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Mit ‘Neue Musik’ getaggte Artikel

Warum nicht experimentell? Quatuor Diotima spielt Boulez, Webern und Dutilleux

12. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Grau in grau mit roten Socken. So präsentierte sich das Diotima-Quartett äußerlich. Vier identisch gekleidete Musiker betreten am Mittwochabend die Bühne des WDR Funkhauses. Im Gegensatz zum vorangegangenen Konzert, als dort bei Boulez’ „sur Incises“ mit drei Harfen, drei Klavieren und Schlagwerk energetische Klanglawinen durch den Saal rollten, wartete das Festival ACHT BRÜCKEN nun mit intimer Kammermusik auf– das aber nicht minder kraftvoll.

Mit Anton Weberns Streichquartett op. 28 entfaltete sich sofort der energetische Ansatz des Quatuor Diotima. Aus tiefstem Inneren strömte die Kraft jedes Musikers in die Saiten, ungemein homogen verbinden sich die daraus entstehenden Klänge. Kein „Schönklang“. Im Gegenteil: Das Werk verlangt diese raue, fast schroffe Behandlung. Gleißende Glissandi, preschende Pizzicati. Immer wieder die aus der Tonfolge B-A-C-H entwickelten Ableitungen: „Es ist immer dasselbe, nur die Erscheinungsformen sind anders“, so Webern – die perfekte universelle Antwort auf so vieles?

Herni Dutilleux und Pierre Boulez kennen einander zwar, mit der Musik des jeweils anderen konnten sie jedoch noch nie viel anfangen – zu unterschiedlich die eigenen ästhetischen Vorstellungen. In der Tat: Unterschiedlicher als die beiden aufeinander folgenden Werke„Ainsi la nuit“ und „Livre pour Quatuor“ geht es kaum. Bei Dutilleux gibt es dicht ineinander geschobene Klangflächen, immer wieder scharf torpediert von rasch übereinander gesetzten Klangstrukturen. Spätromantischer Gestus; Motivketten, die dramaturgische Entwicklungen durchlaufen. Die Großform ist geschlossen. Geschlossen und Abgeschlossen. Nicht so bei Boulez: Das „Livre“ ist bis heute Fragment.

Auch eine Aufführung der bekannten Kapitel des „Livre“ von Boulez sind eine Rarität, dabei stellt es eines seiner zentralen Werke dar. Zu komplex, zu schwierig? Das Quatuor Diotima wagte das Experiment und spielte es nun selbst zum ersten Mal im Konzert. Es gelang dem französischen Quartett erstklassig; die vier Musiker waren musikalisch perfekt aufeinander abgestimmt und zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Die Körperbewegungen des Quartetts waren bis in die Fingerspitzen formvollendet, jeder der Musiker fügte sich in die sensible Choreographie. Nach jedem abgeschlossenen Formabschnitt schien für einen Moment die Zeit stillzustehen, wenn die Musiker wie eingefroren in ihren Bewegungen verharrten. Das uniforme Dress des Quatuor Diotima war so nur äußerlich eine Spiegelung seiner inneren Einheit. Warum ausgerechnet rote Socken? Warum nicht.

Julia Blank, Karlsruhe

Die erste Brücke ist geschlagen. Zum Eröffnungskonzert des Festivals ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Die Brücke als ein Ort des Überschreitens, ein Ort, der zu neuem, unbekanntem Terrain führt, ein Ort, der jedenfalls neugierig macht auf das, was einen dahinter erwartet. Dieser Leitgedanke liegt dem erstmalig ausgetragenen Neue Musik Festival ACHT BRÜCKEN |  Musik für Köln zugrunde, das am Sonntag in der Kölner Philharmonie eröffnet wurde. Eine Brücke zur neuen Musik zu bauen, dieses Gebiet zu erwandern, zu erforschen, im besten Sinne zu erleben: dazu hat das Publikum nun eine ganze Woche lang in zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten die Gelegenheit.

