, und bei dem am Ende eindeutig klar war: Beethoven ist nicht gleich Beethoven…

Leonie Scupin, Witten

Die Stimmen der Schreibschule

13. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Autor zu sein, bedeutet nicht zuletzt, eine eigene Stimme zu entwickeln. Zunächst aber hat auch jeder Autor eine Stimme. Wie diese einzusetzen ist, wie sie sich mit anderen Stimmen mischt, was das für Folgen hat – für die Sprache, für die Stimme -, haben wir in einem wirklichen Crash-Kurs erarbeitet. Aufgabenstellung Mittwochmittag – Produktion Donnerstagmorgen. Das wäre selbst für Profis ein harter Stiefel.

In drei Gruppen haben die Stipendiaten der Schreibschule von ACHT BRÜCKEN Musik für Köln sich Gedanken über einen Radiobeitrag gemacht, zwei Gruppen haben einen eigenen Beitrag verfasst. Sämtliche Teilnehmer durften die Erfahrung sammeln, in einem Studio des WDR zu arbeiten und dort die Möglichkeiten ansatzweise kennen zu lernen, die es für die Musikvermittlung am Radio gibt – und natürlich auch, welche Fehler man machen kann, wo die eigenen Stärken, wo die Arbeitsfelder liegen.

An einem intensiven Studiotag haben die Stipendiaten so einen Einblick in die Arbeit für den Rundfunk gewonnen. Und hier: sind die Ergebnisse.

Beitrag von und mit (in order of appearance):
Philipp Weismann, Iris Mencke, Tim, Evegenij Dvorkin in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken – Schreibschule – Livre pour Quatuor – Diotima

Beitrag von und mit (in order of appearance):
Alexander Kleinschroth, Frederike Arns und Michael Rothmann in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken – Schreibschule – Boulez, Sisyphos und der Geist der Rebellion

„Stimmproben“ von :
Anne Orschiedt, Ruth Köhler, Lea Herrscher, Sibille Heine, Julia Blank, Leonie Scupin, Konstantin Flegelskamp, (in in der Reihenfolge Ihres Erscheinens

Acht Brücken Schreibschule Gruppe2 Stimmproben

Wer hat’s gesprengt? Das Lunchkonzert in der Sparkassenrotunde

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Ein Sprengsatz, der bis heute scharf ist: Das Spiegel-Interview mit Pierre Boulez von 1967.

“Sprengt die Opernhäuser in die Luft.”  – Bitte! Lesen Sie jetzt trotzdem weiter!

Ja, dieses Zitat dürfte das meisterwähnte Zitat des Kölner Festivals Acht Brücken sein. Dass es außerhalb des Kontexts ausnehmend missverständlich und 45 Jahre alt ist, und dass sein Schöpfer Boulez seitdem anzunehmenderweise weitere Entwicklungen gemacht hat, scheint nach der öffentlichen Meinung vernachlässigenswert zu sein. Boulez’ Zitat ist viel zu anregend zum Polarisieren und Diskutieren. Es ist ein guter Dünger, auf dem schon knapp ein halbes Jahrhundert lang nützliche Gedanken wachsen. Rings um die radikale Parole streuen sich die Positionen aller, die sich für dieses Thema interessieren. Dennoch hat, bei einer Berührung damit, das verstohlene Grinsen noch nicht dem großen Dankeschön Platz gemacht. Irgendetwas am Zitat scheint immernoch ungeheuerlich.

So lief vielleicht auch Patrick Hahn ein wohliger Schauer über den Rücken, als er die geladenen Gäste um ihre Stellungnahme bat. Treffpunkt war die Sparkassenrotunde, die kein Opernhaus und nicht einmal in weiterer Definition ein Ort der Kunst ist. Im Rahmen des Acht Brücken fanden hier eine Aufführung moderner Musik, sowie ein Gespräch zum Thema statt. Eingeladen waren die Chansonsängerin Tina Teubner, der junge Komponist Johannes Kreidler, sowie der Intendant der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort. Sie kamen zu verschienen Ansichten, sogar zu einem Streit.

