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Mit ‘Schreibschule’ getaggte Artikel

Auf der Neunten Brücke – Im.Dialog mit Louwrens L.

29. April 2014   |   Kommentare geschlossen

Im.Dialog [] Louwrens Langevoort

Louwrens Langevoort im Dialog. Als Intendant der Kölner Philharmonie gibt er Einblicke. Er ist ein Kämpfer für die Zeitgenössische Musik, aber was meint er genau mit „alter“ Neuer Musik? Außerdem erzählt er vom Streben nach jungfräulicher Musik, dem ius primae noctis der Kunstliebhaber.

Louwrens Langevoort. Gesamtleiter ACHTBRÜCKEN und Intendant der Kölner Philharmonie

Christopher Warmuth

 

 

Diese Klanglichkeit! Publikumsbeobachtungen unter ACHT BRÜCKEN

17. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Nach außen unkenntlich gab es in unserem Seminar einen „blinden Passagier“. Taub war er keineswegs, wie seine Einlassungen unter Beweis gestellt haben. So auch diese Glosse, die von ganz besonderen Erfahrungen mit dem Festivalpublikum zeugt…

„Neue Musik“? Wer versteht schon etwas davon. Aufmerksam und interessiert wird das Geschehen in den Konzerten verfolgt. Die Gespräche über das Gehörte fallen dagegen recht einfach aus. Krönende Feststellung eines jeden Foyerplausches: Die unfassbare Klanglichkeit dieser zeitgenössischen Musik. Inmitten der schwadronierenden Masse findet sich ein freischaffender Komponist. Dieser stimmt eine Lobeshymne über den genialen Boulez an, um am Ende von seinem Gegenüber zu erfahren, dass er Webern gehört hat. Nicht besser ist ein Kulturschaffender, der aufgrund eines fehlenden Programmzettels von drei vorzutragenden Stücken ausgeht. Das Letzte davon soll Boulez sein. Nach dem dritten, erfolgreich gezählten Stück erklärt er: „Es ist schon erstaunlich, wie schnell der persönliche Zugang zu den Werken von Boulez mit dem Fortschreiten des Festivals wächst.“ Bevor er sich nach dem Applaus erheben kann, erklingt der eigentliche Boulez. Ertappt, versucht er seine Fassade zu wahren. Geradezu sympathisch treten da zwei Gewinner von Freikarten auf, die nach ihrem ersten „klassischen“ Konzert ihre Unvertrautheit mit dieser Musik offen preisgeben.

Daran erkennt man diese Kulturbanausen. Solch ein unangemessenes Verhalten kann man dem vermeintlichen Bildungsbürgertum nicht vorwerfen. Hier weiß man noch was Rückgrat heißt. Es bedarf nämlich viel Mutes und jahrelanger Übung, durch geschickte Gesprächsführung die eigene Unkenntnis zu vertuschen. Ob das Brücken baut, sei dahingestellt.

Tim Wendhack, Düsseldorf

Der erste Eindruck vom ersten Mal

15. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Nicht nur das Festival Acht Brücken findet zum ersten Mal statt, sondern auch die dazugehörige Schreibschule. Sonja Rehberg, die uns leider etwas früher verlassen musste (um mit Herrn Schuhbeck zu kochen) schickt Liebesgrüße aus Würzburg.

Wir sind jung, wir sind Studenten, wir gehen gerne Trinken und sind lange unterwegs. Wenn in Köln was steigt, sind wir auch gleich da. Weil wir Spaß haben wollen.

Trifft alles zu.

Wir sind jung und sind Studenten, deshalb wollen wir lernen und Erfahrungen sammeln. Wenn wir nichts mehr in unseren Kopf bekommen, trinken wir gerne ein Kölsch. Eines, nach getaner Arbeit, spät am Abend, bevor wir uns zu fortgerückter Stunde dann doch noch einmal an unseren Schreibtisch setzen. Und dennoch, wir haben richtig Spaß dabei, an der Schreibschule zum Festival Acht Brücken.