Zum Auftakt hatte man keinen geringeren als Pierre Boulez engagiert, eine der zentralen Künstlerpersönlichkeiten der zeitgenössischen Musik, der zusammen mit dem Mahler Chamber Orchestra (MCO) und dem Geiger Michael Barenboim ein exquisites Programm gestaltete. Boulez ist im Laufe des Festivals auch ein Programmschwerpunkt gewidmet, dabei werden Kompositionen aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden zu hören sein. Das Eröffnungskonzert allerdings legte man etwas „traditioneller“ an, vielleicht auch, um das Publikum erst langsam an die Musik des 20. bzw. 21 Jahrhunderts heranzuführen. Maurice Ravels Ma mére l´oye stand am Anfang dieses Abends in der vollbesetzten Philharmonie. Eine Sammlung von kindlich anmutenden Stücken, denen Märchen von Charles Perrault zugrunde liegen und die in ihrer tonmalerisch-verträumten Weise viele Anklänge an die Romantik aufweisen. Auffallend schlicht, bisweilen distanziert, gingen Pierre Boulez und das MCO an die Sache heran. Das ganze Stück über war eine gewisse Zurückhaltung in der Interpretation zu spüren, die Grundstimmung blieb gedämpft, dynamische Steigerungen kontrolliert. Gleichzeitig aber kam eine wunderbare Poesie zum Tragen, und Klangfarben wurden in ihrer ganzen Vielfalt ausgebreitet. Erstaunlich, zu welchem pianissimo das MCO fähig ist, die einzelnen Stimmen aber nichts an Klarheit und Struktur einbüßen. Hervorragende Soli wie von Klarinette, Oboe oder Flöte sowie der samtige Streicherklang zeichnen dieses Orchester aus. Von der Eleganz und Atmosphärik eines Ravel zur Sprödheit und Komplexität eines späten Schönberg: dessen selten gespieltes Violinkonzert op. 36 ist gewiss kein Werk, dass sich dem Zuhörer leicht erschließt, oder gar eingängig ist. Die schroffe Klangsprache, der sperrige Gestus verlangen dem Hörer einiges ab. Mit Michael Barenboim war ein Solist am Werk, der sich völlig uneitel in den Dienst der Sache stellte und den Solopart höchst konzentriert umsetzte. Eine perfekte Technik, ein runder, voller Ton, aber auch eine gewisse stoische Grundhaltung kennzeichnen sein Spiel. Was die Komposition angeht, ist es keineswegs so, dass diese nur mit trocken oder abstrakt zu beschreiben wäre. Im Verlauf des Stücks, speziell im zweiten Satz, wurde einem auch das hohe Maß an Expressivität bewusst, die dieser Komposition innewohnt. Ein stärkeres Herausarbeiten dieser Expressivität hätte man sich von Michael Barenboim gewünscht, aber auch von Pierre Boulez selbst. Bei aller Wertschätzung für Boulez: etwas mehr ansteckende Leidenschaft und etwas weniger kühler Minimalismus in seinem Dirigat würden der Interpretation nicht schaden. Dennoch: ein spannendes Werk, das sich zum Höhepunkt des Abends entwickelte.

Nach der Pause stand dann ein weiteres Werk der klassischen Moderne auf dem Programm: die Ballettmusik Pétrouchka von Igor Strawinsky. Die Geschichte der Marionette Pétrouchka wurde von Boulez und dem MCO mit viel Klangsinn und rhytmisch pointiert umgesetzt. Eine starke Betonung lag auf dem volksliedhaften, musikantischen Element. Die Stimmungswechsel zwischen den einzelnen Abschnitten und Bildern, die sarkastischen und verfremdeten Einwürfe der unterschiedlichen Instrumente, all das wurde höchst überzeugend präsentiert. Hervorzuheben sind auch die solistischen Leistungen, allen voran der virtuose Klavierpart oder die mit großem Klang und improvisatorischem Gestus aufspielende Klarinette.

Eines steht nach diesem Konzert schon fest: die Voraussetzungen für ein Gelingen dieses Festivals sind gegeben. Ein hochkonzentriertes Publikum, das mitverantwortlich war für die besonders spannungsreiche Energie an diesem Abend, interessante Künstler und ein ebensolches Programm, das in dieser Woche noch vieles zu bieten hat, sprechen für sich. Das Ziel, Köln zur Musikstadt Nr.1 zu machen, wie es der Staatssekretär für Kultur in Köln, Klaus Schäfer, in seiner Eingangsansprache formuliert hat, ist seit Sonntag jedenfalls ein gutes Stück näher gerückt.

Philipp Weismann, München

Wohlklang der Strukturen. Ensemble Intercontemporain mit Schlüsselwerken von Pierre Boulez

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Dass Pierre Boulez und die Musikkritik einer Meinung sind, war in den letzten Jahrzehnten nicht unbedingt der Regelfall. An einem Punkt herrscht jedoch Einigkeit: „Le Marteau sans maître“, Boulez’ 1953 entstandene Vertonung und Überschreibung von Gedichten des Surrealisten René Char, zählen sowohl der Meister selbst als auch die geneigte Öffentlichkeit zu seinen stärksten Werken.