Auf brachiale Gedanken wie Boulez käme Tina Teubner, die populäre Kabarettistin, niemals, schon allein, weil sie dafür „zu protestantisch“ sei. Im schlimmsten Fall würde sie neue Musik langweilig finden. Sie wolle aus Konzerten immer etwas „mitnehmen“, zu diesem Zweck würde sie grundsätzlich auf Kritik verzichten. Ob ihre Aussage gefährlich indifferent, oder ein niederschmetterndes Urteil über die gesamte moderne Musikszene ist, blieb unerforscht. Vielleicht kam Hahn schlichtweg nicht dazu zu fragen, denn das Publikum brach unmittelbar nach ihrer Kritikabsage in Applaus aus.

Tina Teubner: Lieber keine Kritik

Als Kreidler befragt wurde, ob man die Opernhäuser sprengen sollte, antwortete er, das sei schon geschehen. Der Sprengsatz sei die Popmusik gewesen, die auch vor der Philharmonie keinen Halt gemacht und sie in Schutt und Asche gelegt habe. Das Publikum quittierte diese Stellungnahme mit einem ängstlichen “Oho”. Immerhin stand der Intendant der Philharmonie in diesem Moment direkt neben Kreidler. Dieser zeigte sich unbeeindruckt und deutete die vollendeten Tatsachen schlagfertig um. Gesprengt? Möge sein. Nur hätten die Institutionen das selbst getan, indem sie sich eigenständig auch Lagerstätten für Hochwasserschutzelemente, Sparkassen und derlei mehr aufregende Spielstätten aussuchten. Für den konkreten Sprengforgang führte Langevoort zusätzlich den großen Publikumszuspruch ins Feld, den sein Haus erfahre: “In dieser Hinsicht haben wir die Philharmonie schon mehrmals gesprengt.”

Langevoort: Hat die Philharmonie schon mehrmals gesprengt.

Die nächste Fragerunde betraf die derzeit grassierende Vorliebe unter Veranstaltern für Festivals. Teubner beklagte den Eventcharakter vieler Veranstaltungen, der den Fokus von der Musik selbst hinweghebe. Langevoort hielt die Vorteile des Festivals dagegen: die Möglichkeit eines vermittelnden Rahmenprogramms, sowie die anders kaum mögliche Konzentration von Veranstaltungen, die untereinander Bezug nähmen – also im Ganzen ein reicheres Angebot. Auch Kreidler lobte das Festivalformat. Der Vorteil sei die Möglichkeit, “im Windschatten starker Zugpferde”, also populärerer Kollegen, besonders sperrigen oder einfach unbekannten Komponisten ein Forum zu geben.

Einen spannungsgeladenen Moment erlebte das Publikum, als der recht populäre junge Komponist Kreidler gefragt wurde, ob er sich an Boulez orientiere. Die Antwort lautete zum Bestürzen Langevoorts nein. Boulez habe ein Teil zur Kompositionsgeschichte beigetragen, er habe ihn natürlich studiert und von ihm gelernt – für heutiges Schaffen wäre Boulez allerdings irrelevant. Langevoort verlor für diesen Moment ein klitzekleines bisschen seine Souveränität. Erschrocken rief er aus, dass Kreidler hiermit Boulez abwerte. Kreidler, auf dieses Manöver gut vorbereitet, verteidigte sich zurecht mit Bezug auf Boulez, der für seine Kritik an Heerscharen anderer Komponisten bekannt ist. Daraufhin unterstellte Langevoort Kreidler feurig, er habe nicht, wie Boulez, die Partiturenkenntnis, die es bräuchte, um die Werke anderer so entscheidend zu kritisieren. Spätestens an dieser Stelle des Wortgefechts stellte sich die Frage, ob Langevoort nicht zu emotional wurde, denn Kreidler hatte lediglich gefunden, dass Boulez keinen konkreten Einfluss auf seine moderne Komposition habe. Wer Kreidlers Kompositionen kennt, sieht auch, dass die oft in performance-artige Aktionen ausartenden Stücke bereits inhaltlich weit weg von Boulez sind. Sie setzen sich mit der Identität der heutigen Generation junger Menschen auseinander, deren kritische Schlagwörter Ökologie, Gentrifizierung und Globalisierung, etc., sind.

Das feindliche Klima gegen seine zwar deutlichen, aber nicht unvernünftigen Argumentationsschritte kommentierte Kreidler spitzfindig. An der Reaktion auf seine Bemerkung hier und heute sähe man, dass die heutigen Tage keine Kritiktage mehr seien. Das Publikum bestätigte seinen Verdacht, indem es während der gesamten Episode keinen Beifall gab. Wir erinnern uns: Es wurde applaudiert, als Teubner verriet, sie wolle es mit der Kritik lieber ganz lassen. Auch Hahn entschied nach 30 Minuten mit einem Blick auf die Uhr, dass das Gespräch nun vorbei sei, und suchte keinerlei offenen Konflikt: “Über Geschmack lässt sich nicht streiten.”