Am Sonntag, den 08.Mai haben wir uns alle eingefunden. Vor der Pforte der Kölner Philharmonie gerätselt, ob der oder die da auch dazugehören. Ob die nach „Schreiben“ aussehen. Empfangen haben uns dann alle, die uns in den kommenden acht Tagen in die Welt des Schreibens, der Rezensionen, Kommentare und Glossen einführen möchten. Das haben Sie getan, mit unglaublichem Wissen, Freude an der Arbeit und Interesse an unseren Interessen. Alle unter einen Hut zu bekommen, ist Ihnen, unseren Dozenten, wahrhaft gelungen. Der Eine hat bisher noch nie geschrieben, der Andere tut es, weiß aber nicht, ob es richtig ist. Wir sind Studenten der Musikwissenschaft, des Musikjournalismus, der Philosophie oder der Germanistik. Kommen aus dem ganzen Land und haben uns damit rumgeschlagen, für die Zeit, in der auch der Eurovision Song Contest nahe des Acht Brücken Festivals stattfindet, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Wir haben einiges auf uns genommen und das war gut so. Es hat sich gelohnt.

Jeden Morgen Seminare zum Schreiben, zur Pressearbeit und auch zum Thema Radio, jeden Mittag haben wir das Mittagessen im sogenannten Lunchkonzert ebenfalls mit dem Musikhören verbunden, jeden Nachmittag saßen wir am Schreibtisch und haben versucht, auf das Papier zu bekommen, was wir gehört und empfunden hatten. Abends gab es dann musikalischen Nachschub. Die Augenränder wurden größer, die Stimmung dennoch nicht weniger enthusiastisch.

Zum Ende der Woche hin dann die nackte Wahrheit. Was war gut, was schlecht, was könnte man wie anders machen. Hart aber ehrlich und vor allem hilfreich und somit auch das, was wir haben wollten. Eine offene Meinung. Die Schreibschule hat uns allen gezeigt, wo wir stehen und wie wir weitermachen können. Gleichzeitig haben wir Gleichgesinnte getroffen, Spaß gehabt und unglaublichen musikalischen Input bekommen. Wir werden sie weiterempfehlen, die Schreibschule. Angeblich soll es nach dem ersten Mal ja noch besser werden.

Sonja Rehberg, Würzburg

Intendant stehen die Haare zu Berge…

15. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

… dank der bezaubernden Maskenbildnerin von der Oper am Rhein ist die Angelegenheit bald geglättet.

… das künstlerische Betriebsbüro der Acht Brücken ist in eine verwickelte Angelegenheit verstrickt.

… aus der es noch strahlender als zuvor hervorgeht.

… weil das Abschlusskonzert eine Sixties-Party werden soll.

… lernt die Schreibschule nach dem Hochstapeln das Hochstecken.

Radiogeschichte(n) aus Köln

13. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Die Schreibschule im Hörfunkstudio beim WDR

Radioarbeit ist heute körperliche Arbeit, ein fast plastisches Gestalten. Wer den Tonleuten am WDR bei der Arbeit zusieht, erkennt, dass das Herstellen eines kleinen Beitrags tatsächlich eine bildende Kunst im wörtlichen Sinn sein kann. Da werden die Nahtstellen an den Übergängen zwischen Musik und Sprache verputzt, Unebenheiten von O-Tönen geglättet und aus mehreren Spuren ausgewogene Kompositionen entwickelt. Der Techniker lässt seine Hände geschmeidig und so schnell über die Audio-Workstation gleiten, dass die einzelnen Aktionen kaum noch wahrnehmbar sind. Vorsichtig führt er einen Regler der 0-dB-Marke entgegen, nimmt ihn dann wieder zurück. Auf dem Bildschirm entsteht eine Kurve, so weich, als sei sie von einem japanischen Kalligraphen gezogen.

Klang und Geräusch, das Material von Rundfunkprosa und Radiokunst, sind im digitalen Zeitalter keine flüchtigen Formen mehr. Das Medium hält sie fest, das Interface gibt sie dem Soundarbeiter an die Hand. Er kann heute damit arbeiten wie mit greifbarer Materie. Das war in der neunzig Jahre währenden Geschichte des Radios nicht immer so. Zu Beginn war der Rundfunk nur im Live-Modus machbar, er konnte eine Art Tor öffnen zwischen dem Funkhaus und der Welt. Erst die Schellackplatte, später das Tonband ermöglichten Aufnahme und Wiedergabe.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis. Denn es war ebenfalls in Köln, im Funkhaus des damaligen NWDR, wo Heinz Schütz zu einem der ersten Klanggestalter im heutigen Sinn wurde. Schütz arbeitete 1952 als Tontechniker im gerade neu gegründeten Studio für Elektronische Musik. Eigentlich sollte er traditionell ausgebildeten Komponisten dabei helfen, mit ihnen fremden Geräten und einem elektronischen Spielinstrument namens Melochord ihre Werke zu realisieren.