Beim Kölner Festival „Acht Brücken“ waren die neun Sätze des „Marteau“ wieder einmal mit dem von Boulez gegründeten Ensemble Intercontemporain zu hören. Im Funkhaus des WDR führte nun Pascal Rophé die sechs Instrumentalisten, die das Stück verlangt, mit messerscharfen Gesten durch die Partitur.

Auch feine Details kann man bei ihnen deutlich heraushören, das Verschmelzen von einzelnen Instrumenten und der Altstimme zum Ende etwa. Diese mit verschiedenen Vokaltechniken durchsetzte Partie übernahm Isabel Soccoja, sie war buchstäblich über Nacht für die erkrankte Susan Bickley eingesprungen. Auch in den Grenzbereichen ihres Stimmumfangs kann Soccoja kontrolliert und rund singen: Aus den teils fragilen Strukturen des „Marteau“ hört man überraschenden Wohlklang aufsteigen. Bedenkt man die Würde des Ortes – im großen Sendesaal des WDR feierten in den 1950er Jahren viele wichtige Werke ihre Premiere –, man kann fast von einer authentischen Aufführung sprechen.

Später dann springen Rophé und das Ensemble mit Boulez’ „sur Incises“ allerdings mitten in die Gegenwart. Im Vergleich mit dem älteren Werk herrscht in der Komposition von 1998 nahezu barocke Fülle. Es gibt hier Dinge zu hören, die sich der junge Boulez niemals gestattet hätte – Tonrepetitionen, pianistisch dankbares Klavierspiel und hämmernde Unisono-Schläge des ganzen Ensembles zum Beispiel. Während im „Marteau sans maître“ zum Ende mehrere Gongs eingeführt werden, erscheinen hier unvermittelt jamaikanische Steel Drums. Die kennt man sonst eher von fröhlichen Straßenmusikern.
Geschrieben ist „sur Incises“ für je drei Harfen, Klaviere und Schlagzeugspieler. Mit dieser Besetzung realisiert Boulez Echoeffekte und merkwürdige Mischklänge, manchmal tun sich dadurch Ähnlichkeiten zu den zeitgleich entstandenen „Anthèmes II“ für Violine und Live-Elektronik auf. Was dort erheblichen technischen Aufwand nötig macht, gelingt hier mit den Bordmitteln neurer Instrumentationskunst.

Die handfest zupackende Interpretationskunst des Ensemble Intercontemporain gibt den Festivalbesuchern aber noch eine weitere Einsicht mit auf den Weg in die schwüle Frühlingsnacht. Boulez hat einmal geschrieben, es erscheine ihm „nicht unpassend, wenn ein Konzert etwas demonstriert“. Dieses Programm beweist, dass in seinem Fall das Klischee vom ungestümen Frühwerk und aufs Wesentliche konzentriertem Spätschaffen gründlich in die Irre geht. Die Paarung lautete vielmehr: junger Poet trifft alterswilden Unruheständler.

Alexander Kleinschrodt, Bonn

Pierre Boulez erklärt Sur incises
http://www.youtube.com/watch?v=500M4J-Qrbw
http://www.youtube.com/watch?v=8hYYcx_4RTA&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=ZuTOq6Qg65s&feature=player_detailpage

Werkdetails zu Marteau sans maître
http://brahms.ircam.fr/works/work/6981/

DAS BUCH und DIE NACHT

10. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Das Programm vom Konzert des Quatuor Diotima zum Vorhören

Henri Dutilleux
Ainsi la nuit (1976-1977)
für Streichquartett http://www.youtube.com/watch?v=KhfESb2OG2E

Anton Webern
Streichquartett op. 28 (1936-1938) http://www.youtube.com/watch?v=fQmXU-XMCIs

Pierre Boulez
Livre pour quatuor (1948-49)
für Streichquartett (vollständige Version)

Ausschnitte daraus:
Boulez Livre pour Quatuor I http://www.youtube.com/watch?v=REglL-c3-2I
Boulez Livre pour Quatuor III http://www.youtube.com/watch?v=yzQo3ACMVLc
Boulez Livre pour Quatuor V http://www.youtube.com/watch?v=pyS6lhwnBE0&feature=related

DAS BUCH und DIE NACHT

10. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Das Programm vom Konzert des Quatuor Diotima zum Vorhören

Henri Dutilleux
Ainsi la nuit (1976-1977)
für Streichquartett http://www.youtube.com/watch?v=KhfESb2OG2E

Anton Webern
Streichquartett op. 28 (1936-1938) http://www.youtube.com/watch?v=fQmXU-XMCIs