Kreidler mit Gema-Formularen: "Boulez hat keinen Einfluss auf mich."

Etwa 50 Festivalgäste sind der Einladung zum Lunch-Talk gefolgt. Fährt der Blick mit dem Fahrstuhl Ring um Ring die Rotunde der Sparkasse hinauf, entdeckt er vereinzelt neugierige Angestellte auf den Rundgängen, die in ihrer Mittagspause verweilen. Auf eine Weise ist der Coup gelungen: Wie eine Reminiszenz an die Urformen unserer Performance-Kultur bilden die zufällig stehengebliebenen Mitarbeiter der Sparkasse das Publikum eines Amphitheaters auf den Rängen. Jedoch sind die Verhältnisse völlig umgedreht. Die Sparkassenrotunde hat keine Konzertakustik, die Musik wird von Alltagsgeräuschen begleitet. Die Lichter sind improvisiert. Und obwohl alles ganz anders als im Konzertsaal ist, finden Wort und Musik große Ohren und bewegliche Köpfe.

Nachdem sich alle bedankt haben, gibt es, wie zu Beginn der Veranstaltung, ein Stück Musik von Rodrigo Lopez-Klingenfuß. Gleichfalls vom Ensemble gRoBa, das zum Auszug ein 3-köpfiges Bläserensemble plus Snaredrum entsendet. Mit einem getragenen Marschtempo nähert es sich zunächst unsichtbar von der höheren Etage. Schließlich erscheint es, ernsthaft blasend, an der Balustrade und schreitet das Halbrund der Treppe hinunter in die Arena. Dort bleiben die Musiker nicht stehen, sondern bewegen sich tönend in die nächste architektonische Form der Rotunde, den hellichten Vorsaal. Vom Vorsaal aus verschwinden vier Musiker einer nach dem anderen in der Drehtür – ein wirkungsvoller Effekt.

Als die Musiker auf dem Vorplatz zur Sparkasse stehen, also im Freien, bricht das Stück in wilden, satyrischen Freejazz aus. Das Publikum folgt dem Ensemble gRoBa nun auf dem Fuße. Der Aufführungsraum wird also ein weiteres Mal gesprengt, das Publikum und die Kapelle sind mobil. Jetzt hätten wir draußen nur noch einen Rasensprenger gebraucht, dann hätte das Wort „Sprengen“ für uns doch noch eine neue, erfrischende Bedeutung bekommen.

Die Sparkassenrotunde

 

Ruth Köhler, Berlin

Warum nicht experimentell? Quatuor Diotima spielt Boulez, Webern und Dutilleux

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Grau in grau mit roten Socken. So präsentierte sich das Diotima-Quartett äußerlich. Vier identisch gekleidete Musiker betreten am Mittwochabend die Bühne des WDR Funkhauses. Im Gegensatz zum vorangegangenen Konzert, als dort bei Boulez’ „sur Incises“ mit drei Harfen, drei Klavieren und Schlagwerk energetische Klanglawinen durch den Saal rollten, wartete das Festival ACHT BRÜCKEN nun mit intimer Kammermusik auf– das aber nicht minder kraftvoll.

Mit Anton Weberns Streichquartett op. 28 entfaltete sich sofort der energetische Ansatz des Quatuor Diotima. Aus tiefstem Inneren strömte die Kraft jedes Musikers in die Saiten, ungemein homogen verbinden sich die daraus entstehenden Klänge. Kein „Schönklang“. Im Gegenteil: Das Werk verlangt diese raue, fast schroffe Behandlung. Gleißende Glissandi, preschende Pizzicati. Immer wieder die aus der Tonfolge B-A-C-H entwickelten Ableitungen: „Es ist immer dasselbe, nur die Erscheinungsformen sind anders“, so Webern – die perfekte universelle Antwort auf so vieles?