Schütz aber begann an der Sache Gefallen zu finden und experimentierte selbst mit der Manipulation von Tonbändern. Zeitzeugen erinnerten sich später daran, wie er auf der Suche nach interessanten Klängen mit kräftigen Körperbewegungen Bandstücke über den Tonkopf zog und wie er versuchte, das Material mittels Schieberegler musikalisch modelliert und zu Klangkomplexen übereinander geschichtet wieder auf Band zu verewigen. In Heinrich Bölls „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ kann man nachlesen, dass die Radioleute sich seinerzeit noch damit begnügten, Tonbandschnipsel zu Wort- oder Musikstrecken zusammenzukleben. Aus der heutigen Rundfunkpraxis ist das beinah unmittelbare Arbeiten mit dem Klang nicht mehr wegzudenken. Wir sprechen hier also von nichts Geringerem als der Geburt des modernen Radios aus dem Geist der Elektronischen Musik. AK

Herbert Eimert und Karlheinz Stockhausen im Kölner Studio für Elektronische Musik

Was die Kollegen schreiben [1]

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Langsam kommen wir in den Tritt: Die Augenringe werden dunkler, die Word-Dateien dicker. Zum Schreiben gehört das Lesen. Nicht nur von Partituren, auch die Strukturen lesen zu lernen haben wir uns hier vorgenommen. Und selbstverständlich – zum Lernen – auch die Rezensionen der Kollegen.

Ein interessantes Beispiel bot heute morgen die Rezension des Eröffnungskonzertes im Kölner Stadt-Anzeiger von Markus Schwering. Der Artikel hebt an mit einer „People-Geschichte“, die von der „überörtlichen Prominenz“ handelt, widmet sich dann ausschließlich kulturpolitischen Fragen, setzt mit einer ausführlichen Beschreibung des Publikums fort – „Das Publikum war in seiner Zusammensetzung übrigens erkennbar nicht ‚freakig'“, als ob es das bei einem Konzert mit Werken von Ravel, Strawinsky, Schönberg automatisch sein müsse – bevor er sich erstmals musikalischen Fragen widmet. Am Ende kehrt der Artikel zum Publikum zurück, das nach Ansicht des Rezensenten viel zu schnell applaudierte. In Köln scheint Musikkritik also im gleichen Maße Publikumskritik zu sein. Eine Frage hoffen wir darüber hinaus zu klären, wenn Herr Sandner wieder da ist: wie man sich das vorstellen soll, wenn es heißt, „da standen die herausragenden Einzelleistungen geradezu Schlange.“

Was die Kollegen schreiben [1]

11. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Langsam kommen wir in den Tritt: Die Augenringe werden dunkler, die Word-Dateien dicker. Zum Schreiben gehört das Lesen. Nicht nur von Partituren, auch die Strukturen lesen zu lernen haben wir uns hier vorgenommen. Und selbstverständlich – zum Lernen – auch die Rezensionen der Kollegen.

Ein interessantes Beispiel bot heute morgen die Rezension des Eröffnungskonzertes im Kölner Stadt-Anzeiger von Markus Schwering. Der Artikel hebt an mit einer „People-Geschichte“, die von der „überörtlichen Prominenz“ handelt, widmet sich dann ausschließlich kulturpolitischen Fragen, setzt mit einer ausführlichen Beschreibung des Publikums fort – „Das Publikum war in seiner Zusammensetzung übrigens erkennbar nicht ‚freakig'“, als ob es das bei einem Konzert mit Werken von Ravel, Strawinsky, Schönberg automatisch sein müsse – bevor er sich erstmals musikalischen Fragen widmet. Am Ende kehrt der Artikel zum Publikum zurück, das nach Ansicht des Rezensenten viel zu schnell applaudierte. In Köln scheint Musikkritik also im gleichen Maße Publikumskritik zu sein. Eine Frage hoffen wir darüber hinaus zu klären, wenn Herr Sandner wieder da ist: wie man sich das vorstellen soll, wenn es heißt, „da standen die herausragenden Einzelleistungen geradezu Schlange.“

Das rechte Besteck: Schreibschule für ein Festival

9. Mai 2011   |   Kommentare geschlossen

Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter – sie muss sich ähnlich anfühlen wie die Furcht des Schreibenden vor dem leeren Papier. Mit vielen weißen Seiten lädt das Programmbuch des neuen Festivals für zeitgenössische Musik, ACHT BRÜCKEN – MUSIK FÜR KÖLN, seine Leser ein, ihr eigenes Programmbuch zu schreiben. Oder, wie es Louwrens Langevoort, der Intendant der Kölner Philharmonie und künstlerische Gesamtleiter des Festivals ACHT BRÜCKEN, ausdrückt: zum „Hören und Kritzeln“.