Pierre Boulez
Livre pour quatuor (1948-49)
für Streichquartett (vollständige Version)

Ausschnitte daraus:
Boulez Livre pour Quatuor I http://www.youtube.com/watch?v=REglL-c3-2I
Boulez Livre pour Quatuor III http://www.youtube.com/watch?v=yzQo3ACMVLc
Boulez Livre pour Quatuor V http://www.youtube.com/watch?v=pyS6lhwnBE0&feature=related

Philosophie der Brücken. Michael Barenboim spielt Bach und Boulez

10. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Mobile Hochwasserschutzelemente sind in Städten mit großen Flüssen ebenso unerlässlich wie große Brücken. Die entsprechende Lagerhalle für diese Elemente wurde für das zweite Konzert von ACHT BRÜCKEN. MUSIK FÜR KÖLN geräumt und mit Kompositionen von Bach und Boulez „gefüllt“; ebenso unerlässliche Größen, allerdings der Musikgeschichte. Der schlichte Betonbau gab architektonisch sowie akustisch einen nahezu perfekten Raum für den Soloviolinabend mit Michael Barenboim; darüber hinaus den bislang ungewöhnlichsten des neuen Festivals. Das Programm: Anthèmes I und II von Pierre Boulez und die Partita in d-moll von J. S. Bach, die der Geiger zwischen die beiden Stücke von Boulez platzierte.

Kompromisslos und selbstbewusst eroberte sich Barenboim seinen Hörraum, indem er den wohlwollenden Auftrittsapplaus mit den ersten Fortissimo-Tönen von Anthèmes I augenblicklich zum Verstummen brachte; symptomatisch für die progressiv-virtuose Komposition. Sie entstand 1991 als ein Wettbewerbsstück und ist gespickt mit verschiedensten und hochkomplizierten Spieltechniken. Fragile Flageolett-Doppelgriffe wechseln sich ab mit rasanten Läufen, deren einzelne Töne im Konzert fast zu Glissandi verschmolzen. In den langen Trillerpassagen waren die Finger des Interpreten kaum mehr zu erkennen und man vermied das Atmen um den reißenden musikalischen Fluss nicht zu unterbrechen. Barenboim vollbrachte eine technische Meisterleistung, da die Partitur zusätzlich mit differenziertesten Interpretationsanweisungen versehen ist. Da bleibt nicht viel Platz für künstlerische Freiheit. Trotz aller Komplexität ist das Stück narrativ, bleibt greifbar und musikalisch nachvollziehbar: ein Thema – eine 7tönige Abwärtsbewegung in 32tel-Noten – zieht sich durch das ganze Stück und leuchtet immer wieder in verschiedenen Variationen auf. Mit einem ähnlichen, wenn nicht sogar mit dem gleichen Prinzip, arbeitete Bach vor etwa 400 Jahren. Nichts anderes liegt vor allem seinen Fugenkompositionen zugrunde, die ein Motiv in mehreren Varianten und Stimmen verarbeiten.


Barenboim gelang es, das jeweilige Thema in den Sätzen der Partita herauszuheben, das sich nicht selten in einer Melodielinie versteckt. Mit weicher und geschmeidiger Bogenführung schaffte er klangliche Dichte und unterstützte so den der Musik immanenten Fluss. Leider geriet die berühmte Chaconne, der letzte Satz der Partita, der sich durch expressive Harmonik und schwebend oszillierende Klangflächen auszeichnet, zu einem kleinen Desaster. Es lag wohl an der sich rasch verändernden Luftfeuchtigkeit im Raum und den daraus resultierenden Folgen für die Stimmung des Instruments, dass die Intervalle auf den unteren beiden Seiten frappant falsch intoniert waren. In Anthèmes II, das einige Jahre nach Anthèmes I entstand, wird das Prinzip der Motivvariation durch Computertechnik und Live-Elektronik konsequent weitergeführt. Variationen werden über Lautsprecher live gesamplet und entfalten sich dynamisch im Raum; ein ganzes Ensemble schien zu spielen. Mal war das Gespielte mit dem elektronisch und per Zufall erzeugten Computersound konform, mal drifteten beide Instanzen auseinander, gingen scheinbar eigene Wege, um bald wieder zusammenzukommen. Bachs energetische Linien klangen nach und lösten sich in die gesampleten Pizzicati im Raum auf. Die Elektronik fungierte als Spiegel der Geige, wodurch ein Prozess des scheinbar unendlichen Reflektierens entstand. Michael Barenboim schaffte es nur bedingt, diese Dimension zu verkörpern. Mit dezentem und verhaltenen körperlichen Gestus war sowohl in der Partita als auch in den Anthemes nichts Eigenes spürbar. Viel eher hatte man den Eindruck, als hielte er sich zurück, nehme sich fast ein bisschen zu unwichtig.