Herni Dutilleux und Pierre Boulez kennen einander zwar, mit der Musik des jeweils anderen konnten sie jedoch noch nie viel anfangen – zu unterschiedlich die eigenen ästhetischen Vorstellungen. In der Tat: Unterschiedlicher als die beiden aufeinander folgenden Werke„Ainsi la nuit“ und „Livre pour Quatuor“ geht es kaum. Bei Dutilleux gibt es dicht ineinander geschobene Klangflächen, immer wieder scharf torpediert von rasch übereinander gesetzten Klangstrukturen. Spätromantischer Gestus; Motivketten, die dramaturgische Entwicklungen durchlaufen. Die Großform ist geschlossen. Geschlossen und Abgeschlossen. Nicht so bei Boulez: Das „Livre“ ist bis heute Fragment.

Auch eine Aufführung der bekannten Kapitel des „Livre“ von Boulez sind eine Rarität, dabei stellt es eines seiner zentralen Werke dar. Zu komplex, zu schwierig? Das Quatuor Diotima wagte das Experiment und spielte es nun selbst zum ersten Mal im Konzert. Es gelang dem französischen Quartett erstklassig; die vier Musiker waren musikalisch perfekt aufeinander abgestimmt und zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Die Körperbewegungen des Quartetts waren bis in die Fingerspitzen formvollendet, jeder der Musiker fügte sich in die sensible Choreographie. Nach jedem abgeschlossenen Formabschnitt schien für einen Moment die Zeit stillzustehen, wenn die Musiker wie eingefroren in ihren Bewegungen verharrten. Das uniforme Dress des Quatuor Diotima war so nur äußerlich eine Spiegelung seiner inneren Einheit. Warum ausgerechnet rote Socken? Warum nicht.

Julia Blank, Karlsruhe

Ein origineller Teamplayer. Manu Katché und Band bei ACHT BRÜCKEN

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Manu Katché hat etwas, worum ihn viele Musiker beneiden. So wie einst Glenn Gould, Charlie Parker oder Stevie Ray Vaughan – mögen sie in Frieden ruhen – verfügt der Schlagzeuger über einen Personalstil, den man sofort wieder erkennt. Mit seiner Band ist Katché nach längerer Tourpause jetzt wieder nach Deutschland gekommen. Dank ihm zeigte sich das vor allem auf Neue Musik ausgerichtete Kölner Festival „ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln“ zum Einstand auch auf für die Jazzfans von seiner besten Seite.

Bekannt geworden ist Manu Katché als rhythmisches Rückgrat der Bands von Peter Gabriel und Sting. Seine Originalität speist sich aus mehreren Quellen. Zunächst wurde Katché zum klassischen Percussionisten ausgebildet, bald aber entdeckte er Rockmusiker vom Schlag des irrwitzigen Police-Drummers Stewart Copeland und die Jazz-Tradition für sich. Das typische, so lässige wie poetische Spiel auf den vielen kleineren und größeren Becken macht ihm so schnell keiner nach. Bei ECM hat Katché seit 2004 drei schöne Jazzalben unter eigenem Namen veröffentlicht, die dem Sound von Manfred Eichers Münchner Edel-Label eine weitere schimmernde Facette hinzugefügt haben.

Auf der Bühne bekommen die Stücke aus Manu Katchés wachsendem Katalog eine neue, rauere Gestalt. „November 99“ zum Beispiel kennt man als meditativen Opener von Katchés Platte „Neighbourhood“, an der unter anderem Tomasz Stanko und Jan Garbarek mitarbeiteten. Zwar lehnt sich Tore Brunborg am Sopransaxophon ein wenig an Garbareks sanft glänzenden Ton an, ansonsten baut sich hier jedoch ein erheblich größeres Energielevel auf. Das ist auch den kräftigen Blockakkorden des Pianisten Baptiste Trotignon zu verdanken, der kurz zuvor als special guest auf die Bühne gesprungen war.

Auf mehr als einer Albumlänge könnten Katchés Stücke leicht ein wenig gleichförmig erscheinen, wäre da nicht der Wille der Band, immer wieder in unvorhergesehene Richtungen auszubrechen. Ohne Vorwarnung kann der vorherrschende subtile Groove in einen Swing-Rhythmus übergehen oder sogar eine Spur Avantgarde einfließen. Als Zugabe spielte Manu Katché ein Solo, das leider vor allem laut und schnell ist. Im Vergleich erkennt man hier erst richtig, wie gut der Mann als intelligent im Bandgefüge mitfühlender Teamplayer ist.