Eine Gruppe sechzehn junger Menschen verfolgt diese Aufgabe in den kommenden Tagen gleichsam exemplarisch, im Rahmen einer Schreibschule, die das Festival ACHT BRÜCKEN ins Leben gerufen hat. Sie richtet sich an junge Menschen, die ihre Neugier für die Musik und den Journalismus miteinander verbinden wollen. Ein Festival mit dem Kraftzentrum „Pierre Boulez“ lädt im mehrfachen Sinne dazu ein. Nicht allein, weil Pierre Boulez selbst ein brillanter Schreiber ist, der in seinen Schriften – und gar in seinen mündlichen Einlassungen, ob auf französisch oder deutsch – die gleiche intellektuelle Eleganz, sinnliche Klarheit und extremistische Leichtigkeit an den Tag legt, wie in seinem Wirken als Dirigent und Komponist. Die Analysen, die er den Werken seiner Kollegen angedeihen lässt, zeugen davon, welch lohnendes Unterfangen es sein kann, rückt man dem Fleisch der Musik mit dem Besteck der Sprache zuleibe. Seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Verbindung von Wort und Ton, von Dichtung und Musik, wie insbesondere in seinen Werken Le Marteau sans maitre und Pli Selon Pli, hat neue Triggerpunkte des sinnlichen Sinns offen gelegt.

Für eine Schreibschule sind die Abenteuer der zeitgenössischen Musik noch aus anderem Grund eine lohnende Herausforderung. Die Auflösung musikalischer Konventionen verbietet es mehr noch als die Musik der Klassik und der Romantik, sich hinter einem Schutzwall eingeführter Fachbegriffe zu verbergen, die zwar alles sagen, doch über die Erfahrung nichts. Zurückgeworfen auf die eigene Wahrnehmung, ohne das Fundament von Bibliotheksmetern historischer Absicherung, sprechen die Werke der jüngeren Musik die Einladung aus, die neuen Erfahrungen auf einen neuen Begriff zu bringen. Dass viele Komponisten dabei selbst mit ideologischem Säbelgerassel, dem manifesten Begleitgeräusch jeder Avantgarde, vorangegangen sind, macht die Angelegenheit nicht leichter, im Gegenteil: Es ist die Aufforderung, sich über die eigene Erfahrungen mit den musikalischen Kunstwerken, mit Zeit, mit Welt, Rechenschaft abzulegen.  

Dass im Zentrum der ACHT BRÜCKEN keine Gruppe junger, unbekannter Neutöner steht, sondern einer der bedeutendsten lebenden Komponisten, dessen Schaffen längst kanonisiert ist und dessen Werke zum Teil bereits vor Jahrzehnten uraufgeführt worden sind, schmälert die Aufgabe nicht. Denn dass die ästhetische Erfahrung die sie vermitteln, nicht mehr neu und verstörend ist – dieser Beweis wäre noch zu erbringen. Auch hierin liegt der Reize einer Schreibschule, in der junge Menschen mit ihrer Hörerfahrung dem Schaffen von Boulez begegnen und daran arbeiten, diese sprachlich zu formulieren.

Es ist unvermeidlich, dass die wichtigsten Prozesse der Schreibschule unsichtbar bleiben wie die Randnotizen in den Programmheften. Im Rahmen dieses Blogs und im Rahmen einer Kooperation mit Klassik.com werden wir jedoch laufend aktuelle Beispiele unserer Auseinandersetzung veröffentlichen. Denn ebenso wie das Wesen der Musik die Kommunikation ist, so ist es wohl auch der Anspruch eines jeden Journalisten, die Kommunikation über Musik zu befördern. Für manche Menschen gehören Hören und Kritzeln eben einfach zusammen. Für alle anderen ist es eine Einladung zur Erweiterung des eigenen Erlebnisraums.  

Patrick Hahn