Diese lange Brücken schlagende Dramaturgie machte erfahrbar, wie nah diese unterschiedlichsten Klangsprachen zusammenliegen, vor allem wenn es darum geht, Erscheinungen genauestens zu betrachten, durch Variationen zu reflektieren um so dem Wesen der Dinge auf den Grund zu gehen.

Iris Mencke, Berlin

Bis der Damm bricht. ACHT BRÜCKEN im Hochwasserschutzgebiet

10. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

So etwas hat nur Köln als Konzertort zu bieten: Eine „Lagerstätte für mobile Hochwasserschutzelemente“. Im Süden der Stadt, ganz in der Nähe der Rodenkirchener Brücke, liegt die Lagerstätte, die aussieht, als sei sie die kleine Schwester eines Museums für moderne Kunst und klingt wie der nur etwas zu hallige kleine Bruder des Kammermusiksaals, den Köln (noch) nicht hat. Nach der feierlichen Eröffnung in der Kölner Philharmonie setzt das Festival ACHT BRÜCKEN am zweiten Tag die lustvolle Erkundung der Stadt fort, die schon zu den Markenzeichen der Musiktriennale gehörte.


Die preisgekrönte Architektur des Büros Trint + Kreuder hat die technische Abteilung der ACHT BRÜCKEN erneut mit Licht und Liebe in einen ansprechenden Konzertsaal verwandelt. Zwischen Sichtbetonwänden und Milchglasnischen steht das Podium für Michael Barenboim – Sohn des berühmten Dirigenten und Pianisten – der bereits am Vorabend mit Schönbergs Violinkonzert unter der Leitung von Pierre Boulez zu hören war. Rund um ihn herum Notenständer, mit den überformatigen Blättern der Partitur von Anthèmes.

Er verwickelt die Violine in ein polyphones Selbstgespräch, die kubistisch übereinander gelagerten Hochwasserschutzelemente reflektieren metallisch die Überlagerung der Stimmen. Es ist alles im Fluss. Bachs Partita mit der berühmten Chaconne verlangt mit ihrem überbordenden Fluss geradezu nach Einsatz der mobilen Schutzvorrichtungen, während die Töne den Raum von innen her fluten.  In Anthèmes 2 brechen alle Dämme, tritt Barenboim mit dem Klangregisseur Gilbert Nouno ein Duopartner vom Pariser IRCAM zur Seite, der mit Hilfe der Live-Elektronik den Solopart virtuell vervielfältigt und in den Raum projiziert: Eines der vielen Beispiele wie Pierre Boulez den „Wucherungen“ des Materials seiner Musik eine neue Form gegeben hat.

Als Gründer des Pariser IRCAM ist Pierre Boulez einer der institutionellen Väter der elektronischen Musik in Frankreich – die französische elektronische Musique concrète, erfunden am französischen Rundfunk, lehnte er jedoch lange Zeit vehement ab. In einem Lexikonartikel verfasste Boulez eine Polemik gegen die Musik, die sich mit dem „Schmutz“ der Wirklichkeit befasst und mit aufgenommenem Material arbeitet, das sie in der geschlossen Schallplattenrille gefangen hält: Samples im Loop würden man wohl heute sagen. Als hehres Gegenbeispiel diente Boulez – natürlich – die „reine“ elektronische Musik, wie sie im Kölner Studio für elektronische Musik des WDR „erfunden“ und – nur kurzzeitig in Reinform – „gelehrt“ wurde.

Wie einflussreich und inspirierend die Ansätze der musique concrète bis heute allerdings sind, stellte ein zweites Konzert im Alten Wartesaal unter Beweis, der an diesem Abend von Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln bespielt wurde. Die Verbindung von Ton und Bild scheint heute bereits für viele Komponisten selbstverständlich zusammen zu gehören – charmante Bezugnahmen auf die Initialen der musique concrète, Pierre Schaeffers Etudes aux chemins de fer – waren das Leitmotiv des Abends.

Nach dem zweiten Abend stellt man fest: Es macht sich tatsächlich Festspielstimmung breit in der Stadt. Publikumsströme erobern die bekannten und unbekannten Spielstätten. Der neu eingeführte Festivalpass mit dem Hologramm der ACHT BRÜCKEN wird offenbar gern genutzt. Und „der Hammer“  kommt ja erst noch…