Nach dem Konzert stehen draußen eine Handvoll Leute zusammen, einige andere stoßen dazu. „Und“, fragen die, „wie war´s?“ „Großartig“, antwortet einer, „es war so…“, und dann versagt ihm die Sprache. Stattdessen bildet er mit allem, was die Stimme hergibt, Manu Katchés Schlagzeugkunst nach und faucht wie tausend Crashbecken. Dieser Sound, er sagt mehr als alle Worte.

Alexander Kleinschrodt, Bonn

Was die Kollegen schreiben [1]

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Langsam kommen wir in den Tritt: Die Augenringe werden dunkler, die Word-Dateien dicker. Zum Schreiben gehört das Lesen. Nicht nur von Partituren, auch die Strukturen lesen zu lernen haben wir uns hier vorgenommen. Und selbstverständlich – zum Lernen – auch die Rezensionen der Kollegen.

Ein interessantes Beispiel bot heute morgen die Rezension des Eröffnungskonzertes im Kölner Stadt-Anzeiger von Markus Schwering. Der Artikel hebt an mit einer „People-Geschichte“, die von der „überörtlichen Prominenz“ handelt, widmet sich dann ausschließlich kulturpolitischen Fragen, setzt mit einer ausführlichen Beschreibung des Publikums fort – „Das Publikum war in seiner Zusammensetzung übrigens erkennbar nicht ‚freakig'“, als ob es das bei einem Konzert mit Werken von Ravel, Strawinsky, Schönberg automatisch sein müsse – bevor er sich erstmals musikalischen Fragen widmet. Am Ende kehrt der Artikel zum Publikum zurück, das nach Ansicht des Rezensenten viel zu schnell applaudierte. In Köln scheint Musikkritik also im gleichen Maße Publikumskritik zu sein. Eine Frage hoffen wir darüber hinaus zu klären, wenn Herr Sandner wieder da ist: wie man sich das vorstellen soll, wenn es heißt, „da standen die herausragenden Einzelleistungen geradezu Schlange.“

Was die Kollegen schreiben [1]

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Langsam kommen wir in den Tritt: Die Augenringe werden dunkler, die Word-Dateien dicker. Zum Schreiben gehört das Lesen. Nicht nur von Partituren, auch die Strukturen lesen zu lernen haben wir uns hier vorgenommen. Und selbstverständlich – zum Lernen – auch die Rezensionen der Kollegen.

Ein interessantes Beispiel bot heute morgen die Rezension des Eröffnungskonzertes im Kölner Stadt-Anzeiger von Markus Schwering. Der Artikel hebt an mit einer „People-Geschichte“, die von der „überörtlichen Prominenz“ handelt, widmet sich dann ausschließlich kulturpolitischen Fragen, setzt mit einer ausführlichen Beschreibung des Publikums fort – „Das Publikum war in seiner Zusammensetzung übrigens erkennbar nicht ‚freakig'“, als ob es das bei einem Konzert mit Werken von Ravel, Strawinsky, Schönberg automatisch sein müsse – bevor er sich erstmals musikalischen Fragen widmet. Am Ende kehrt der Artikel zum Publikum zurück, das nach Ansicht des Rezensenten viel zu schnell applaudierte. In Köln scheint Musikkritik also im gleichen Maße Publikumskritik zu sein. Eine Frage hoffen wir darüber hinaus zu klären, wenn Herr Sandner wieder da ist: wie man sich das vorstellen soll, wenn es heißt, „da standen die herausragenden Einzelleistungen geradezu Schlange.“

Die erste Brücke ist geschlagen. Zum Eröffnungskonzert des Festivals ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Die Brücke als ein Ort des Überschreitens, ein Ort, der zu neuem, unbekanntem Terrain führt, ein Ort, der jedenfalls neugierig macht auf das, was einen dahinter erwartet. Dieser Leitgedanke liegt dem erstmalig ausgetragenen Neue Musik Festival ACHT BRÜCKEN |  Musik für Köln zugrunde, das am Sonntag in der Kölner Philharmonie eröffnet wurde. Eine Brücke zur neuen Musik zu bauen, dieses Gebiet zu erwandern, zu erforschen, im besten Sinne zu erleben: dazu hat das Publikum nun eine ganze Woche lang in zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten die Gelegenheit.

Zum Auftakt hatte man keinen geringeren als Pierre Boulez engagiert, eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten der zeitgenössischen Musik, der zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra (MCO) und dem Geiger Michael Barenboim ein exquisites Programm gestaltete. Boulez ist im Laufe des Festivals auch ein Programmschwerpunkt gewidmet, dabei werden Kompositionen aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden zu hören sein. Das Eröffnungskonzert allerdings legte man etwas „traditioneller“ an, vielleicht auch, um das Publikum erst langsam an die Musik des 20. bzw. 21 Jahrhunderts heranzuführen. Maurice Ravels Ma mére l´oye stand am Anfang dieses Abends in der vollbesetzten Philharmonie. Eine Sammlung von kindlich anmutenden Stücken, denen Märchen von Charles Perrault zugrunde liegen und die in ihrer tonmalerisch-verträumten Weise viele Anklänge an die Romantik aufweisen. Auffallend schlicht, bisweilen distanziert, gingen Pierre Boulez und das MCO an die Sache heran. Das ganze Stück über war eine gewisse Zurückhaltung in der Interpretation zu spüren, die Grundstimmung blieb gedämpft, dynamische Steigerungen kontrolliert. Gleichzeitig aber kam eine wunderbare Poesie zum Tragen, und Klangfarben wurden in ihrer ganzen Vielfalt ausgebreitet. Erstaunlich, zu welchem pianissimo das MCO fähig ist, die einzelnen Stimmen aber nichts an Klarheit und Struktur einbüßen. Hervorragende Soli wie von Klarinette, Oboe oder Flöte sowie der samtige Streicherklang zeichnen dieses Orchester aus. Von der Eleganz und Atmosphärik eines Ravel zur Sprödheit und Komplexität eines späten Schönberg: dessen selten gespieltes Violinkonzert op. 36 ist gewiss kein Werk, dass sich dem Zuhörer leicht erschließt, oder gar eingängig ist. Die schroffe Klangsprache, der sperrige Gestus verlangen dem Hörer einiges ab. Mit Michael Barenboim war ein Solist am Werk, der sich völlig uneitel in den Dienst der Sache stellte und den Solopart höchst konzentriert umsetzte. Eine perfekte Technik, ein runder, voller Ton, aber auch eine gewisse stoische Grundhaltung kennzeichnen sein Spiel. Was die Komposition angeht, ist es keineswegs so, dass diese nur mit trocken oder abstrakt zu beschreiben wäre. Im Verlauf des Stücks, speziell im zweiten Satz, wurde einem auch das hohe Maß an Expressivität bewusst, die dieser Komposition innewohnt. Ein stärkeres Herausarbeiten dieser Expressivität hätte man sich von Michael Barenboim gewünscht, aber auch von Pierre Boulez selbst. Bei aller Wertschätzung für Boulez: etwas mehr ansteckende Leidenschaft und etwas weniger kühler Minimalismus in seinem Dirigat würden der Interpretation nicht schaden. Dennoch: ein spannendes Werk, das sich zum Höhepunkt des Abends entwickelte.

Nach der Pause stand dann ein weiteres Werk der klassischen Moderne auf dem Programm: die Ballettmusik Pétrouchka von Igor Strawinsky. Die Geschichte der Marionette Pétrouchka wurde von Boulez und dem MCO mit viel Klangsinn und rhytmisch pointiert umgesetzt. Eine starke Betonung lag auf dem volksliedhaften, musikantischen Element. Die Stimmungswechsel zwischen den einzelnen Abschnitten und Bildern, die sarkastischen und verfremdeten Einwürfe der unterschiedlichen Instrumente, all das wurde höchst überzeugend präsentiert. Hervorzuheben sind auch die solistischen Leistungen, allen voran der virtuose Klavierpart oder die mit großem Klang und improvisatorischem Gestus aufspielende Klarinette.

Eines steht nach diesem Konzert schon fest: die Voraussetzungen für ein Gelingen dieses Festivals sind gegeben. Ein hochkonzentriertes Publikum, das mitverantwortlich war für die besonders spannungsreiche Energie an diesem Abend, interessante Künstler und ein ebensolches Programm, das in dieser Woche noch vieles zu bieten hat, sprechen für sich. Das Ziel, Köln zur Musikstadt Nr.1 zu machen, wie es der Staatssekretär für Kultur in Köln, Klaus Schäfer, in seiner Eingangsansprache formuliert hat, ist seit Sonntag jedenfalls ein gutes Stück näher gerückt.

Philipp Weismann, München

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